Als 13-Jährige Opfer eines Pädophilen: „Ich dachte nur noch: Überlebe!“

Interview

Als 13-Jährige geriet Alicia Kozakiewicz im Internet an einen Pädophilen: Er entführte, folterte und vergewaltigte sie. Im Interview schildert sie ihre Erfahrungen und spricht Warnungen aus.

von Philipp Hedemann

, 14.02.2021, 16:00 Uhr / Lesedauer: 11 min
Alicia Kozakiewicz, inzwischen 31, spricht, während sie neben einem männlichen Model steht, das als Schwein verkleidet ist, nachdem sie 2018 #MeToo Mode während der Fashion Week präsentiert hat.

Alicia Kozakiewicz, inzwischen 31, spricht, während sie neben einem männlichen Model steht, das als Schwein verkleidet ist, nachdem sie 2018 #MeToo Mode während der Fashion Week präsentiert hat. © picture alliance / Craig Ruttle/FR61802 AP/dpa

Frau Kozakiewicz, Sie waren eines der ersten Kinder, die über das Internet zum Opfer von Pädophilen wurden. Wie kam es dazu?

Als ich 13 Jahre alt war, war ich ein ganz normales, etwas schüchternes Mädchen. Doch in den ersten Chatrooms, die es damals im Internet gab, war ich sehr selbstsicher und habe leicht neue Menschen kennengelernt. Ich fühlte mich dabei absolut sicher. Schließlich stand der Computer im Wohnzimmer meiner Eltern. Ich dachte, sie sind bei mir und können auf mich aufpassen. Weder meine Eltern noch ich noch die allermeisten anderen Menschen hatten damals ein Bewusstsein für die Gefahren im Internet.

In einem Chatroom haben Sie damals einen 38 Jahre alten Mann kennengelernt, der sich als 13-Jähriger ausgegeben hat.

Richtig. Wir haben über Monate gechattet. Am 1. Januar 2002 wollten wir uns erstmals persönlich treffen. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, der mein Leben für immer verändern sollte. Ich saß mit meiner Familie in unserem Haus in Pittsburgh beim Neujahrsdinner. Jeder, der uns so gesehen hätte, hätte uns für die perfekte, glückliche Familie gehalten. Dann log ich meine Eltern an. Ich sagte, dass ich Bauchschmerzen hätte und bat darum, auf mein Zimmer gehen zu dürfen. Stattdessen schlich ich mich aus dem Haus. Dort hatte ich mich um 19 Uhr mit meinem „Freund“ aus dem Chatroom verabredet. Draußen war es ganz still. Eine innere Stimme sagte mir: „Alicia, geh zurück! Du machst einen Fehler.“ Dann hörte ich eine andere Stimme, die meinen Namen rief. Es war nicht die Stimme eines 13-jährigen Jungen, es war die Stimme eines Mannes. Diese schreckliche Stimme höre ich heute immer noch.

Was passierte dann?

Er packte mich, zerrte mich in sein Auto und fuhr los. Er drückte meine Hand so fest, dass ich dachte, er würde sie mir brechen. Er sagte, dass er mich fesseln und in den Kofferraum stecken würde, wenn ich schreie. Ich schrie nicht. Ich schaltete auf Überlebensmodus. Ich dachte nur noch: Überlebe! Überlebe! Überlebe! Ich wollte nicht in den Kofferraum. Wer im Kofferraum landet, kommt da nicht lebend wieder raus. Leichen liegen im Kofferraum. Das wusste ich aus dem Fernsehen. Er war ein großer Mann, ich war ein kleines Mädchen. Ich wusste, dass ich nicht gegen ihn kämpfen konnte. Ich wusste, dass ich keine Kon­trolle mehr über mein Leben hatte. Ich weinte, und er fuhr. Ungefähr fünf Stunden.

Wohin brachte er Sie?

