Nach einem Verkehrsunfall am Samstag in Ascheberg sucht die Polizei nun Zeugen. © picture alliance / Patrick Seege
Unterlassene Hilfeleistung

Keine Hilfe für gestürzten Rentner: Autofahrer fahren einfach weiter

Ein älterer Mann stürzt mit seinem Rollator. Die Raesfelderin Kathrin Steffens hält an und versucht, zu helfen. An diesem Morgen ist sie die Einzige. Zahllose Autofahrer fahren einfach weiter.

Kathrin Steffens hat am Donnerstagmorgen eine Situation erlebt, die sie hilflos und wütend zurücklässt: Kurz nach 8 Uhr sei sie mit ihrem Auto auf der Dorstener Straße im Raesfelder Ortskern unterwegs gewesen. Kurz nach dem Abbiegen in die Weseler Straße habe sie gesehen, dass in Höhe der Postfiliale ein Mann mit seinem Rollator gestürzt war und auf der Fahrbahn lag.

Sie habe sofort ihr Auto angehalten, die Warnblinkanlage eingeschaltet und sei ausgestiegen, erzählt die Raesfelderin und vierfache Mutter. „Das war ein älterer Herr“, so beschreibt sie den Mann, der vor ihr auf der Straße gelegen habe.

Ihre Tochter habe sie in diesem Moment im Auto sitzen gelassen, um dem Mann zu Hilfe zu kommen. Rund zehn Autos habe sie in den folgenden Minuten versucht anzuhalten und um Unterstützung gebeten. Die Reaktion: Die Fahrer hätten teils kommentarlos nach ihrer Bitte die geöffneten Seitenfenster wieder geschlossen. Andere Fahrer hätten ihr „einen Vogel gezeigt“ und seien weitergefahren. Dieses Geschehen habe sich über einige Minuten hingezogen, sagt Steffens. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt sie empört. Denn: „Der Mann lag mitten auf der Straße“, und trotzdem habe ihr niemand geholfen, sagt sie.

„Ich war am Boden zerstört“

Einen Krankenwagen zu rufen, habe der Mann aber deutlich abgelehnt. Es sei ihm schon häufiger passiert, habe er ihr zu seinem Sturz erklärt. „Er hat ein bisschen am Kopf geblutet“, beschreibt die Raesfelderin die Verletzungen des Mannes. Mit Hilfe einer anderen Frau sei der Mann schließlich wieder auf die Beine gekommen. Er sei dann weggegangen, und sie habe ihn später noch im Dorf gesehen, so Steffens über das weitere Geschehen. Die Polizei sei nicht vor Ort gewesen, ergänzt sie.

„Es ist diese Unmenschlichkeit“, so bewertet sie die Reaktion der Autofahrer. Und: „Ich war am Boden zerstört.“ Ihr sei es wichtig, auf diesen Vorfall aufmerksam zu machen. Auch in Zeiten der Coronavirus-Pandemie Hilfe zu leisten, darauf komme es ihr an.

Polizei: Unterlassene Hilfeleistung „kein häufiges Delikt“

Unterlassene Hilfeleistung sei in der Kriminalstatistik „kein häufiges Delikt“, sagt Frank Rentmeister, der Pressesprecher der Kreispolizei in Borken, generell zu diesem Straftatbestand. Nur: „Das ist immer eine Einzelfallentscheidung“, gibt er zu bedenken. Grundsätzlich sei jeder verpflichtet, Hilfe zu leisten. Den Raesfelder Fall könne er nicht bewerten. So viel: Wenn schon jemand helfe, müsse nicht unbedingt eine weitere Person hinzukommen. Heißt: Die Autofahrer mögen rücksichtslos gehandelt haben, aber ob sie damit eine Straftat verwirklicht haben, ist eine andere Frage.

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