Die Milchkühe von Stefan Potthoff stürmen aus dem Stall in Richtung Weide. Der Nordvelener Landwirt hat seinen Betrieb vor rund fünf Jahren auf Bio umgestellt. Weidehaltung ist ein zentrales Element der Umstellung. Den Tieren gefällt es. Sie springen förmlich an die Luft. © Lars Johann-Krone
Biobetrieb

Kühe machen Luftsprünge: Der „Öko-Stempel“ spornt Velener Landwirt an

Der Weg war lang. Und er war nicht einfach. Der Velener Landwirt Stefan Potthoff hat seinen Milchbetrieb auf Bioproduktion umgestellt. Trotz mancher Schwierigkeiten hat er den Schritt nicht bereut.

Viele Landwirte gibt es noch nicht, die in Velen und Umgebung auf Bio-Produktion umgestellt haben. Bei Milchviehbetrieben ist es noch seltener. Stefan Potthoff ist ein Bauer, der den Schritt von der konventionellen zur Bio-Landwirtschaft gewagt hat.

Stefan Potthoff bereut seinen Schritt, Biolandwirt zu werden, nicht.
Stefan Potthoff bereut seinen Schritt, Biolandwirt zu werden, nicht. © Lars Johann-Krone © Lars Johann-Krone

Fünf Jahre ist das ungefähr her. Bereuen tue er es auf keinen Fall, sagte er. In der vergangenen Woche hat Potthoff seine Tiere raus auf die Weide gelassen. Schritte, die Kühe in konventionellen Ställen eher selten machen.

Ausgelassene Milchkühe

Dass etwas Schweres im Anmarsch ist, ist auf dem Hof Potthoff in Nordvelen schon zu spüren, als die Kühe für den Beobachter in einigen Metern Entfernung zum Stall noch nicht zu sehen sind. Der Boden vibriert, die Tiere muhen. Dann nehmen die ersten Milchkühe mit Tempo die scharfe Rechtskurve der Gasse, die sie weiter auf die große Weide führt.

Mal sind es die Hinterläufe, die in die Luft fliegen – teils gefährlich nahe am Kopf der hinterherlaufenden Kuh, teils werden die vorderen Beine weit nach vorne geschleudert. Die gewonnene Freiheit nach dem Winter im Stall gefällt den Tieren sichtlich.

Das Herauslassen aus dem Stall ist allerdings nur ein kleiner Aspekt, an dem abzulesen ist, dass es sich beim Hof von Stefan Potthoff und seiner Familie um einen handelt, der nach Bioland-Standards produziert. Aktuell arbeiten seine Eltern sozusagen in Teilzeit noch auf dem Hof mit. Der 32-Jährige beschäftigt einen Auszubildenden sowie zwei Mitarbeiterinnen in Teilzeit.

Qualität statt Masse

Vor knapp sechs Jahren ist Potthoffs Vater Heinrich auf seinen Sohn zugekommen mit der Idee, die eigene Landwirtschaft umzustellen. „Das war, als meine Eltern von einer Radtour heimkamen. Sie waren unter anderem auf dem Biohof von Tanja Ketteler in Borken“, erinnert sich Potthoff. „Ich war damals 27 Jahre alt, hatte gerade die Meisterschule beendet. Und ich musste gucken, wie ich die nächsten 30 Jahre vernünftig weiterwirtschaften kann. Es war einfach eine Chance, nicht auf Masse zu setzen, sondern auf Qualität, also auf Bio.“

Die Alternative habe für ihn sein können, den Tier-Bestand zum Beispiel auf 300 Tiere zu erhöhen. „Allerdings ist die Flächenausstattung hier im Kreis Borken auch nicht unbedingt so prickelnd, dass es immer für 300 Kühe reicht“, sagt der Landwirt.

2015 den entscheidenden Schritt getan

Ende 2015 machte Potthoff einen entscheidenden Schritt und rief bei der Molkerei Söbbeke in Epe an, um zu fragen, ob diese seine Milch abnehmen würde. „Denn das Schwierigste ist, weiß ich rückblickend, einen Abnehmer zu finden für seine Milchmengen“, so Potthoff. Söbbeke verarbeitet lediglich Milch, die nach Bioland-Standards hergestellt wird.

Wenn Potthoff die Geschichte allerdings Ende 2015 beginnt, vergisst er die Vorgeschichte, die durchaus von Zweifeln geprägt war. „Stimmt. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um mir Gedanken zu dem Thema zu machen“, erinnert sich Potthoff. „Nach der ersten Beratung mit einem Bioland-Vertreter hier vor Ort, hatte ich den Papp eigentlich schon auf. Ich habe zu meinem Vater gesagt, dass wir das nicht machen. So viele Umstellungen, die nötig waren. Ich brauchte zwei Wochen, um mich zu beruhigen.“

„Blöde Sprüche“ im Freundeskreis

Auch im Freundeskreis habe er sich so manchen blöden Spruch anhören müssen, habe den Öko-Stempel aufgedrückt bekommen. „Viele haben mir einen Vogel gezeigt, als ich erzählte, dass ich umstelle. Bei Öko-Potthoff stehe nachher das Unkraut bis unter die Dachrinne, haben einige gesagt. „Und die Nachbarn schauen dir hier natürlich genau auf die Finger. Aber da stehe ich drüber. Der Ehrgeiz war da geweckt, den Leuten zu zeigen, dass es auch anders geht“, blickt Potthoff zurück und lacht.