Schließlich hielt das Auto, und er zerrte mich in den Keller seines Hauses. Es war stockfinster. Dann schaltete er das Licht an. An der Wand hingen jede Menge Geräte. Heute weiß ich, dass es Sexspielzeuge waren. Es war ein Verlies. Damals dachte ich nur: Dies ist der Ort, an dem Menschen gefoltert werden. Er setzte mich auf einen Tisch, zwang mich, ihm in die Augen zu gucken und sagte: „Was jetzt passieren wird, wird sehr wehtun. Es ist ok, wenn du weinst.“

„Als ich mich gewehrt habe, hat er mir die Nase gebrochen“

Was tat er Ihnen an?

Er legte mir ein Hundehalsband an, zog mich aus, nahm mir meine Identität, entmenschlichte mich – und vergewaltigte mich das erste Mal. In den nächsten vier Tagen hat er mich immer wieder gefoltert und vergewaltigt. Immer wieder! Ich weiß nicht mehr, wie oft. Als ich mich gewehrt habe, hat er mir die Nase gebrochen. Außerdem hat er mir nichts zu essen gegeben.

Hat er Ihren Lebenswillen gebrochen?

Nein! Ich wollte überleben. So lange wie möglich. Aber mir war klar, dass er mich schließlich umbringen würde. Nach dem, was er mir angetan hatte, hatte er keine andere Option. Und ich wusste, dass es kein angenehmer Tod werden würde, denn es bereitete ihm Lust, mich zu foltern.

Wie haben Sie dennoch überlebt?

Ich hatte gelesen, dass man die besten Überlebenschancen hat, wenn der Täter einen nicht als Opfer, sondern als menschliches Wesen sieht. Dann würde es ihm schwerer fallen, mich zu töten. Ich wollte, dass er mich als Mensch sieht, um möglichst viel Zeit zu gewinnen, um fliehen zu können oder befreit zu werden. Am vierten Tag sagte er zu mir: „Ich fange an, dich zu sehr zu mögen. Heute Abend machen wir eine Reise.“ Für mich war klar, dass er mich am Abend umbringen würde. Mit meinem Versuch, dass er mich als Mensch, nicht als Objekt sieht, hatte ich scheinbar genau das Gegenteil von dem erreicht, was ich wollte.

„Ich habe gebetet, dass Gott meine Familie tröstet“

Hatten Sie sich damit abgefunden, dass Sie sterben würden?

Irgendwie schon. Aber ich wusste, dass meine Familie sich niemals mit meinem Tod abfinden würde. Ich musste ständig an sie denken. Wann hatte ich ihnen das letzte Mal gesagt, dass ich sie liebe? Wussten sie, wie wichtig sie mir waren? Ich wollte, dass sie wissen, dass ich akzeptiert hatte, was mir passieren würde. Ich wollte sie trösten. Aber das konnte ich natürlich nicht – und das hat mich fertiggemacht. Ich habe gebetet, dass Gott meine Familie tröstet.

Wie haben Sie dann Ihre Befreiung erlebt?

An meinem letzten Tag in Gefangenschaft hat mein Entführer mich in seinem Schlafzimmer im ersten Stock am Boden festgekettet und verließ das Haus. Plötzlich hörte ich, dass die Tür im Erdgeschoss mit großem Krach aufging. Ich dachte: Jetzt ist er gekommen, um mich zu töten. Ich rollte mich unter das Bett, um mich zu verstecken. Dann hörte ich eine laute Stimme: „Da drüben bewegt sich was!“ Dann rief die Stimme: „Rauskommen! Hände über den Kopf!“ Nackt kroch ich unter dem Bett hervor und starrte in den Lauf einer Pistole. Ich dachte: Jetzt sterbe ich. Das war’s! Aber dann drehte der Mann sich um, und ich sah, dass auf dem Rücken seiner Jacke in großen Buchstaben FBI stand. Dann stürmten viele Polizisten ins Zimmer. Sie gaben mir etwas, um mich zu bedecken, sie befreiten mich und retteten mein Leben.

Wie hatte das FBI Sie gefunden?

