Zu viel Dünger? Lüner Landwirte ärgern sich über Messverfahren und Bauernmilliarde

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Deutschland verstößt gegen die EU-Nitratgrenzwerte. Das hat Folgen für die Bauern - auch in Lünen. Eine „Bauernmilliarde“ soll nun helfen. Doch davon halten die Landwirte vor Ort nicht viel.

Lünen

, 11.02.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Carl Schulz-Gahmen ist wütend: In seiner Funktion als Vorsitzender des CDU-Kreisagrarausschusses hatte der Lüner Landwirt

Bei den Probebohrungen entnimmt das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) Grundwasser, um es auf seinen Ammonium und Schwermetall-Werte zu testen. Ammonium ist eine Stickstoffverbindung, die durch Mikroorganismen im Boden zu Nitrat umgewandelt werden kann.
Ende Januar Vertreter der Landwirtschaftskammer und andere Bauern nach Bönen eingeladen.

Sie nahmen dort eine „Bohrlochbegehung“ vor, nahmen also Stellen in Augenschein, an denen das Landesministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (Lanuv) unter anderem den Nitratgehalt des Grundwassers misst.

„Eine der Stellen für die Probebohrungen war in einem Ententeich, eine andere in einem Hundezwinger“, erzählt Schulz-Gahmen. „Wenn ich so etwas sehe, werde ich richtig sauer. Hier herrscht ein Kuddelmuddel, auf dem dann die Werte aufgebaut werden. Und auf solcher Grundlage wird dann an unserem Einkommen gedreht.“

Neue Düngeverordnung verursacht geringere Ernten

Seit Sommer 2017 sind auch die Lüner Landwirte von strengeren Auflagen für die Düngung ihrer Felder betroffen, weil die Nitrat- beziehungsweise die Ammoniumwerte im Grundwasser zu hoch sind.

„Die Qualität des Grundwassers in Deutschland gehört zu den schlechtesten in Europa“, erklärte EU- Umweltkommissar Karmenu Vella etwa ein Jahr nach der EU-Klage gegen die Bundesrepublik auf Einhaltung der Nitratwerte. Deutschland drohen nun Strafzahlungen in Höhe von 800.000 Euro an die EU - pro Tag.

Entsprechend wurde den Landwirten auferlegt, die Düngung ihrer Felder um 20 Prozent einzuschränken und außerdem die Dünge-Periode zu verkürzen. Das hat oft einen Ausbau der Lagerkapazitäten für die Gülle und eine Reduzierung der Tierbestände zur Folge, wie Bauernverbände seitdem betonen.

Regierung verspricht „Bauernmilliarde“

Carl Schulz-Gahmen hält kein Vieh, Dünger bezieht er aus einer Biogasanlage. Aber: „Je weniger Dünger ich aufs Feld bringe, desto weniger ernte ich natürlich“, erklärt der Landwirt. „Und das hat dann insgesamt einen Rückgang der Ernten zur Folge.“

Um diese Verluste und gegebenenfalls höhere Investitionen auszugleichen, hat die Bundesregierung vor Kurzem versprochen, Finanz-Überschüsse den Landwirten zuzusprechen. CSU-Parteivorsitzender Markus Söder, sprach in diesem Zusammenhang von der „Bauernmilliarde“.

Carl Schulz-Gahmen kann das nicht überzeugen: „Das ist wieder mal ein groß angelegter bürokratischer Oberbau. Da muss ich wieder am Rechner sitzen und alles hoch kompliziert ausrechnen, um eine neue Düngestrategie zu erarbeiten.“

Forderung nach Standard-Messverfahren

Landwirt Vitus Schulze-Wethmar ärgert sich ebenfalls, auch wenn er als Biobauer gar nicht direkt von den Vorschriften betroffen ist. Für ihn ist die ganze Diskussion imageschädigend: „Wir stehen in der Öffentlichkeit einfach schlecht da. Immer heißt es, Bauern haben Probleme, Bauern wollen Geld, Bauern kriegen Geld.“ Dabei könne Geld die eigentlichen Probleme gar nicht beseitigen.

Für Friedhardt Freisendorf steht indes fest: „Da werden pro Hof nur ein paar hundert Euro ankommen. Und die Fehler der Vergangenheit kann man damit nicht ausgleichen. Es wird immer an den Bauern vorbei reglementiert.“

Bisher habe die Devise gegolten: „Nicht so nachhaltig wie nötig, sondern so wirtschaftlich wie möglich.“ Mit dem Umdenken seien die die Bauern plötzlich die Buhmänner, sagt der Lüner Landwirt: „Wir sind gerne umweltfreundliche Bauern, aber wir müssen davon leben können.“

Die „Bauernmilliarde“ sieht Freisendorf lediglich als Trostpflaster. „Und wenn ich sehe, wie Deutschland seine Feinstaubwerte misst, dann kann ich mir vorstellen wie mit den Nitratwerten umgegangen wird.“

In NRW gibt es insgesamt etwa 1500 Messstellen für die Grundwasserqualität. Sind die Richtwerte überschritten, wird die Messstelle auf der interaktiven Karte des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) rot markiert. Gemessen werden aber nicht nur Nitrat- sondern auch Schwermetallvorkommen.

In NRW gibt es insgesamt etwa 1500 Messstellen für die Grundwasserqualität. Sind die Richtwerte überschritten, wird die Messstelle auf der interaktiven Karte des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) rot markiert. Gemessen werden aber nicht nur Nitrat- sondern auch Schwermetallvorkommen. © www.elwasweb.nrw.de

Genau das ist auch Carl Schulz-Gahmens Hauptproblem: Die Messstellen seien willkürlich gewählt, das Verfahren nicht nachvollziehbar. „Die Messverfahren müssten standardisiert werden“, fordert er.

Ministerium prüft Messstellen und findet Schäden

„Im Zusammenhang mit zu hohen Nitratwerten im Grundwasser überprüft Nordrhein-Westfalen derzeit die vorhandenen Grundwasser-Messstellen“, heißt es tatsächlich in einer Pressemitteilung des Lanuv vom 29. Januar.

Etwa 300 der insgesamt 1500 Messstellen in NRW seien überprüft und an 10 Prozent davon seien Mängel festgestellt worden. „Zum Beispiel wiesen Messstellen bauliche Schäden auf“, heißt es in der Pressemitteilung weiter, „es fehlte eine Anbindung an den Grundwasserleiter, Messstellenunterlagen waren nicht vollständig oder die Absicherung gegen Beschädigung war fehlerhaft.“

Man gehe davon aus, innerhalb des ersten Halbjahrs 2020 die Mängel zu beheben und fehlerhafte Messstellen zu ersetzen oder auszusondern.

Lanuv: Ursache der zu hohen Werte ist der Dünger

Allerdings: „Man darf nicht die Frage nach dem Standort stellen“, sagt Wilhelm Deitermann, Pressesprecher im Lanuv. Die Auswahl sei repräsentativ, es gebe einen Leitfaden, nach dem Messstellen präpariert werden und Standards, die extrem wissenschaftliche seien und EU-weit gelten.

„Die Messungen sind nachgewiesenermaßen nicht anzugreifen. Die Ursache für das Problem sind nicht falsche Messverfahren, sondern ursächlich ist das Düngen auf landwirtschaftlichen Flächen, sprich: zuviel Dünger auf den Feldern.“

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