Astrazeneca-Impfung: Wie Impfstoff-Experten das Thrombose-Risiko einschätzen

Coronavirus

Mehrere Länder haben nach Berichten über Blutgerinnsel Astrazeneca-Impfungen vorläufig ausgesetzt. Mediziner und Wissenschaftler fürchten, dass der Impfstopp negative Folgen haben könnte.

von Saskia Bücker

, 12.03.2021, 12:44 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ampullen mit dem Covid-19 Impfstoff des schwedisch-britischen Pharmakonzerns AstraZeneca.

Ampullen mit dem Covid-19 Impfstoff des schwedisch-britischen Pharmakonzerns AstraZeneca. © picture alliance/dpa

Dänemark, Norwegen, Island, sogar Thailand: Mehrere Länder haben seit Donnerstag vorsorglich die Impfung mit einer Produktionscharge des vom britisch-schwedischen Hersteller Astrazeneca und Oxford-Forschern entwickelten Impfstoffs AZD1222 pausiert. Der Grund: Es sind nach Impfungen vereinzelt Fälle von Blutgerinnseln aufgetreten, einige davon in zeitlichem Zusammenhang und mit Todesfolge. Impfstoff-Experten und Behörden in Deutschland und der EU sehen bislang aber keinen Grund zur Sorge beim weiteren Einsatz des Vakzins.

„Ich bedaure es, dass auf dieser Grundlage einige Länder in der Europäischen Union das Impfen ausgesetzt haben“, sagte auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einer Pressekonferenz am Freitag in Berlin zum Astrazeneca-Impfstoff. Solche Meldungen würden grundsätzlich sehr ernst genommen und sofort von den zuständigen Behörden bewertet.

Astrazeneca-Impfstoff: Was sagen prüfende Behörden?

EMA: Nach erster Prüfung bestehe beim Vakzin kein Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Risikosignal und der Impfung, melden die Prüfinstanzen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA). Die Anzahl von bisher 30 gemeldeten Thrombose-Fällen bei knapp fünf Millionen geimpften Personen im europäischen Wirtschaftsraum stelle keine Häufung gegenüber dem Vorkommen in der Gesamtbevölkerung dar. Thromboembolien treten in Deutschland circa 1 bis 3 mal pro 1000 Personen und Jahr auf und sind daher relativ häufig. In den präklinischen und klinischen Studien des Astrazeneca-Impfstoffs sind nach Auskunft der Entwickler Blutgerinnungsstörungen bisher nicht als unerwünschte Nebenwirkungen aufgetreten.

Paul-Ehrlich-Institut: Auch das in Deutschland als oberste Bundesbehörde für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut meldete am Donnerstagabend in einer vorläufigen Bewertung, bislang gebe es „keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit der Corona-Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca in kausaler Verbindung steht.“ In Übereinstimmung mit der EMA überwiegt aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts der Nutzen der Impfung die bekannten Risiken. In Deutschland seien bis zum 11. März elf thromboembolische Ereignisse gemeldet worden. Vier Personen seien verstorben. Die aufgetretenen Ereignisse werden weiterhin auf mögliche Ursachen hin intensiv untersucht.

Was sagen Wissenschaftler zum Astrazeneca-Impfstoff?

Zusammenhang zwischen Thrombose und Impfung? „Die ergriffenen Maßnahmen sind selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen“, sagt Impfstoffforscher Erik Leif Sander von der Charité Berlin. Auch nach der Gabe von vielen Millionen Impfdosen des Astrazeneca-Impfstoffs zeige sich beispielsweise in Großbritannien keine Häufung von thrombotischen Ereignissen unter den Geimpften. „Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten.“ Es sei aber wichtig und richtig, dass allen Ereignissen durch die zuständigen Behörden sehr sorgfältig nachgegangen werde. „Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge“, betont Sander.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit gebe es keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den wenigen thromboembolischen Ereignissen, sagt auch der Chefarzt der Infektiologie Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. Statt von einer Kausalität sei eher von einer Koinzidenz auszugehen, also mehr Zufall als Ursache. „Dies ist auch die Schlussfolgerung von EMA und PEI auf der Basis der bisher vorliegenden Daten. Insofern gibt es auf einer wissenschaftlichen Faktenbasis keinen stichhaltigen Grund, an der Sicherheit des Impfstoffes AZD1222 zu zweifeln.“

