"Amerika" bleibt nicht nur für Kafka ein Rätsel

Roman in Bochum auf der Bühne

BOCHUM Im Bochumer Schauspielhaus verteidigt Kafkas Karl Roßmann den Heizer nicht vor einer Schiffs-, sondern vor einer Footballmannschaft. Im Haus des Onkels tönt ihm der amerikanische Traum mit den Stimmen von Jay-Z und Alicia Keys in Endlosschleife entgegen. Der polnische Regisseur Jan Klata hat Kafkas "Amerika" sein eigenes USA-Bild übergestülpt.

von von Max Florian Kühlem

, 29.04.2011, 18:25 Uhr / Lesedauer: 1 min
Der Hauptfigur Karl Roßmann (Dimitrij Schaad) sitzt der ehemalige US-Präsident Abraham Lincoln im Nacken.

Der Hauptfigur Karl Roßmann (Dimitrij Schaad) sitzt der ehemalige US-Präsident Abraham Lincoln im Nacken.

Was Regisseur und Autor eint: Beide sind nie über den Atlantik gereist. So ist Klatas Amerika so wie Kafkas ein Phantasieprodukt. Schriller und greller ist es, die Charaktere fratzenhafter - wie aus einem Cartoon. Die feine Absurdität von Kafkas Welt wird vielfach übersteigert, aus kafkaesk wird grotesk. Doch erst ganz am Ende der zweieinhalbstündigen Inszenierung wirkt das ein wenig dick aufgetragen. Spätestens, wenn niemand mehr über die Slapstickszene mit Manfred Böll als Polizisten lachen kann. Ansonsten liefert Klata eine schlüssige Übersetzung Kafkas ins Pop-Zeitalter. Eine Inszenierung, die das Wesen des Romans erfasst. Das gelingt mit erstaunlichen Mitteln: Die Szenerie etwa wechselt jedes Mal, indem Dimitrij Schaads Karl Roßmann das Bühnenbilderbuch (Bühne: Justyna Lagowska) über dem Kopf zusammenklappt. Und sich eine weitere Seite des sozialen Abstiegs öffnet.Bewegungen wie Hieroglyphen Franz Kafka nutzt das ihm ferne Amerika als Sinnbild für eine Welt, deren Regeln sich ihm nie ganz erschlossen haben. Nah beim Autor ist deshalb Jan Klatas Umsetzung des Geschehens im Hotel Ramses: Die Bediensteten imitieren in ihren Bewegungen ägyptische Hieroglyphen. Kurz bevor er seine Stelle verliert, liegt Karl Roßmann begraben unter einer Gesetzestafel aus Stein, verheddert im Kabel des Telefons, durch das über sein Schicksal entschieden wurde.Fremdartiger Planet Am Ende steht Dimtrij Schaad allein vor einem fremdartigen Planeten. "Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas", tönt es aus dem Off. Das Publikum hat scheinbar auch Jan Klatas "Amerika" begriffen und spendet langen Applaus. 

Termine: 4.5., 20.5. Karten unter Tel. (0234) 33 33 55 55.

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