Laura Möller (25) spielt in der Futsal-Nationalmannschaft der Gehörlosen

mlzEM-Teilnahme

Für die gehörlose Futsal-Spielerin Laura Möller ist die Verständigung auf dem Sportplatz keine Hürde. In ihrem Alltag ist es für die Halternerin häufig schwieriger.

Haltern

, 15.02.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Erst wenige Sekunden des Halbfinals der „European Deaf Futsal Championship“ sind gespielt, da kommt schon der erste gegnerische Angriff auf Deutschlands Kapitän und Halternerin Laura Möller und ihr Team zu. Geschickt stellt die 25-Jährige mit ihren Teamkolleginnen die Räume zu und zwingt die Engländerinnen zu einem Fehlpass in die Spitze. Gesprochen wird dabei nicht. Die Spielerinnen sind gehörlos. Das Zusammenspiel funktioniert trotzdem gut.

Am Seitenrand gibt der Trainer der deutschen Futsalnationalmannschaft Fillip Kieffer seinen Spielerinnen per Handzeichen Anweisungen. Gemächlich baut Laura Möller in der eigenen Hälfte das Spiel auf und kommuniziert mit den anderen Spielerinnen in Gebärdensprache. Plötzlich zieht sie das Tempo an und spielt einen schnellen Pass zentral vor Englands Tor. Ihre Mitspielerin verarbeitet den Ball und schirmt ihn geschickt mit dem Rücken zum Tor ab. Eine englische Verteidigerin versucht alles, hat am Ende aber doch keine Chance.

Im Vollsprint rennt Möller auf ihre Mitspielerin zu. Als die beiden Deutschen nur noch wenige Schritte trennen, passt sie den Ball. Mit hohem Tempo zieht Möller mit dem rechten Außenspann ab. Doch die englische Torhüterin beweist Nerven. Sie kann Möllers platzierten Schuss ins Seitenaus parieren.

Viele Deutsche wissen nicht mit Gehörlosigkeit umzugehen

Das Tempo ist hoch, die Pässe sind präzise. Auf dem Spielfeld bei der Futsal-EM kann sich das Team um die Halternerin Laura Möller ohne Worte gut verständigen. Doch was auf dem Platz klappt, wird außerhalb des Sports immer wieder zum Problem.

Lauter reden und näher herankommen - viele Menschen, auf die Laura Möller trifft, machen genau das, wenn sie bemerken, dass die 25-Jährige, die vor ihnen steht, gehörlos ist. Doch das ist „nicht toll“, sagt sie.

„Viele Menschen drehen sich auch einfach um und gehen, sobald sie erkennen, dass ihr Gegenüber sie nicht hören kann“, berichtet sie. Generell sei in Deutschland bei vielen das Wissen über den Umgang mit Gehörlosen schlecht. Viele bräuchten lange, um auf die Idee zu kommen, etwas in ihr Handy einzugeben oder einfach mehr mit den Händen zu kommunizieren. In anderen Ländern sei das anders.

Beispielsweise sei ihr beim Kontakt mit hörenden Menschen aus Spanien oder Italien aufgefallen, dass diese auch untereinander viel mehr gestikulieren als Deutsche. Daher falle es ihnen auch einfacher, mit einer gehörlosen Person zu kommunizieren. Denn es „erleichtert die Sache sehr“, erklärt sie. In Deutschland würden sich aber viele gar nicht erst trauen, mehr mit ihren Händen oder Fingern zu kommunizieren. Und das ist für sie nicht das einzige Problem.

„Wir können alles, was ihr könnt. Nur nicht hören“

Denn nicht nur die Kommunikation mit Gehörlosen fällt vielen schwer. Auch das Wissen über Nicht-Hörende ist bei vielen Deutschen gering.

Oft wird sie gefaragt: Können Gehörlose Autofahren? Vor allem mit Blick auf das Erkennen eines Krankenwagens. Doch das sei kein Problem, da ein Krankenwagen sich eben auch durch sein Blaulicht bemerkbar mache. „Wir können alles, was ihr könnt. Nur nicht hören“, erklärt Laura Möllers Lebensgefährte Tobias Hoffmann, der ebenfalls gehörlos ist.