Beobachtete Thrombose-Fälle: Eine geimpfte Person sei in Dänemark zehn Tage nach Impfung an multiplen Thrombosen verstorben, eine andere Person habe eine Lungenembolie nach der Impfung erlitten, von der sie sich derzeit erholt, berichtet der Chefarzt der Infektiologie Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing. Zwei weitere Fällen von thromboembolischen Ereignissen mit einer spezifischen Impfstofflieferung dieser Vakzine (ABV5300) seien bis zum 9. März berichtet worden.

Jetzt lesen

In Deutschland seien bis zum 11. März elf Meldungen über thromboembolische Ereignisse bei etwa 1,2 Millionen Impfungen berichtet worden, also weniger als 1 pro 100.000 Personen. „Zusätzlich sei angemerkt, dass das erwähnte Batch ABV5300 nicht nach Deutschland geliefert wurde und hier auch nicht verimpft wird“, erklärt Wendtner.

Wie wahrscheinlich ist das Thrombosen-Risiko nach der Covid-19-Impfung? Der Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen rechnet vor: „Ein Batch umfasst in der Herstellung 1 Million Impfdosen, entsprechend beträgt das Risiko für ein thromboembolisches Ereignis bis dato 1:250.000.“ Laut EMA seien bis zum 10. März 30 Fälle von thromboembolischen Ereignissen bei mehr als 5 Millionen mit dem AstraZeneca-Impfstoff geimpften Personen im Europäischen Wirtschaftsraum gemeldet, „entsprechend also einem Risiko von circa 1:170.000.“

Thromboserisiko auch ohne Impfungen: Es sei wichtig zu wissen, dass sich venöse Thrombosen unabhängig von Covid-19 mit einer jährlichen Inzidenz von etwa 1 pro 1000 Erwachsenen ereignen, also mit einem Faktor 100 häufiger in der Allgemeinbevölkerung auftreten. Jährlich gebe es in Deutschland 100.000 Todesfälle aufgrund von thromboembolischen Ereignissen. Diese stellten derzeit die dritthäufigste Todesursache dar, so Wendtner. Auch die Erkrankung Covid-19 gehe mit einem starken Risiko für Thrombosen einher: In einer aktuellen US-amerikanischen Auswertung basierend auf 3334 Patienten traten thromboembolische Ereignisse bei insgesamt 533 Patienten, entsprechend 16 Prozent, auf.

Impfstopp in Dänemark und Co.: Welche Auswirkungen hat das?

Imageschaden und Unsicherheit: Bereits jetzt ist Medizinern und Wissenschaftlern zufolge ein Schaden entstanden – nicht durch den Impfstoff selbst, sondern durch eine Aussetzung der Impfkampagne in einigen europäischen Ländern. Es sei „bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffes und der Impfkampagne insgesamt schadet“, sagt Wendtner.

Blutgerinnsel, die vereinzelt nach der Corona-Impfung registriert wurden, kämen bei schwerkranken Covid-19-Patienten sehr häufig vor, sagt Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Jena. Durch das Aussetzen der Impfungen in Dänemark für zunächst zwei Wochen sei es sehr wahrscheinlich, dass nun mehr Menschen an Covid-19 erkranken als ohne diese Entscheidung - und etwa fünf Prozent davon sicher auch schwer. So könnten folglich auch mehr Thrombosen entstehen. Das sei eine unangemessene Nutzen-Risiko-Abwägung gewesen.

RND

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt

Gesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Chef Lothar Wieler haben heute über die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Pandemie informiert. Spahn machte eine Ankündigung.