Alleinerziehend in der Corona-Krise: Drei Kinder, Homeoffice und kurz vor dem Nervenzusammenbruch

Coronavirus

Familien erhalten durch das von der Koalition ausgehandelte Konjunkturpaket einen Kinderbonus in Höhe von 300 Euro. Die Finanzhilfe kann den Frust aber wohl bei vielen Eltern nicht aufwiegeln.

Hamburg

06.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Als alleinerziehende Mutter gab es dramatische, aber auch schöne Momente im Lockdown. (Symbolbild)

Als alleinerziehende Mutter gab es dramatische, aber auch schöne Momente im Lockdown. (Symbolbild) © picture alliance / dpa

Etwa bei der alleinerziehenden Mutter Julie Hobbins. Im RND-Interview berichtet sie, wie sie den Lockdown mit drei Kindern zuhause erlebt hat.

„Wenigstens haben wir einen Garten“, seufzten in den letzten Wochen viele Eltern dankbar. Oder „Zum Glück können meine Kinder miteinander spielen.“ Oder: „Gut, dass ich nicht alleine für das Familieneinkommen sorgen muss.“ Sie dagegen hatten es in allen drei Bereichen schwer. Sie sind alleinerziehend, haben ein Kitakind und zwei deutlich ältere Schulkinder und wohnen gartenlos in Hamburg. Was war das Härteste?

Das Härteste war die Summe aus allem. Es gab nicht diesen einen dramatischen Moment, in dem alles über mir zusammenbrach. Meine Erschöpfung wuchs von Tag zu Tag. Anfangs war ich voll Zuversicht. Auch, weil ich dachte, dass ein gut organisiertes Homeoffice mit drei Kindern zu schaffen ist. Ich kaufte tolle Pflanzen-, Mal- und Bastelsets für meinen fünfjährigen Sohn, um ihn zu Hause zu beschäftigen. Er ging nie besonders gerne in die Kita, insofern kam die Schließung zwar überraschend, aber nicht begleitet von Tränen.

Was stellte sich für Sie als schwieriger heraus als gedacht?

Ich arbeite 35 Wochenstunden im Sekretariat einer Baumpflegefirma. Kunden rufen mich an, wenn sie Bäume fällen oder Sturmschäden beseitigen wollen und ich berate sie. Mitte März wurde mein Jobtelefon auf mein Handy umgestellt. Es klingelte von sieben Uhr morgens bis 18 Uhr abends. Permanente Unruhe. Dazu zwei Schulkinder im Homeschooling und Jim, der nach ein paar Tagen keinen Nerv mehr hatte, still im Hintergrund zu basteln, während ich telefoniere. Er fühlte sich eingesperrt, falsch: er war eingesperrt. Kein Spielplatz, kein Tierpark, keine Freunde, kein Besuch beim Opa, Abstandhalten beim Papa-Besuch im Garten, weil sein Papa zur Risikogruppe gehört. Und immer wieder dieser eine Satz: „Pssst, leise, Mama muss telefonieren.“

Wie hat Jim auf all das reagiert?

Nach ein paar Wochen lief er immer wieder schreiend in unserem Flur hin und her, wie ein Tiger im Käfig kurz vorm Durchdrehen. Es war so furchtbar, er tat mir so leid. Wir haben ja nicht mal einen Garten. Ich versuchte, ihn mit dem einzigen Jungen bei uns aus dem Haus zu verabreden, aber dessen Eltern sagten Nein. Weil Jim körperlich nicht ausgelastet war, schlief er abends erst um halb elf ein, was meine Zeitnot im Homeoffice vergrößerte.

Warum gaben Sie Ihr Kind nicht in die Notbetreuung der Kita?

In den ersten Wochen hatte ich Sorge vor einer Infektion. Und natürlich ist eine Kita mit abgesperrten Bereichen samt Hygienemaßnahmen kein Kinderparadies mehr. Ich dachte aber auch, wir schaffen das und wollte keinem Kind mit systemrelevanten Eltern den Platz wegnehmen.

Wie kamen Ihre zwei älteren Töchter klar, beide sind Oberstufenschülerinnen?

Es gab so gut wie keine Videokonferenzen und wenig Unterstützung von den Lehrern. Sie bekamen Massen an Aufgaben über sämtliche virtuelle Kanäle und versuchten, vermehrt überfordert, sich zurechtzufinden. Von mir bekamen sie wenig Hilfe. Ich konnte sie in meinem Stress nicht noch unterrichten.