„Ein absolutes No-Go“, wie Laura Möller es nennt, ist für Gehörlose der Ausdruck taubstumm. Dies sei ähnlich einer Beleidigung, erklärt sie. Denn fast jeder Gehörlose habe eine Stimme. Die meisten würden sich jedoch bewusst dagegen entscheiden, sie zu benutzen.

Der Fußballplatz als regelmäßiger Treffpunkt mit Hörenden

Für Laura Möller ist das Leben ohne hören zu können ganz normal. Denn sie ist bereits seit ihrer Geburt gehörlos - genauso wie ihre Familie. Daher sei für sie die Kommunikation mithilfe der Gebärdensprache auch nie ein Problem gewesen. „Das ist meine Muttersprache“, sagt Möller. Als Kind habe sie die sprachliche Barriere zwischen ihr und hörenden Gleichaltrigen auch noch gar nicht groß wahrgenommen. Denn „Kinder spielen mehr als zu sprechen“, erklärt sie. Ihre schulische Laufbahn begann sie dann aber auf einer Schule für Gehörlose. Der Kontakt zu Hörenden wurde weniger. Dadurch sei sie „der Welt der Hörenden etwas entrückt“.

Laura Möller (25) spielt in der Futsal-Nationalmannschaft der Gehörlosen

Laura Möller spielt bereits seit vielen Jahren für die Gehörlosen Futsalnationalmannschaft. © Privat

Doch einen regelmäßigen Treffpunkt mit Hörenden gab es: Den Fußballplatz. Beim Fußballspielen habe der Umgang miteinander schon immer gut geklappt, erzählt sie. Auch hier wurde mehr miteinander gespielt als gesprochen. Und gerade dort treffe sie auch heute noch immer wieder auf Leute, die gewillt sind, zumindest die Grundlagen der Gebärdensprache zu lernen.

Im Dezember wurde die finnische Stadt Tampere zu einem Ort, an dem so gut wie jeder ohne zu sprechen miteinander kommunizieren kann. Dort fand die fünfte „European Deaf Futsal Championship“ statt. Vor Turnierbeginn hatte die junge Sportlerin, die schon seit vielen Jahren fester Bestandteil der weiblichen Futsalnationalmannschaft des Deutschen Gehörlosen Sportverbandes ist, gesagt, der Titel sei das Ziel. Bei ihren ersten vier internationalen Turnierteilnahmen gelang das noch nicht. Lange sah es danach aus, als würde sie sich nun im fünften Anlauf endlich den Traum eines Turniersieges erfüllen können. Doch nach dem Schlusspfiff kam die Ernüchterung: Es sollte wieder nicht zum Titel reichen.

„Etwas zu früh gefreut“

Im Finale gegen Polen fehlten Laura Möller und ihrem Team 35 Sekunden bis zm Sieg. Doch Polen glich aus und rettete sich in die Verlängerung. „Uns hat ein wenig die Konzentration gefehlt“, erklärt sie. Die Mannschaft bestehe zudem aus vielen jungen Spielerinnen, denen noch ein wenig die Erfahrung fehle. Am Ende ging das Spiel verloren.

Die letzte halbe Minute der regulären Spielzeit im Finale wird die Futsalspielerin jedenfalls nicht so schnell vergessen. Dennoch überwiegen die positiven Erinnerungen, wenn sie an die zurückliegende EM denkt. „Es hat viele schöne Momente“ gegeben, erzählt sie.

Auch mit ihrer eigenen Leistung ist die 25-Jährige zufrieden. Insgesamt traf sie in Tampere sieben Mal. Damit war sie Deutschlands drittbeste Torschützen und auch im gesamten Teilnehmerfeld unter den besten Zehn.