Während der Entführer mich folterte und vergewaltige, livestreamte er, was er mir antat. Einer der Zuschauer erkannte mich. Er hatte mich auf einem Vermisstenplakat gesehen. Aus Angst, dass man ihm auf die Schliche kommen würde, rief er das FBI an. Über die IP-Adresse hat das FBI schließlich das Haus gefunden, in dem ich gefangen gehalten wurde. Auch wenn er sich angeschaut hat, wie ich vergewaltigt und gefoltert worden bin, bin ich dem Hinweisgeber unglaublich dankbar. Hätte er nicht das FBI verständigt, wäre ich heute tot.

„Durch die Öffentlichkeitsfahndung kannte jeder meinen Namen“

Was geschah nach Ihrer Befreiung?

Zunächst wurde ich im Krankenhaus untersucht und behandelt. Ich hatte am ganzen Körper Abschürfungen und eine gebrochene Nase. Erst als ich einen Tag später meine Eltern wiedersehen konnte und mein Vater mich in den Arm nahm, wusste ich, dass der Albtraum vorbei war. Aber ich wusste auch, dass mein Leben nie wieder so sein würde, wie es einmal war. Die Alicia, die ich zuvor war, die Familie, die wir zuvor waren, die Welt, in der ich zuvor gelebt hatte, gab es nicht mehr. Durch die Öffentlichkeitsfahndung kannte jeder meinen Namen. Journalisten belagerten uns, und ich konnte das Haus nicht mehr verlassen. Ich war zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit gefangen. Zunächst haben viele Medien mich und meine Eltern dafür verantwortlich gemacht, was passiert ist.

Im Rahmen der Ermittlungen mussten Sie sich Ausschnitte des Videos Ihrer eigenen Vergewaltigungen anschauen, um sich zu identifizieren.

Ja. Missbraucht und gefoltert zu werden, ist das eine. Aber das Ganze danach noch mal durch die Augen des Täters zu sehen, ist etwas anderes. Zu wissen, dass die schlimmste Zeit deines Lebens anderen Lust bereitet hat, ist entwürdigender, als man mit Worten sagen kann. Es ekelt mich an, dass es heute noch immer Menschen gibt, die diese Videos sehen wollen. Wenn man mich googelt, schlägt Google oft „Live­stream“ vor. Die Vorstellung, dass diese Filme vielleicht noch immer irgendwo kursieren, ist für mich unerträglich. Es ist, als würde der Missbrauch nie aufhören, als sei man für immer in der Gewalt des Täters.

Der Täter wurde zu 19 Jahren und sieben Monaten Gefängnis verurteilt und durfte die letzten Monate seiner Strafe im offenen Vollzug verbringen.

Ja, und zwar ausgerechnet in meiner Heimatstadt Pittsburgh, sechs Kilometer entfernt von dem Haus, vor dem er mich entführte und in dem meine Eltern noch immer leben. Aus einem alten Trauma wurde so ein aktuelles Trauma. Ich konnte meine Eltern nicht mehr besuchen. Da der Täter sich im offenen Vollzug Pornografie angeschaut und so gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat, kam er im Oktober 2019 für zwei weitere Jahre wieder ins Gefängnis.

„Er weiß, wo meine Eltern leben“

Macht es Ihnen Angst, dass er voraussichtlich in absehbarer Zeit freikommt?

Er saß wegen mir 20 Jahre im Gefängnis. Natürlich habe ich Angst davor, dass er sich rächen will. Er weiß nicht, wo ich lebe, aber er weiß, wo meine Eltern leben.

Bereits wenige Monate nach Ihrer Befreiung beschlossen Sie, kein passives Opfer zu sein.

Ja, als mir klar wurde, dass ich mit meiner Rettung unglaubliches Glück gehabt hatte, beschloss ich, dieses Glück nicht ungenutzt zu lassen. Alles was ich tun wollte war, andere Kinder vor einem Schicksal wie meinem zu bewahren. Darum habe ich mit 14 Jahren das Alicia-Project gegründet, ging in Schulen, erzählte meine Geschichte und erklärte den Kindern, wie sie sich schützen können. Ich wollte die Welt ändern.