Die Gedanken kreisten in der ersten Zeit um die Flächen, die ihm zur Verfügung stehen. „Wer schwere Böden hat, braucht eigentlich gar nicht mit Biolandwirtschaft anfangen“, so Potthoff. Auf nasse Böden komme man erst spät drauf, um zu striegeln, also die Unkrautbildung auf mechanische Art und Weise zu regulieren. „Da geht es teilweise um stundengenaues Handeln. Wer zu spät striegelt, kommt teilweise nicht mehr gegen das Unkraut an und gefährdet seine ganze Ernte“, so Potthoff.

Übergangszeit war nicht leicht

Die mechanische Bekämpfung des Unkrauts ist nötig, da Spritzmittel wie auch Mineraldünger im Biolandbau ausgeschlossen sind. Da Potthoff Tiere hält, kann er seine Gülle zum Düngen nutzen. Teilweise setzt er allerdings auf sogenannte Leguminosen als Stickstofflieferanten für den Boden. Potthoff pflanzt zum Beispiel Kleegras.

Schwer sei auch die Übergangszeit hin zum Biohof gewesen. Die Umstellung kostete einen niedrigen sechsstelligen Betrag, berichtet Potthoff. Am Stall wurde ein großer Auslauf gebaut, Wege, Zäune und Wiesen für den Weidegang mussten errichtet werden. Jedes Tier muss laut Richtlinie 600 Quadratmeter Weidefläche haben. Das Gespräch mit der Bank sei dabei allerdings ein sehr leichtes gewesen. „Die Bank hat sofort gesagt, dass sie das Projekt begleitet, fand es gut, dass wir uns Gedanken gemacht haben“, berichtet der Bio-Landwirt.

Mehr Möglichkeiten geschaffen

In Sachen Ackerbau musste Potthoff von der Umstellung an höhere Kosten für das Saatgut einkalkulieren. Zudem musste er von 2016 bis 2018 seine Flächen zwar biologisch bearbeiten, seine Ware aber noch konventionell verkaufen, da das Futter noch nicht von biologisch bewirtschaften Böden stammte. Das hatte weitere Einbußen zur Folge. Ende 2018 waren schließlich das Futter für die Tiere und der Hof auf Bio umgestellt.

Potthoff ist zufrieden, den Schritt getan zu haben. „Ich vergleiche das immer mit einem Raum, in dem ich stehe. Der hatte früher zwei Ausgänge, die ich hätte wählen können. Durch die Umstellung hat der Raum acht Ausgänge bekommen“, so Potthoff. Direktvermarktung oder Gemüseanbau stehen zum Beispiel auf den Türen, für die Potthoff theoretisch nur den Schlüssel aus der Tasche ziehen müsste. „Das gefällt mir richtig gut. Dieses Jahr fangen wir zum Beispiel schon mit Salat und Sellerie an.“

Kühe sind weniger für Krankheiten anfällig

Vorteile seien zudem, dass seine Tiere seiner Meinung nach gesünder und durch das andere Futter fitter seien. „Klar, die Milchleistung ist nicht mehr die von konventionell gehaltenen Kühen, das ist aber durch den höheren Milchpreis aufzufangen. Klauen- und andere Krankheiten haben allerdings auch deutlich abgenommen. Das belegen unsere Aufzeichnungen“, so Potthoff. Mittlerweile sei er stolz, die Umstellung gewagt zu haben. „Klar gibt es Rückschläge, wenn zum Beispiel das Unkraut mal zu hoch gewachsen ist“, aber zu 80 Prozent sei es ein Erfolg gewesen.

Das ist Bioland

  • Bei Bioland handelt es sich um einen eingetragenen Verein. Zum Anbauverband gehören laut Angaben von Bioland mehr als 8100 Landwirte, Gärtner, Imker und Winzer aus Deutschland und Südtirol.
  • Die sogenannten Bioland-Bauern bewirtschaften eine Fläche von rund 445.000 Hektar. Richtlinien regeln bei Bioland die landwirtschaftliche Produktion und die Tierhaltung.
  • Alle Bioland-Mitglieder und Marktpartner werden mindestens einmal im Jahr durch staatlich zugelassene und unabhängige Kontrollstellen auf die Einhaltung der Verordnung kontrolliert.