Paul Wessel ist aus Versmold an die Stadtgrenze Dortmund/Castrop-Rauxel gekommen. Er pflanzt im Auftrag von Landwirt Jan Menken Spargel an. © Uwe von Schirp
Landwirtschaft 2.0

Spargelanbau per GPS: Für das Königsgemüse ist kein Weg zu weit

Spargel-Ernte hier, Pflanzzeit nebenan. Im Schneckentempo fährt ein 237 PS starker Traktor in präzisen Linien das Feld auf und ab. Im Führerhaus sitzt Paul Wessel. Zu tun hat er quasi nichts.

Es ist 8 Uhr an diesem Donnerstagmorgen. Paul Wessel hält eine Eisenstange und einen schweren Vorschlaghammer in der Hand. Mit dem Hammer rammt er die Stange in die braune Erde. Er rangiert seinen Trecker, schaut nach rechts und drückt einen Button auf dem Display eines Tablets.

Zügig fährt er über das Feld entlang der Nierhausstraße. Paul steigt aus dem Führerhaus, nimmt eine zweite Stange, rammt auch die in den Boden. Wieder dirigiert er den Traktor, schaut aufs Display und drückt einen Button. Der routinierte Ablauf soll für Stunden die letzte schnelle Aktion sein.

Paul ist schon lange auf den Beinen. Im Morgengrauen hat er sich im ostwestfälischen Versmold auf den Weg gemacht. 98 Kilometer bis zum Feld an der Stadtgrenze von Castrop-Rauxel und Dortmund-Oestrich. Maximal 50 km/h kann er fahren. Das ist rasend schnell im Vergleich zu dem, was in den kommenden Stunden folgt.

„Ich habe das geradeaus Fahren nicht gelernt“

Der 21-Jährige arbeitet bei der Gebrüder Schnur GmbH, einem Lohnunternehmen für die Landwirtschaft. Paul hat – wenn man so will – einen herausragenden Job. Er verdient sein Geld mit Geradeaus-Fahren. Stimmt nicht so ganz: Der Land- und Baumaschinen-Mechatroniker lässt geradeaus fahren, müsste es richtig heißen.

In exakt parallelen Linien fährt der Trecker den Acker ab. Die Pflanzmaschine setzt alle 20 Zentimeter einen Spargel-Setzling in den Boden.
In exakt parallelen Linien fährt der Trecker den Acker ab. Die Pflanzmaschine setzt alle 20 Zentimeter einen Spargel-Setzling in den Boden. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Und wenn auch diese Einschätzung erlaubt ist: Paul gehört quasi zur digitalen Avantgarde – Handarbeit nahezu ausgeschlossen. „So gerade fahren kann ich nicht“, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion. Er meint, mit dem Lenkrad in der Hand. „Ich habe es nicht gelernt.“ Natürlich hat er den Führerschein Klasse T.

Das klingt ein wenig kurios und ruft bei dem Einen oder Anderen womöglich Kopfschütteln hervor. Aber: Paul Wessel verrichtet an diesem Tag an der Stadtgrenze Präzisionsarbeit. Landwirtschaft 2.0. Digital. Zwischen beiden Metallstangen mit dem exakt platzierten Traktor zieht das Tablet eine schnurgerade Linie. Der folgt der Trecker.

Zu Beginn programmiert Paul Wessel eine gerade Linie auf dem Tablet. Es übernimmt anschließend die Steuerung des Traktors. Die grüne Fläche ist nachmittags bereits bepflanzt.
Zu Beginn programmiert Paul Wessel eine gerade Linie auf dem Tablet. Es übernimmt anschließend die Steuerung des Traktors. Die grüne Fläche ist nachmittags bereits bepflanzt. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Die Linie markiert die ersten beiden Pflanzreihen. Alle weiteren programmiert Paul auf einen Abstand von 1,85 Metern. Der Traktor fährt sie präzise parallel entlang. Auftraggeber ist Jan Menken, Landwirt aus Deininghausen. Spargelbauer. Hier, an der Ecke der Straßen Im Dahl und Nierhausstraße, hat er gut eineinhalb Hektar Land gepachtet. Für den Spargelanbau.