Und nur ein einziges Kind, eine einzige Familie zu retten war für mich, wie die Welt zu retten. Schon bald habe ich vor dem Kongress und mit dem FBI gesprochen, damit sie mehr tun können, um Kinder vor dieser neuen Form von Kriminalität zu schützen. Mittlerweile gibt es in zwölf US-Bundesstaaten ein Gesetz, das nach mir benannt ist. Alicias Law sorgt dafür, dass den Strafverfolgungsbehörden mehr Budget im Kampf gegen Internetkriminalität zugewiesen wird. Das hat schon zur Verhaftung von Tausenden von Verdächtigen geführt. Ich arbeite hart dafür, dass das Gesetz in mehr Staaten eingeführt wird.

Sie haben bereits ein Jahr nach Ihrer Entführung öffentlich über das gesprochen, was Ihnen widerfahren ist. War das nicht unerträglich?

Ja, es fiel mir unglaublich schwer, und es fällt mir immer noch schwer, darüber zu sprechen. Das Verbrechen wird immer Teil meines Lebens sein. Es hat mir die Kindheit geraubt. Viele schreckliche Details der viertägigen Folter habe ich verdrängt. Therapeuten haben mir gesagt, dass ich das Verlorene durch Hypnose wieder hervorholen könnte, aber das will ich gar nicht. Ich habe schon so noch immer Flashbacks. Ich habe akzeptiert, dass dies mein ganzes Leben lang passieren und es mich jedes Mal so überwältigen kann, dass ich weinen muss.

„Wie kannst du jemandem vertrauen?“

Trotzdem haben Sie sich entschieden, offen über das Erlebte zu sprechen.

Ja, denn es war und ist für mich die beste Therapie. So konnte ich dem, was mir widerfahren war, zumindest einen Sinn geben. Ich habe in den vergangenen 17 Jahren vor Hunderttausenden Menschen gesprochen, darunter auch viele Eltern, deren Kinder getötet wurden. Sie zu treffen ist am schlimmsten. Auch wenn ich und andere Überlebende wissen, dass uns keine Schuld trifft, empfinden manche von uns in diesen Situationen eine Schuld, überlebt zu haben.

Seit vier Jahren sind Sie verheiratet. Wie gehen Sie und Ihr Partner mit Ihrer Vorgeschichte um?

Ich werde oft gefragt: Wie konntest du dich, nachdem was dir angetan wurde, überhaupt verlieben? Wie kannst du jemandem vertrauen? Wie kannst du mit einem Mann intim sein? Es hat in der Tat Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, dass es bei einer Vergewaltigung um Macht und Kontrolle geht, bei echter Liebe ist das nie der Fall. Natürlich war es auch für meinen Mann am Anfang nicht einfach, mit dem umzugehen, was mir angetan wurde. Meine sehr vertrauensvolle Beziehung zu ihm war ein wichtiger Teil meines Heilungsprozesses

Mittlerweile arbeiten Sie als Expertin für Internetsicherheit und Beraterin für Kinderschutz. Gerade jetzt, da viele Kinder wegen der Corona-Krise nicht zur Schule gehen können, surfen sie viel unbeaufsichtigt im Internet. Die Polizeibehörde der Europäischen Union, Europol, warnt zudem, dass Täter während der Pandemie im Netz verstärkt nach kinderpornografischem Material suchen.

Das ist eine große Gefahr! Viele Kinder haben Angst, langweilen sich und fühlen sich einsam. Das können Täter ausnutzen.

„Mit Kindern über die Gefahren des Internets sprechen“

Was raten Sie Eltern, um Ihre Kinder vor Onlinegefahren zu schützen?

Es ist wichtig, dass sie mit ihren Kindern über die Gefahren des Internets sprechen, auch wenn das unangenehm sein kann.

Aber können die Kinder so nicht leicht verängstigt werden?

