Heute würde Sebastian Micheel zwei Mal in seine alte Hose hineinpassen. Statt 205 Kilogramm wiegt er bei einer Größe von 1,97 Metern heute noch 102 Kilogramm. © privat
Gewichtsreduktion

Nur noch „der halbe Mensch“: Sebastian Micheel wog 205 Kilogramm

Sebastian Micheel hat sich halbiert. Statt 205 wiegt er noch 102 Kilo. Jetzt hat er neue Ziele: Er will im Oktober einen Halbmarathon laufen und eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen.

205 Kilogramm – Micheel erinnert sich noch haargenau, wie ihm das Gewicht bewusst wurde. „Ich ahnte, dass ich ein bisschen mehr wiegen würde“, erinnert er sich an den Sommerurlaub im Jahr 2018. 180 Kilo sei sein letztes bekanntes Gewicht gewesen, bis er in der Apotheke die Waage entdeckte, die auch hohe Gewichte anzeigen konnte.

„205 Kilo – das war wie ein Schlag ins Gesicht“

„205 Kilo – das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich der damals 32-Jährige, und bei ihm entstand der Wunsch, etwas rapide zu verändern.

Der Weg bis zu den 205 Kilo war auch lang – und geprägt von einem gesundheitlichen Problem. „Seit meinem dritten Lebensjahr wächst bei mir immer wieder am Oberschenkel ein gutartiger Tumor, der alle paar Jahre im Krankenhaus entfernt werden musste“, blickt der Familienvater auf seine Krankheitsgeschichte zurück. „Ich hab dann so immer zehn bis 15 Kilo an Gewicht zugenommen.“

Tumor radikal herausgeschnitten

Im Jahr 2011 wurde ihm der Tumor radikal herausgeschnitten. In der nachfolgenden Reha hatte er innerhalb von vier Wochen 17 Kilo abgenommen. „Da war ich gepusht.“ Wieder zuhause nahm er weitere 34 Kilo ab und wog zwischenzeitlich 130 Kilo. „Die waren lange konstant“, erinnert er sich. Bis der Tumor wieder zu wachsen begann.

Als dieses Foto entstand, wog Sebastian Micheel noch  205 Kilogramm.
Als dieses Foto entstand, wog Sebastian Micheel noch 205 Kilogramm. © privat © privat

„Erst kamen die 51 abgenommenen Kilos wieder drauf, dann weitere“, beschreibt er die Zunahme bis zu seinem „Moment X“ – dem Tag auf der Waage.

„Nach dem Urlaub bin ich direkt zu meinem Hausarzt“, beschreibt es sein Vorgehen. „Der schaute sich meine Vita an und sah, dass ich täglich schon fünf Tabletten wegen verschiedener Leiden nehmen musste.“ Sein Befund: ein guter Kandidat für eine Magen-OP.

Gruppenmeeting im Adipositas-Zentrum

Voraussetzung dafür ist die Teilnahme an einem vorbereitenden Programm mit dem Kürzel MMK (Multimodales Konzept). Eine Reihe von abzuarbeitenden Vorgaben, um für eine solche Operation in Frage zu kommen. „Ich hab dann direkt meine Krankenkasse angerufen und mich nach dem nächsten Adipositas-Zentrum erkundigt“, beschreibt Micheel sein weiteres Vorgehen. Er hatte Glück und bekam ohne lange Wartezeit die Gelegenheit, an einem Gruppenmeeting teilzunehmen, bei dessen Anschluss er vom leitenden Arzt seine Patientenakte überreicht bekam.

„Da bist du erst mal erschlagen“, gibt er ganz ehrlich zu. „Es muss alles versucht worden sein, um auf konventionellem Weg abzunehmen.“ Nach dem Besuch der Ernährungsberatung muss ein Ernährungstagebuch geführt werden, es gilt, Sport wie Schwimmen oder Walken zu treiben, der Besuch einer Selbsthilfegruppe wird ebenso vorgeschrieben wie Gespräche beim Psychologen, Gutachten vom Hausarzt, eine Magenspiegelung oder Blutuntersuchungen und letztendlich ein Motivationsschreiben, warum bei ihm die Magen-OP durchgeführt werden soll.

