1927 ging Klemke auf Tour

Ruhrgebiets-Maler aus Berlin

DORTMUND. Als 23-Jähriger fuhr Hans Klemke 1915 erstmals durch das Revier. Und was der Berliner sah, beeindruckte ihn sehr und sollte ab diesem Zeitpunkt seine künstlerische Arbeit wesentlich beeinflussen. Und doch ist der Maler und Fotograf heute fast vergessen. Seine Arbeiten wurden zuletzt vor 22 Jahren öffentlich gezeigt.

von von Friedhelm Wessel

, 05.04.2011, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der junge Soldat, der damals bei einem Einsatz an der Ostfront verwundet worden war, hatte 1915 einen neuen Einsatzbefehl im Waffenrock: Er musste zunächst an die Westfront. Der Transport von Berlin nach Frankreich zog sich aber wohl hin, denn der Lithograf und Tiefdruckretuscheur fertigte zwischen Dortmund und Duisburg etliche Skizzen an. Die Eindrücke der gigantischen Industrieanlagen ließen Hans Klemke, der 1892 in Wedding geboren wurde, zeitlebens nicht mehr los.Die Kulisse faszinierte Nach dem Krieg lernte der Industriemaler und Grafiker in Berlin seine spätere Frau Gertrud Wachow kennen. Inzwischen war Klemke zum künstlerischen Leiter eines Verlagshauses aufgestiegen. Und ab 1920 schuf Hans Klemke seine ersten Arbeiten an, es waren Radierungen von Zechen und Hüttenanlagen des Reviers.Zeitdokumente Die Kulisse des Ruhrgebiets mit seinen gewaltigen Fördertürmen, Hochöfen und Winderhitzern faszinierte den jungen Künstler. So erwarben die Klemkes 1927 ein Motorrad und fuhren in Richtung Westen. Neben Bleistiften und Skizzenblocks hatten Gertrud und Hans Klemke auch eine Kamera dabei, denn sie hielten die Orte ihrer Besuche in beeindruckenden Fotos fest. So entstanden Zeitdokumente, die unter anderem den Bochumer Verein und die Dortmunder Zeche Dorstfeld zeigen. Aber auch in Essen, Duisburg und Herne machte Hans Klemke während dieser mehrwöchigen Tour unzählige Skizzen.Zechen- und Hütten-Kenntnisse Nach seiner Rückkehr schuf der Maler, der inzwischen in Kreuzberg wohnte, zahlreiche großformatige Ölgemälde und Radierungen mit unterschiedlichen Formaten. Er besaß auch, so der Berliner Klemke-Kenner Magnus Adlung, umfangreiche Kenntnisse der Arbeitsabläufe der Zechen- und Hüttenanlagen. Seine Werke, darüber sind sich auch heute noch alle Kunstkenner einig, legen ein historisches Zeugnis von den einstigen Industrieanlagen des Reviers ab. Aber auch die innere Kraft von Hans Klemke, der dieser spröden Materie seiner Motive alles abverlangte und sie in eindrucksvolle Kunst verwandelte, ist deutlich zu spüren.

Sein gegenständlicher Stil bewahrte Klemke auch vor einer Verfolgung durch das Naziregime. Doch in den Kriegswirren bis 1945 gingen viele seiner ausgelagerten Radierplatten leider verloren.1960 gestorben Nach 1945 wagte der Berliner Künstler unter erschwerten Bedingungen einen Neuanfang, denn Schöngeistiges war kaum gefragt. In seinem Kreuzberger Atelier an der Reichenbergstraße schuf er trotzdem bis 1959 etliche großformatige Radierungen. Seine Lieblingsmotive: "Die Industriekulisse des Reviers". In seiner letzten Arbeit befasste sich Hans Klemke mit der Montanindustrie. Diese Radierung trägt den Titel "Hochöfen in Westfalen". Und Experten gehen davon aus, dass diese Skizzenvorlage bei einem seiner zahlreichen Besuche auf dem Bochumer Verein entstand. Klemke starb 1960 in seiner geliebten Heimatstadt Berlin. Fast alle seine Arbeiten befinden sich heute in Privatbesitz.

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