Kraftpaket hat 237 PS

Auf zweieinhalb Hektar baut Menken bereits die Königin der Gemüse an – einen Steinwurf weiter Im Dahl und auf einem Feld in Dingen. „Der Zulauf im Hofladen ist mittlerweile so groß, dass wir mehr Spargel brauchen“, erklärt der Landwirt zu Saisonbeginn an Ostern. Darum das weitere Feld. Darum ist Paul Wessel nun, vier Wochen später, an diesem Morgen hier.

Um kurz nach acht steigt der Landmaschinenmechatroniker auf den Trecker. Auf der Anhängerkupplung hängt die Pflanzmaschine. Paul hat sie mitgebracht – über 98 Kilometer aus Versmold.

Drei Erntehelfer von Jan Menkens Hof hocken sich auf die Sitze der Maschine: vor ihnen zwei riesige Pflanzräder und Ablageflächen. Darauf liegen Spargel-Setzlinge. Die Erntehelfer setzen die jungen Pflanzen in kleine gelbe Pflanzteller.

Die drei Erntehelfer sitzen hinten auf der MAschiene und brstücken die Pflanzräder mit Setzlingen.
Die drei Erntehelfer sitzen hinten auf der MAschiene und brstücken die Pflanzräder mit Setzlingen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Paul Wessel startet den Trecker – einen Fendt 724: 5,24 Meter lang, 2,5 Meter breit, 3,05 Meter hoch. 7,9 Tonnen ist er schwer, die Hinterräder mannshoch. Der Dieselmotor erzeugt eine Leistung von 237 PS (174 kW). Ein Kraftpaket.

Einheit von Menschen und Maschinen

Die Einheit aus Trecker und Pflanzmaschine, besetzt mit vier Menschen, setzt sich in Bewegung. Wie in Zeitlupe. 500 Meter in der Stunde (0,5 km/h). Den Acker an der Nierhausstraße rauf und runter. Absolut parallel im programmierten Abstand. Die beiden Räder der Pflanzmaschine drehen sich synchron.

Gewaltig sind die Schaufeln der Pflanzmaschine. Sie ziehen exakt 20 Zentimeter tiefe Pflanzgräben für den weißen Spargel.
Gewaltig sind die Schaufeln der Pflanzmaschine. Sie ziehen exakt 20 Zentimeter tiefe Pflanzgräben für den weißen Spargel. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Wie bei einem Pflug ziehen stählerne Schaufeln Furchen in den Acker. 20 Zentimeter tief. Die gelben Teller auf den Pflanzrädern geben die Setzlinge frei. Exakt fünf auf einen Meter. Unermüdlich drücken die Erntehelfer sie in die gelben Teller. Die Maschine bedeckt die jungen Pflanzen und schließt die Furche.

Es dauert Stunden, bis 30.000 Spargelpflanzen in der Erde sind. „Das braucht aber nur ein Drittel der Zeit, als wenn wir von Hand pflanzen“, sagt Jan Menken. „Pflanzmaschinen gibt es schon seit 40 Jahren.“

Gewaltig sind die Schaufeln der Pflanzmaschine. Sie ziehen exakt 20 Zentimeter tiefe Pflanzgräben für den weißen Spargel.
Haben die Pflanzbänder die Setzlinge in den Boden gebracht, zieht die Maschine den Pflanzgraben wieder zu © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Die halb-automatische und nun digitalisierte Pflanzung verkürzt aber nicht nur die Zeit. Die exakten Parallellinien, die der Traktor GPS-gesteuert abfährt, ergänzen die genauen Pflanzabstände in den Reihen. Spargelanbau im Raster und mit Präzision – optimiert für beste Wachstums-Bedingungen und entsprechenden Ertrag.

Dienstleistungs-Nachfrage ist hoch

Es gibt bundesweit nicht viele landwirtschaftliche Lohnbetriebe, die diese Dienstleistung erbringen können. „Ein Kollege von mir war in diesem Frühjahr in Lüneburg“, erzählt Paul Wessel. Die Stadt liegt gut doppelt so weit von Versmold entfernt wie Deininghausen und Oestrich. Die Nachfrage der Landwirte sei hoch.

Welch ein Aufwand. Aber auf dem Feld an der Stadtgrenze soll ja nicht irgendeine Feldfrucht gedeihen, sondern das „Königsgemüse“. Paul Wessel und die Erntehelfer pflanzen auf diesem Hektar weißen Spargel der Sorte Frühlim.