Alle Bemühungen halfen bei ihm nicht zu einer merklichen Gewichtsreduktion, sodass im November 2018 letztendlich die Operation anstand. „Das war schon ein extremer Eingriff“, gibt er zu. „Und Essen war plötzlich kein Ventil mehr.“ Nach zwei Löffeln Brühe war bei ihm Schluss. „Es ging sofort von Hunger auf Überfressen.“ Satt wie am ersten Weihnachtsfeiertag – mit Übelkeit. Vier Wochen lang habe er nur Quark mit Apfelmus gegessen. „Ich habe Angst gehabt, wollte das Maximale aus der OP herausholen.“ Und es gelang ihm.

Nach Magen-OP drei kleine Mahlzeiten am Tag

Ein halbes Jahr lang gab es drei kleine Mahlzeiten am Tag, die Kilos purzelten. „Ich bin dann schnell mit Spaziergängen gestartet.“ Acht Wochen nach der OP war das Gewicht auf 160 Kilo zurückgegangen und er startete mit dem Walken.

„In dieser Phase trennt sich die Spreu vom Weizen“, beschreibt es seine Beobachtungen und meint damit diejenigen, die mit Sport beginnen und weiter deutlich abnehmen, und diejenigen, die oft in alte Verhaltensmuster zurückfallen.

„Da sitzen dann einige zwei Jahre nach der OP in einer Talkshow und erzählen, dass diese nichts gebracht hat“, regt er sich auf. Deshalb nutzt er seine Instagram-Seite (www.instagram.com/sebastian_mchl_fit_sleeve), um auch im Internet über das Thema zu informieren. Er möchte auch vor Ort eine Selbsthilfegruppe gründen.

Nachdem die ersten Kilos gepurzelt waren, startete Sebastian Micheel mit Walking. Heute geht er regelmäßig Joggen und bereitet sich auf seinen ersten Halbmarathon vor.
Nachdem die ersten Kilos gepurzelt waren, startete Sebastian Micheel mit Walking. Heute geht er regelmäßig Joggen und bereitet sich auf seinen ersten Halbmarathon vor. © privat © privat

Micheel steigerte seine sportlichen Aktivitäten, stellte seine Ernährung dauerhaft um und erreichte im April 2020 sein aktuelles Gewicht von 102 Kilogramm, das er bis heute hält. Allerdings mit einem Trend vom Fett hin zu Muskeln. „Meine Kleidungsgröße ist von 3XL auf L bis XL zurückgegangen.“

Und er isst sehr diszipliniert. „Eine ganze Erwachsenen-Portion schaffe ich immer noch nicht.“ Wenn er zu schnell esse, dann sei nach fünf Bissen alles vorbei. In der Regel sei nach eineinhalb bis zwei Jahren nach einer Schlauchmagen-OP deren Effekt weg. „Das hängt aber auch von der Person ab.“

Da er auf einiges auf dem Teller verzichtet, kommt er nicht ohne Ergänzungsprodukte aus. „Die Ernährungsberatung war Gold wert“, so Micheel. Er muss viele Dinge beachten.

Sein neues Leben verlief nicht ohne Komplikationen: Im Dezember 2019 hatte sich nach der starken Abnahme bei ihm eine Bauchschürze gebildet, er nahm beim Laufen eine Schonhaltung ein – und Rückenschmerzen kamen auf. Deren Entfernung wurde von der Krankenkasse zunächst abgelehnt, nach dem Widerspruch und einer Überprüfung durch den MDK wurde die OP genehmigt.

Eine große Narbe bleibt als Erinnerung

Eine große Narbe bleibt als Erinnerung an den Eingriff aus dem April 2020.

„Danach ging es mit dem Laufen richtig los“, erzählt er von einer Leidenschaft, die heute fest zu seinem Alltag gehört. „Im Oktober möchte ich in Köln einen Halbmarathon laufen“, verrät er sein neu gestecktes Ziel. Und zwar nicht irgendwie, sondern mit einer ambitionierten Zeit.

Den Weg dorthin beschreibt er mit einigen Tipps zur Ernährung auf seinem Instagram-Kanal. „Ich will nicht nur Ansprechpartner sein, ich will auch anderen Mut machen, dass auch sie es schaffen können.“ So wie er, der sich in den vergangenen Jahren quasi halbiert hat.

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