Bei Turnieren mit der Gehörlosen-Nationalmannschaft sei es „toll, sich mit allen verständigen zu können“, sagt Möller. Dasselbe gelte auch für die Deutsche Meisterschaft. Dass es auch bei der Gebärdensprache Unterschiede zwischen jedem Land gibt, macht der Futsalspielerin nichts aus. Im Alltag sieht die Kommunikation aber anders aus.

Zwei Dolmetscher und eine „Mitschreibkraft“

Hier ist Laura Möller immer wieder mal auf einen Dolmetscher angewiesen. „Während meines Studiums hat sie mit zwei Gebärdensprachdolmetschern zusammengearbeitet“, erzählt sie. Darüber hinaus habe es noch eine sogenannte „Mitschreibkraft“ gegeben, die in Vorlesungen für die Notizen zuständig war.

Im Gegensatz zu ihrem Studium benötigt die junge Sportlerin heute bei ihrer Arbeit beim LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe im Bereich Abrechnungen von Ambulant Betreutes Wohnen nicht ganz so oft die Unterstützung eines Dolmetschers. Einzelgespräche mit Kollegen seien kein Problem. Dolmetscher werden nur bei Teambesprechungen oder besonders wichtigen Themen eingesetzt. Dank der heutigen Technik sei es sogar möglich, mit Dolmetschern zu arbeiten, die gar nicht im selben Raum sind, berichtet sie.

Aktuell gibt es zwei Dienstleister, die Gehörlosen als Ferndolmetscher zur Seite stehen. Dabei hat die gehörlose Person dann ein Tablet vor sich, über das der Dolmetscher aus der Ferne alles im Raum hören kann und dann live in die Gebärdensprache übersetzen kann.

Es sei allerdings nicht ganz so einfach, den Einsatz eines solchen Dolmetschers bewilligt zu kriegen, erklärt Laura Möller. Natürlich müssen zuerst die technischen Voraussetzungen erfüllt sein. Zudem müsse der Nachweis erbracht werden, dass ein solcher Dienst auch wirklich erforderlich ist.

Deutlich mehr Gehörlose als Dolmetscher

Außerhalb ihrer Arbeit benötigt Laura Möller nur sehr selten einen Dolmetscher. Die Kosten dafür muss sie meistens nicht selbst tragen. Beispielsweise müsse die Krankenversicherung für einen Gebärdensprachdolmetscher aufkommen, wenn sie zum Arzt gehe. Und bei Behördengängen müsse die Behörde für die entstehenden Kosten aufkommen. Einen Dolmetscher benötige sie privat eigentlich nur, wenn ein wichtiges Gespräch mit einem Hörenden anstehe. Aber dann, so Möller, müsse sie den Dolmetscher selbst bezahlen.

Doch die Kosten für einen Dolmetscher sind eher nicht das Problem. Vielmehr ist es das Verhältnis von eben jenen zu Gehörlosen. Laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund gibt es im ganzen Land ungefähr 140.000 Menschen, die auf einen Gebärdensprachdolmetscher angewiesen sind. Wie viele dieser Dolmetscher es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. In der offiziellen Liste des Berufsverbands der GebärdensprachdolmetscherInnen in Nordrhein-Westfalen sind 140 aufgelistet.

Darunter ist auch die in Haltern lebende Alexandra Lorenz, die seit 2006 als Dolmetscherin tätig ist und seit einiger Zeit nun auch Laura Möller mit ihren Übersetzungen in die Gebärdensprache unterstützt.

Deutlich und langsamer sprechen

Es sei ein großes Problem, spontan einen Dolmetscher zu bekommen, erzählt Laura Möller. Denn die Zahl der Gehörlosen ist nun mal deutlich größer als die der Dolmetscher.

Doch es muss nicht immer ein Dolmetscher sein. Ein Tipp an alle Hörenden für den Umgang mit Gehörlosen: Einfach deutlich und etwas langsamer sprechen. Dann klappt die Kommunikation mit Gehörlosen, die das Lippenlesen beherrschen, auch gleich viel besser. Denn lauter reden und näher herankommen macht es für Gehörlose nur noch schwerer, ihren Gegenüber zu verstehen.

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