Wir bringen Kindern doch auch bei, dass sie nach rechts und links gucken sollen, bevor sie eine Straße überqueren. Wir bringen ihnen bei, dass sie keinen heißen Topf anfassen sollen. Wir bringen ihnen bei, dass sie ihre Finger nicht in Steckdosen stecken sollen. Wir weisen sie also ständig auf potenziell tödliche Gefahren hin, ohne sie dadurch zu traumatisieren.

Es wäre doch absurd, wenn wir so tun würden, als gäbe es ausgerechnet im Internet keine Gefahren. Wir müssen in altersgerechter Weise ihr eigenes Urteilsvermögen stärken. Denn letztendlich müssen sie selbst die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen. Ich will niemandem verbieten, eine Straße zu überqueren oder ins Internet zu gehen. Aber es soll möglichst sicher sein.

Wann sollten Eltern mit Kindern über diese Gefahren sprechen?

Sobald die Kinder anfangen, das Internet nutzen. Auch wenn sie dort nur Onlinecomputerspiele spielen.

„Es gibt heute Gefahren, die es früher nicht gab“

Was sollten Eltern außerdem noch tun?

Sie müssen kontrollieren, was ihre Kinder im Internet tun. Ein Problem ist, dass die Welt, in der Kinder heute aufwachsen, so anders ist als die Welt, in der ihre Eltern aufwuchsen. Es gibt heute Gefahren, die es früher nicht gab. Eltern sollten deshalb die Apps und sozialen Netzwerke, die ihre Kinder nutzen, kennen und wissen, wie man sie bedient. Dazu müssen sie auch alle Passwörter ihrer Kinder kennen und die Privatsphäreeinstellungen und Onlineaktivitäten ihrer Kinder auf allen Geräten überprüfen.

Ist das nicht ein großer Vertrauensmissbrauch, wenn Eltern ihren Kindern – möglicherweise heimlich – im Internet nachspionieren?

Natürlich ist es besser, wenn das nicht heimlich geschehen muss. Deshalb ist es überaus wichtig, dass Kinder wissen müssen, dass sie sich mit jedem Problem ihren Eltern anvertrauen können. Aber wenn es nicht anders geht, haben Eltern auch das Recht und die Pflicht, ihre Kinder heimlich zu kontrollieren. Es dient ja nur dem Schutz der Kinder.

Sollten Eltern die Handys, Tablets und Computer ihrer Kinder konfiszieren, wenn sie sich Sorgen machen?

Nein! Gerade in Zeiten von Corona sind diese Geräte oft ihre wichtigste Verbindung zur Außenwelt. Wenn Kinder Angst haben, dass ihnen die Geräte weggenommen werden, könnte es sie davon abhalten, Hilfe zu suchen.

„Alle Kinder sind gefährdet“

Welche Kinder sind besonders gefährdet?

Alle Kinder sind gefährdet. Unabhängig vom Geschlecht und sozialen Status der Eltern. Statistisch gesehen sind Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren am stärksten gefährdet. Jedes Kind hat in der Pubertät Probleme mit der Identitätsfindung. Hinzu kommt, dass für viele Kinder und Jugendliche die virtuelle Welt mittlerweile wichtiger als die echte Welt ist.

Likes und Follower in sozialen Netzwerken sind ihnen heute extrem wichtig, davon hängt ihr Selbstbewusstsein ab. Und um viele Follower zu haben, muss man oft schockieren. Viele Kinder und Jugendliche geben deshalb mehr von sich preis oder zeigen mehr, als sie eigentlich wollen. Trotz der #MeToo-Bewegung werden Mädchen heutzutage hypersexualisiert. Viele Mädchen denken deshalb, dass es ihre wichtigste Aufgabe sei, sexy zu sein.

Vielleicht kommt es auch deshalb immer wieder vor, dass vor allem Mädchen Nacktbilder von sich machen und diese per Whatsapp verschicken?

Das ist leider ein anhaltender und sehr gefährlicher Trend. Viele Mädchen und Frauen werden später von ihren Ex-Partnern mit diesen Bildern erpresst. Abgesehen von den großen Risiken ist es für Minderjährige auch illegal, solche Fotos und Videos zu machen und zu verschicken. Zumindest in den USA wird dies als Herstellung, Verbreitung und Besitz von Material von sexuellem Missbrauch von Kindern behandelt.

