Andreas Leistner über einen Aktenordner

Buchtipp der Redaktion

Passend zur Frankfurter Buchmesse - auf der auch in diesem Jahr wieder unzählige Lesebegeisterte erwartet werden - haben sich unsere Redakteure ihre Lieblingsbücher vorgenommen, um sie Ihnen vorzustellen. Andreas Leistner stellt einen besonderen Aktenordner vor.

DORTMUND

von Andreas Leistner

, 21.10.2016, 15:20 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die ersten Besucher der Frankfurter Buchmesse blättern in den Büchern. Mehr als 7000 Aussteller aus rund 100 Ländern sind auf dem weltweit größten Branchentreff präsent. Foto: Frank Rumpenhorst

Die ersten Besucher der Frankfurter Buchmesse blättern in den Büchern. Mehr als 7000 Aussteller aus rund 100 Ländern sind auf dem weltweit größten Branchentreff präsent. Foto: Frank Rumpenhorst

Das Buch, das mich in den letzten Tagen fasziniert hat, ist im Grunde gar kein Buch. Es ist eine lose Blattsammlung, abgeheftet in einem Aktenordner, verstaut im Regal einer Heimatstube. Ohne Einband, ohne Buchrücken oder schmückendes Titelbild. „Zur Geschichte des Hauses Nr. 18 in Skytal, Landkreis Podersam, Kreis Saaz, Sudetenland, und seiner Bewohner. Zusammengestellt und verfasst von Alfons Tetsch 1950 - 1963“ heißt es nicht gerade spannend auf dem Deckblatt. Doch dieser Eindruck täuscht.

Auf 114 Seiten schildert Alfons Tetsch nicht nur, wie sein Elternhaus aufgebaut war und über die Jahre um Schweinestall oder einen Trockenboden für Hopfen wuchs. Er erzählt auch vom Einzug der Technik in die Landwirtschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts, von den Festen und Bräuchen seiner Kindheit, von Tanzbären, die von ihren Besitzern am Nasenring durchs Dorf gezogen wurden, von Originalen und Wunderlingen unter den Dorfbewohnern, von Flurnamen und alten Sagen, vom ersten Weltkrieg, dem Anschluss an Nazi-Deutschland und von der Vertreibung.

Tetsch schreibt in einfacher Sprache, ohne Schnörkel. Er schreibt für seine Familie und am Ende bittet er sie, sein Werk fortzusetzen. Jedes Jahr sollten die Nachkommenden die Aufzeichnungen ergänzen. Ob dieser Wunsch erfüllt wurde? Wahrscheinlich nicht.

So bleibt Tetschs Manuskript eine wertvolle Fundgrube für Heimatkundler, Familienforscher und Alltags-Historiker und ist zugleich ein Aufruf: Das wahre Leben spielt sich nicht immer nur in den Büchern der anderen ab, das eigene liefert Stoff genug für ein spannendes Buch. Schreiben Sie es auf.