Bettina Schmitz und ihre Tochter Johanna sind enttäuscht: Die Fünfjährige darf im Sommer nicht zur Liebfrauenschule in Stenern gehen, weil sie nicht katholisch ist. © Jochen Krühler
Einschulung

Zwei Bocholter Grundschulen lehnen nicht-katholische Kinder ab

Aufgrund zu vieler Anmeldungen mussten die Grundschulen in Stenern und Mussum 25 Kinder ablehnen, weil sie nicht die passende Konfession der Bekenntnisschulen haben. Die Eltern sind verärgert.

Das Anmeldeverfahren für die Bocholter Grundschulen sorgt derzeit für Ärger und Frust bei vielen Eltern. Sie haben von ihrer Wunsch-Grundschule eine Absage bekommen – weil ihre Kinder nicht katholisch sind. Das betrifft nach Angaben der Stadt 9 Kinder des Grundschulverbunds Liebfrauen in Stenern und 16 Kinder der Kreuzschule in Mussum. Beide sind sogenannte katholische Bekenntnisschulen.

Aktuelle Rechtslage stützt Bekenntnisschule

Eine Betroffene ist die Bocholterin Bettina Schmitz mit ihrer Tochter Johanna. Schmitz hatte die Fünfjährige an der Grundschule in Stenern angemeldet, weil diese die wohnortnächste ist, und erhielt vergangene Woche eine Absage. Die Liebfrauenschule habe 90 Anmeldungen erhalten, könne aber nur 81 Kinder aufnehmen, heißt es darin.

Nach einer aktuellen Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts Münster müssten katholische Bekenntnisschulen bei einem Anmeldeüberhang bei der Aufnahme Kinder mit katholischer Konfession gegenüber anderen Kindern vorziehen. Johanna ist konfessionslos.

„Die Enttäuschung ist bei uns groß“, sagt Bettina Schmitz. „Wir hatten uns auf die Aussage des Schulleiters beim Anmeldetag verlassen, dass die Konfession bei der Aufnahme keine Rolle spielt.“ Jetzt müsse sie sich kurzfristig um eine andere Schule für ihre Tochter kümmern, sagt die Ärztin. „Wir müssen gucken, wo man überhaupt noch unterkommt.“

Ähnliche Erfahrungen an der Kreuzschule in Mussum

Ähnliche Erfahrungen hat auch eine Familie aus Mussum gemacht. Sie wollte ihren evangelisch getauften Sohn an der nahen Kreuzschule anmelden. Doch auch dort gibt es in diesem Jahr zu viele Anmeldungen. Der Junge habe mit Verweis auf die Konfession eine Absage bekommen, obwohl ein Geschwisterkind bereits an der Kreuzschule sei. Die Mussumer Familie muss sich nun einen Schulplatz in einem anderen Stadtteil suchen.

Schulamtsdirektorin Irmgard Geukes vom Schulamt für den Kreis Borken erläutert auf Anfrage, dass diese Regelung nicht neu ist, aber in diesem Jahr zum ersten Mal in Bocholt angewendet wird. Bislang sei es in Bocholt noch nicht vorgekommen, dass so viele Kinder an Grundschulen abgewiesen werden müssten.

Schulgesetz macht eindeutige Vorgaben

Die Vorgehensweise, dass an katholischen Bekenntnisschulen bei zu vielen Anmeldungen die Kinder mit katholischem Bekenntnis vorzuziehen sind, stehe im Schulgesetz und in der Ausbildungsordnung Grundschule des Landes. „Das ist nun mal der Hintergrund der Bekenntnisschulen“, so Geukes. Die Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts 2016 habe das nur noch einmal klargestellt.

Für Bekenntnisschulen hat das die Konsequenz, dass sie bei zu vielen Anmeldungen Kinder ablehnen müssen, die zwar in der Nähe der Schule wohnen, aber nicht die entsprechende Konfession haben. Im Extremfall würde das etwa für die Grundschule in Stenern bedeuten: Ein katholisches Kind aus Biemenhorst müsste in Stenern angenommen werden, während ein evangelisches Kind, das direkt neben der Stenerner Schule wohnt, abgelehnt würde.

Schulleiter bedauert die Absagen

Torsten Wübling, Schulleiter des Grundschulverbunds Liebfrauen, bedauert die Absagen, verweist aber auf die Gesetzeslage, die ihm diese Entscheidung vorschreibt. An der Liebfrauenschule sei es in diesem Jahr erstmals zu Absagen aus konfessionellen Gründen gekommen, sagt Wübling. Auch an der Kreuzschule in Mussum habe es diese Situation in den vergangenen Jahren nicht gegeben, betont die dortige Schulleiterin Nadine Hellmuth. Dort hatten sich 120 Kinder angemeldet, nur 104 können aufgenommen werden.

Um so etwas für die Zukunft zu vermeiden, will der Stenerner Schulleiter nun zumindest darüber nachdenken, ob seine Grundschule eine Bekenntnisschule bleibt. Wübling: „Wir müssen uns Gedanken machen, ob eine Bekenntnisschule noch in die heutige Zeit passt.“ Die Ludgerusschule in Bocholt war vor zwei Jahren diesen Schritt gegangen: Schule und Eltern hatten entschieden, den Status einer katholischen Bekenntnisschule aufzugeben und eine Gemeinschaftsgrundschule zu werden.

Auch die Diepenbrock-Grundschule muss übrigens in diesem Jahr 13 Kindern absagen, weil es zu viele Anmeldungen gegeben hatte. Sie ist jedoch keine Bekenntnisschule und muss daher nicht die Konfession eines Kindes als Auswahlkriterium vorrangig behandeln.

Lage in Bocholt

Was sind Bekenntnisschulen?

Form Bekenntnisschulen sind Schulen, in der Kinder nach den Grundsätzen eines christlichen Bekenntnisses unterrichtet werden. In NRW ist das in der Landesverfassung verankert. Die Bekenntnisschulen sind meist in staatlicher, nicht zwangsläufig in kirchlicher Trägerschaft.

Ursprünglich waren katholische oder evangelische Bekenntnisschulen den Kindern der jeweiligen Konfession vorbehalten. Das ist heute in der Regel anders. Ausnahme: In NRW müssen Bekenntnisschulen in staatlicher Trägerschaft Kinder bevorzugt aufnehmen, die im Schulbekenntnis getauft sind, wenn es an der Schule mehr Anmeldungen als Plätze gibt.

Alle Grundschulen in Bocholt sind in städtischer Trägerschaft, die meisten davon sind katholische Bekenntnisschulen. Ausnahmen sind die Diepenbrockschule, die Annette-von-Droste-Hülshoff-Schule und die Ludgerusschule. Religionsunterricht gibt es auch dort. Im Kreis Borken gibt es übrigens nur katholische, keine evangelischen Bekenntnisschulen.

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