Ausziehen wirkt anziehend

Musical: "Full Monty"

DORTMUND Sechs Stahlarbeiter ohne Job und Selbstbewusstsein ziehen den Erfolg an, indem sie sich ausziehen. Peter Cattaneo hat daraus einen Film gemacht ("Ganz oder gar nicht"), Stephen Sinclair und Anthony McCarten eine Komödie ("Ladies night"). Und David Yazbek ein Musical ("Full Monty"). