Missbrauchsfälle in der Kirche

Missbrauch in Coesfelder Kirchengemeinde: Opfer empört über Schweigen

Warum schweigen die Verantwortlichen? Diese Frage stellen sich Gemeindemitglieder und Betroffene aus Coesfeld, nachdem nun ein Missbrauchsfall bekannt geworden ist.
Nach der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster, halten zwei Betroffene die Bücher in den Händen. In der katholischen Gemeinde St. Lamberti herrscht nun Aufruhr: Über einen Fall aus Coesfeld schwiegen die Verantwortlichen sich aus.
Nach der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster, halten zwei Betroffene die Bücher in den Händen. In der katholischen Gemeinde St. Lamberti herrscht nun Aufruhr: Über einen Fall aus Coesfeld schwiegen die Verantwortlichen sich aus. © picture alliance/dpa

„Man weiß es, es steht doch fest. Warum schweigen die Verantwortlichen?“ Rudolf Schulze Bertelsbeck, Mitglied der Gemeinde St. Lamberti und in den 90er-Jahren Pfarrgemeinderatsvorsitzender in St. Jakobi, kann nicht verstehen, warum die Gemeinde im Zusammenhang mit dem Historiker-Gutachten zum sexuellen Missbrauch im Bistum Münster nicht klar benannt hat, dass sich einige Fälle auf Coesfeld beziehen.

Er betont, dass es besonders noch „verborgenen Opfern“ helfen könnte, wenn sie wüssten: „Ich bin nicht der einzige Betroffene.“

Diese Kritik teilen auch mutmaßliche Opfer. Eines hat sich anonym an die Allgemeine Zeitung Coesfeld gewandt: „In dem Artikel steht, dass Herr Bude und sein Team nicht wissen, ob es aktuell Täter gibt! Ich bin mir sicher, auch durch die Gespräche mit dem Bischof und Herrn Frings (dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums, Anmerkung der Redaktion), dass die Gemeinde informiert ist.“

Im Gutachten benannter Priester lebt noch in Coesfeld

Der Priester, der ihn in den 90er-Jahren missbraucht habe, lebe noch heute in Coesfeld. „Außer dass er nicht mehr priesterlich tätig sein darf, ist aber nichts weiter passiert und keine weiteren Sanktionen erfolgt.“ Er schreibe anonym, weil er Angst habe „vor Repressalien und weiteren Androhungen“ des Geistlichen. „Die Wahrheit muss ans Licht“, fordert er.

Der Allgemeinen Zeitung gelang es, ein weiteres mutmaßliches Opfer des Priesters ausfindig zu machen. Auch Thomas Meyer (Name von der Redaktion geändert) ist empört über die Nicht-Reaktion der Gemeinde und vor allem des Bistums: „Warum macht man diesen Fall nicht auf?“, fragt er. „Alle Umstände sind bekannt.“ Im Gutachten der Historiker-Kommission sei der Priester als „M.“ (das ist nicht der Anfangsbuchstabe seines Namens) unkenntlich gemacht worden.

Priester im Gutachten unkenntlich gemacht

Auch der Tatort Coesfeld und der frühere Tatort Berlin würden nicht genannt. „Da sitzt dieser Mann doch jetzt zu Hause und lacht sich ins Fäustchen.“ Auch er findet Öffentlichkeit wichtig, damit sich gegebenenfalls weitere Opfer melden können. Den Mut, den Klarnamen des Mannes zu nennen, habe aber leider nur der „Eckige Tisch“, eine Organisation von Missbrauchsopfern in der katholischen Kirche.

Auf dessen Internetseite (www.eckiger-tisch.de) stehe ein Aufruf, dass sich Opfer des Priesters melden sollen. Mit vollem Namen genannt wird er darüber hinaus im Gutachten des Erzbistums Berlin. Die Fälle dort seien aufgearbeitet, was man von den Coesfelder Fällen noch nicht sagen könne.

Warum schweigt die Kirche zu dem Fall? Glaubt sie den Opfern nicht? „Ich habe mit zwei Betroffenen gesprochen und keinen Grund zu zweifeln, dass das so passiert ist“, stellt Peter Frings, Missbrauchsbeauftragter des Bistums Münster, klar. Und der Umgang mit den Opfern, geht er mit den damaligen Verantwortlichen im Bistum hart ins Gericht, sei „eine Katastrophe“ gewesen.

Nur der damalige Pfarrer Dieter Frintrop habe zu ihnen gestanden, wurde aber von Weihbischof Josef Voß ausgebremst. Gleichzeitig nimmt Frings aber St. Lamberti hinsichtlich der Nichtveröffentlichung in Schutz: „Die Pfarre konnte nicht anders reagieren.“

Die Gründe seien rechtlicher Natur. „Es handelt sich nicht um einen verurteilten Täter“, begründet Frings. Der Beschuldigte streite alles ab. Und die mutmaßlichen Taten seien verjährt. „Ja, wir sind auch Mitwisser“, ergänzt Matthias Bude, Pastoralreferent von St. Lamberti. „Und trotzdem sind uns die Hände gebunden“, sagt er. „Diese Ambivalenz muss ich aushalten.“

Dechant Johannes Arntz berichtet, dass im Arbeitskreis der Coesfelder Gemeinden zum Missbrauch durchaus „darum gerungen“ worden sei, ob man den Fall öffentlich macht. Auf Frings‘ Anraten habe man sich dagegen entschieden. Damit folge man auch dem Gutachten, in dem aus rechtlichen Gründen weder Name noch Ort genannt würden.

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