Forderten Ihre Töchter Hilfe ein?

Nein, im Gegenteil: Sie sahen mein verzweifeltes Hamsterrad und meine Sorge um Jim, auch meine Erschöpfungstränen, die Wäscheberge vor der Maschine, das permanente Telefongeklingel. Sie wollten mich wahrscheinlich nicht zusätzlich belasten und versuchten, sich alleine durchzukämpfen - beziehungsweise, sich gegenseitig zu helfen. Bis zum Zusammenbruch. Nachdem meine zweitälteste Tochter wochenlang das Gefühl hatte, schulisch nicht mehr hinterher zu kommen und den Überblick über ihre Aufgaben komplett verloren hatte, stellte sie sich tot: Sie gab keine Aufgaben mehr ab. Erst durch einen Anruf ihrer Lehrerin wurde mir das Ausmaß ihrer Not klar.

Wie haben Sie versucht, ihr zu helfen?

Konkret bei den Hausaufgaben helfen, das konnte ich nicht - bei elfter Klasse Mathe auf dem Gymnasium bin ich raus. Meine Stundenzahl im Homeoffice zu reduzieren, war auch keine Option. Ich bin ja froh, dass ich weiß, wie ich den Einkauf weiterhin bezahle. Wir haben dann feste Zeiten vereinbart, in denen mir meine Töchter über ihren Schulalltag und ihre Sorgen erzählen können und beschlossen, dass wir jeden Abend zusammen kochen und zwar möglichst etwas besonders Leckeres.

Wer hatte es rückblickend schwerer: Ihr Kita-Kind zu Hause oder Ihre Schulkinder im Homeschooling?

Meine Töchter konnten zumindest virtuell mit ihren Freundinnen kommunizieren, sie hatten sich gegenseitig und sind sich in dieser Zeit viel nähergekommen. Für meinen Sohn war die ganze Situation kaum zu verstehen. Warum ist die Mama immer zu Hause, hat aber nie Zeit für mich? Bin ich nicht gut genug? Hat sie mich nicht mehr lieb? Es fehlte uns Eltern einfach auch die Zeit, uns langsam auf die neue Situation einzustellen. Es hieß: friss oder stirb!

Was war für Sie als Mutter das Schwierigste?

Mein dauerndes schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber und dass ich nichts ändern konnte an ihrer belastenden Situation. Nervenaufreibend waren aber auch meine beruflichen Telefonate, während denen mein Jüngster mit der Tröte hereinkam. Und irre stressig fand ich die Momente, in denen er auf der Toilette saß und schrie, ich solle abputzen kommen, während ich einem Kunden am Telefon die Spezialfällung mit der Seiltechnik erklärte.

Wie und wo haben Sie Kraft getankt?

Ich habe eine solche Sehnsucht entwickelt nach Stille in den vergangenen Wochen. Einfach mal kein Geräusch hören, nur ich, sonst nichts. An den Wochenenden fuhren wir in den Wald: laufen, laufen, laufen, das tat gut, also Wald und Stille.

Die Spielplätze in Hamburg sind wieder geöffnet und Kinder aus zwei Haushalten dürfen miteinander spielen. Geht es Ihrer Familie besser?

Dass Jim wieder mit dem Kind aus unserem Haus spielen darf und jetzt einmal die Woche in die Notbetreuung seiner Kita geht, tut ihm extrem gut. Im Tierpark waren wir auch wieder. Er kann sich nun zwei Stunden am Stück mit zwei Legofiguren beschäftigen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das eine ausschließlich gute Entwicklung ist.

Wie geht es Ihnen?

Ich freue mich gerade so über die Wiedereröffnung meines Lieblingsasiaten und belohne uns mit Sushi. Schön war auch, dass ich meinen Vater - mit Abstand - wieder besuchen durfte. Er gehört mit 70 Jahren zur Risikogruppe. Es gab Tage, da dachte ich: Ich sehe ihn vielleicht nie wieder.

Hat Ihr Sohn gesagt, wie er den Lockdown empfunden hat?

Als wir das erste Mal wieder auf dem Spielplatz waren, kam auch seine liebste Freundin. Er hat ihr gleich seine Liebe gestanden. Abends sagte er: „Mama, das war der schönste Tag in meinem Leben.“ Da weiß man ohne viele Worte, wie er die Wochen zuvor empfunden hat.

RND

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