Wie finden die Täter im Internet ihre Opfer?

Kinder und Jugendliche sind impulsiv und können die Risiken ihres Handelns oft nicht gut einschätzen. Alle Kinder machen Fehler. Das machen die Täter sich zunutze. Sie suchen gezielt nach verwundbaren Kindern – und jedes Kind ist verwundbar. Sie haben Probleme mit ihren Eltern oder ihren Freunden. Sie finden sich nicht schön oder haben Schwierigkeiten in der Schule, es mangelt ihnen an Selbstbewusstsein.

Geübte Manipulatoren finden schnell diese verwundbaren Stellen. Sie hören zu, bestätigen die Kinder in dem, was sie denken, sagen, was sie hören wollen, schenken ihnen ihre Zeit, geben vermeintlich gute Ratschläge und machen den Eindruck, dass sie die einzigen Menschen der Welt sind, die immer und uneingeschränkt für die Halt und Anerkennung suchenden Kinder da sind.

Sie spenden Trost und versuchen, einen immer größeren Keil zwischen ihre Opfer und ihre Familie und Freunde zu treiben. Das ist nichts anderes als Gehirnwäsche, und es kann die Persönlichkeit eines Kindes in kurzer Zeit total verändern. Im schlimmsten Fall verschließt es sich dann gegenüber seiner Umwelt und ist nur noch für den Manipulator aus dem Internet zugänglich.

„Viele Kinder posten ständig, wo sie sind“

Wo finden die Täter ihre Opfer?

Sie gehen im Internet dorthin, wo die Kinder und Jugendlichen sind. Das sind unter anderem Social Networks, Dating-Apps für Jugendliche und Gamingplattformen. Es gibt kaum einen einfacheren Weg, das Vertrauen eines Kindes zu gewinnen, als stundenlang mit ihm Onlinecomputerspiele zu spielen. Und sie lauern ihnen auch im echten Leben auf. Viele Kinder posten ständig, wo sie sind, andere haben Geotaggingfunktionen aktiviert. Eltern sollten diese Ortungsfunktionen auf den Geräten ihrer Kinder deshalb unbedingt ausschalten.

Wer sind die Täter?

Wie die Opfer kommen sie aus allen gesellschaftlichen Milieus. Weil die Kontaktaufnahme im Internet heute fast immer mit Fotos und Videos geschieht, werden die Täter jünger. Die meisten 14-jährigen Mädchen würden sich nicht mit einem Mann treffen, der aussieht, als sei er 65 Jahre alt, mit einem 19-Jährigen hingegen durchaus.

Welche Verantwortung haben große Techfirmen wie Facebook, auf deren Plattformen Täter und Opfer sich treffen und kinderpornografische Inhalte ausgetauscht werden?

Eine große Verantwortung, doch der werden sie oft unter Berufung auf den Schutz der Privatsphäre und des Datenschutzes nicht gerecht. Natürlich ist Datenschutz wichtig, aber wenn es darum geht, Kinder zu schützen und Täter zu fassen und zu verurteilen, müssen wir uns überlegen, was wichtiger ist: Anonymität oder Verbrechensbekämpfung.

Heute hat fast jeder ein Handy, mit dem sich Material von sexuellem Missbrauch von Kindern schnell und einfach produzieren lässt, entsprechend mehr Inhalte werden hochgeladen. Ich denke, dass große Techfirmen die Verantwortung haben, solche Inhalte sofort von ihren Seiten zu löschen und die Ermittlungsbehörden umgehend zu informieren und zu unterstützen.

Man trägt eine Mitverantwortung dafür, dass in seinem Haus oder seiner Wohnung keine Verbrechen geschehen und Bewohner und Gäste dort sicher sind. Und wenn man es nicht verhindern konnte, ist man zumindest verpflichtet, zur Aufklärung des Verbrechens beizutragen.