Anselm Weber verlässt Schauspiel Bochum aus ökonomischen Gründen

Interview

Anfang der Woche wurde das Gerücht zur Tatsache: Anselm Weber löst seinen Vertrag am Schauspielhaus Bochum vorzeitig auf und geht voraussichtlich nach der Saison 2016/17 als Intendant ans Schauspiel Frankfurt. Der Grund ist ökonomischer Natur, wie er Max Florian Kühlem im Interview verriet.

BOCHUM

, 01.05.2015, 14:56 Uhr / Lesedauer: 3 min
Anselm Weber verlässt Schauspiel Bochum aus ökonomischen Gründen

Anselm Weber ist seit Anfang 2010 Intendant des Bochumer Schauspiels. Am Ende der nächsten Saison geht er nach Frankfurt.

Mögen Sie eigentlich Apfelwein? (lacht): Das bin ich vorhin schon in der Kantine gefragt worden. Ich kenne ihn ja von früher. Ich habe 1992 meine erste Arbeit am Schauspiel Frankfurt gemacht. Ich habe am Anfang gedacht, man kann ihn einfach so wegtrinken, aber dann ist man viel betrunkener als man gedacht hat. Was ich wirklich mag, ist Handkäs mit Musik.

Was waren davon abgesehen die Gründe, nach Frankfurt zu gehen? Ich komme jetzt in Bochum in eine Situation, die ökonomisch einfach nicht mehr tragbar ist. Es gibt keinen anderen Grund. Ich habe alle anderen Angebote, die in den letzten Jahren kamen, abgelehnt. Ich war zum Beispiel in Basel in der Endausscheidung. Ich habe meinen Vertrag in Bochum letzten Sommer ganz bewusst verlängert – ohne Ausstiegsklausel.  

Was ist passiert? Im Dezember gab es eine Information aus dem Rathaus, in der angekündigt wurde, dass die Personalkosten gedeckelt werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Tariferhöhungen nicht mehr übernommen werden und das von den Ämtern refinanziert werden soll – durch Personalabbau. Wir haben aber im Zuge der Konsolidierung des Hauses schon 22 Stellen abgebaut, haben Überstunden abgebaut, haben weniger gespielt und trotzdem die Einnahmen durch höhere Zuschauerzahlen erhöht. Das ist die Leistungsfähigkeit dieses Hauses. Mehr geht nicht.  

Was würde es konkret bedeuten, wenn das Schauspielhaus Tariferhöhungen selbst ausgleichen muss? Das ist eine ganz einfache Rechnung: Ein Prozent Erhöhung bedeutet 170 000 Euro. Es könnte also nach einer einzigen Tarifrunde ein Defizit von einer halben Million entstehen. Betriebsbedingte Kündigungen sind weder erlaubt noch von mir gewollt, also kann ich nur noch im künstlerischen Bereich sparen. Die Leistungsverträge der Künstler sind die einzigen, die kündbar sind.  

Aber da wollen Sie nicht ran? Das käme einem Ausverkauf all dessen gleich, wofür ich stehe. Ich habe immer dafür gestanden, dass ich saubere Verträge gemacht habe, dass die Künstler ins Tarifsystem eingebunden sind. Es hat nie jemand diese Halbjahres-Stückverträge gekriegt, wo er in einem halben Jahr drei Stücke spielt.  

Gehen Sie mit einem weinenden Auge? Natürlich. Ich bin voll der Wehmut. Ich mag dieses Haus ja wirklich sehr. Ich habe so viel Kraft hinein gesteckt und es zu einem absolut funktionierenden Haus entwickelt. Die Kammerspiele sind der beste Theaterraum, den ich kenne.  

Könnten die von Ihnen beschriebenen Umstände zu einem Imageschaden für das Haus führen – und wird es schwierig, einen Nachfolger zu finden? So wie es sich heute darstellt, ist das Haus mit etwa einer Million Euro unterfinanziert. Dazu kommt der Investitionsstau. Was an Geld und Ausstattung da ist, steht tatsächlich in keinem Verhältnis zu dem, was das Haus an Ruf und Anerkennung nach Außen genießt. Ich kann natürlich nicht für andere Menschen sprechen, aber es wäre sinnvoll, offen mit den Verhältnissen umzugehen und sie zu benennen. Ich bin von Essen nach Bochum vom Regen in die Traufe gekommen – in einer Art und Weise wie ich es nicht für möglich gehalten habe. In Frankfurt entsprechen sich Ruf und Ausstattung.  

Was haben wir in den nächsten zwei Jahren noch zu erwarten? Um das Ausmaß des Drucks, unter dem wir stehen, zu beschreiben, sage ich mal ganz offen: Ich habe ein Stück bei Dirk Lauke in Auftrag gegeben vor zwei Jahren. Das habe ich jetzt und wollte es nächstes Jahr in den Kammerspielen uraufführen. Ich habe diese Aufführung jetzt abgesagt, weil ich sparen muss. Das ist ein wirklich einmaliger Vorgang. Ansonsten glaube ich aber schon, dass wir nächstes Jahr noch mal ein sehr künstlerisch anspruchsvolles Programm haben. Aber für 2016/17 muss ich sehen, wie viel Geld ich einsparen muss.  

Das Schauspielhaus hat sich ja ein Jahr mit der Krise durch den Opel-Weggang beschäftigt. Glauben Sie, dass die Stadt die Ausläufer jetzt hart zu spüren bekommt? Dass es um die Finanzen steht, wie es steht, weiß man sicher nicht erst seit letztem Dezember. Man hätte sich zu einem viel früheren Zeitpunkt hinstellen müssen und überlegen: Was haben wir und was können wir?  

Da gibt es ja noch ein Konzerthaus, das gebaut wird… Diese Diskussion will ich jetzt nicht aufmachen. Ich sage nur, dass es klare und deutliche Aussagen und realistische Planungen braucht. Ich bin sehr erstaunt, dass ich der Einzige bin, der das so klar formuliert in die Stadt hinein. Ich sehe mich als einsamer Rufer in der Wüste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die anderen Ämter so unglaubliche Fettreserven angeeignet haben, dass sie davon Winter um Winter zehren können.

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