Jan Menken baut sie zum ersten Mal an. „Es gibt positive Studien über die Sorte“, sagt er. „Mein Ziel ist es, so früh wie möglich Spargel zu haben.“ Spargelanbau unter marktwirtschaftlichen Aspekten: „Ende März, Anfang April sind die Verkaufspreise um einiges höher.“

Derzeit läuft die Spargelernte auf Hochtouren. Auf dem Feld Im Dahl an der Stadtgrenze haben die Erntehelfer den ersten Spargel in den Tagen vor Ostern gestochen.
Derzeit läuft die Spargelernte auf Hochtouren. Auf dem Feld Im Dahl an der Stadtgrenze haben die Erntehelfer den ersten Spargel in den Tagen vor Ostern gestochen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Das ist die Zeit, bevor Großproduzenten auf den Markt drängen und die Menge den Preis drückt. Spargelfans sehnen indes in jedem Jahr den Verkaufsstart herbei. Der Andrang am Oster-Wochenende im Hofladen Menken zeugt davon.

Erste Ernte in zwei Jahren

Spargelanbau ist aufwendig und ein langfristiger Prozess. Wochen, bevor Paul Wessel mit Trecker und Pflanzmaschine an die Stadtgrenze kommt, laufen die Vorbereitungen. Jan Menkens Team bereitet den Feldboden zunächst mit Kompost, dann mit Kalk vor.

„Man kommt schließlich acht bis zehn Jahre nicht unter die Wurzel“, erklärt der Spargel-Bauer. „Eine Spargelpflanze wird im Schnitt acht Jahre lang geerntet.“ Hinzu kommt die Vor-Erntezeit. Erst im Frühjahr 2023 kann Menken die ersten Stangen auf dem neuen Feld stechen.

Die jungen Pflanzen müssen sich erst entwickeln. „Im nächsten Jahr wächst der Spargel komplett aus“, erklärt er. Die Ernte erfolgt dann im zweiten Frühsommer nach der Pflanzung. All diese Faktoren begründen die Präzision und Sorgfalt beim Anbau des Königs-Gemüses.

Bis Jan Menken auf dem neuen Feld den ersten Spargel ernten kann, vergehen zwei Jahre. Die Pflanzen müssen 2022 eine Saison komplett durchwachsen.
Bis Jan Menken auf dem neuen Feld den ersten Spargel ernten kann, vergehen zwei Jahre. Die Pflanzen müssen 2022 eine Saison komplett durchwachsen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Auf einem weiteren halben Hektar – „zwei Morgen“, sagt Jan Menken althergebracht – zieht Paul Wessel an diesem Donnerstag nur zehn Zentimeter tiefe Furchen. Hier, im hinteren Teil des Ackers an der Nierhausstraße kommt grüner Spargel in den Boden. Anders als der weiße Spargel, wächst er im Licht und über der Erde.

Reinigung mit dem Vorschlaghammer

Grüner Spargel ist noch anspruchsvoller im Anbau. Und der Ertrag um gut ein Drittel geringer. Jedoch ist der farbige Spargel reicher an Vitaminen und Mineralstoffen. Und er gilt als geschmacksintensiver.

Es ist Donnerstagnachmittag. Auf dem Acker an der Nierhausstraße hebt der Fendt 724 die Pflanzmaschine an. Paul Wessel steigt aus dem Führerhaus. Mit dem Vorschlaghammer schlägt der Mechatroniker vor die Pflugschaufeln. Dicke Erdklumpen fallen herunter.

Paul Wessel hat die Pflanzmaschine abgerüstet. Die Transportkästen kommen in eine Staubox vorne am Trecker. Dann geht es heim nach Ostwestfalen.
Paul Wessel hat die Pflanzmmaschine abgerüstet. Die Tranpostkästen kommen in eine Staubox vorne am Trecker. Dann geht es heim nach Ostwestfalen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Der 21-Jährige nimmt die Bänder von den großen Pflanzrädern, baut die seitlichen hinteren Stützreifen der Maschine ab. Das gesamte Equipment verstaut er in einem Kasten an der vorderen Kupplung des Treckers. Auftrag erledigt – den Arbeitstag noch nicht.

Paul Wessel startet den 237 PS starken Dieselmotor und macht sich auf den Weg: nach Versmold im Landkreis Gütersloh – 98 Kilometer entfernt, über Stadt- und Landstraßen, mit 50 km/h.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp
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