Attacke am Hochzeitstag: „Hilfe, meine Frau sticht mich ab“

Justiz

Eine Frau aus Marl sticht im Garten immer wieder auf ihren Mann ein. Er schreit mehrfach laut um Hilfe, doch niemand kommt. Darüber sind auch die Richter irritiert.

Marl/ Essen

von Jörn Hartwich

, 13.02.2021, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die 66-Jährige ist wegen Mordversuchs an ihrem Mann angeklagt.

Die 66-Jährige ist wegen Mordversuchs an ihrem Mann angeklagt. © Jörn Hartwich

„Der hat um sein Leben geschrien, aber keiner hat geholfen. Ich fand das das Allerletzte.“ Im Prozess um ein beinahe tödliches Beziehungsdrama in Marl hat sich eine Nachbarin am Freitag eine gehörige Portion Frust von der Seele geredet.

Die 50-Jährige hatte sich nach dem Ende ihrer Frühschicht kurz hingelegt, als sie die Hilfeschreie ihres Nachbarn wieder aus dem Schlaf rissen. „Hilfe, meine Frau sticht mich ab“, soll der zu diesem Zeitpunkt bereits schwer verletzte Mann gerufen haben. „Ich verblute. Warum hilft mir denn keiner?!“

Blick aus dem Wohnzimmerfenster

Während sie selbst sofort die Polizei rief und von einer Beamtin am Telefon gehalten wurde, um die Situation so genau wie möglich zu beschreiben, sahen die anderen Nachbarn offenbar lieber weg.

Nicht einmal ein Stadtmitarbeiter, der im selben Haus wohnte und die Hilferufe ebenfalls gehört hatte, hielt es für nötig, in den Garten zu gehen, um dem schon am ganzen Oberkörper blutverschmierten Mann zu helfen. Er sah einfach nur aus seinem Fenster im ersten Stock, rief dann die erwachsenen Kinder des Paares an.

„Ich war irgendwie überfordert“, sagte er den Richtern am Essener Schwurgericht, die sich über die fehlende Hilfsbereitschaft ebenfalls sehr verwundert zeigen. „Sie sehen da einen verletzten Mann“, so Richter Jörg Schmitt. „Warum gehen Sie da nicht runter?!“

Ärztin spricht von akuter Lebensgefahr

Zu übersehen waren die Verletzungen auf jeden Fall nicht. Im Prozess wurden Bilder gezeigt, die keinen Zweifel an der Dramatik der Situation lassen konnten.

„Es bestand akute Lebensgefahr“, so Rechtsmedizinerin Iliana Tzimas. Knapp zehn Messerstiche hatten die Ärzte nach der Bluttat vom 31. Juli 2020 gezählt – in Brust und Rücken. Eine Lunge hatte schon nicht mehr richtig gearbeitet. Auch die Bauchwand war getroffen.

Wer die Täterin war, stand von Anfang an fest. Die 66-jährige Ehefrau des Opfers hatte gleich bei ihrer Festnahme erklärt, dass sie ihren Mann umbringen wollte. Dafür habe sie sich den 39. Hochzeitstag ausgesucht. Der Angriff war erfolgt, als ihr Mann sich gerade ein Bier aus dem Kühlschrank im Gartenschuppen holen wollte.

Demütigungen als Auslöser?

Hintergrund sollen jahrelange Demütigungen gewesen sein, die sich nach einem Schlaganfall der Frau angeblich noch einmal massiv verstärkt haben. Auch ein Nachbar wusste von üblen Beleidigungen und Erniedrigungen zu berichteten. „Das Haus ist sehr hellhörig“, sagte er den Richtern.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf Mordversuch. Die Richter müssen allerdings prüfen, ob nicht auch die unbefristete Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie in Betracht kommen könnte – zum Schutz der Allgemeinheit.

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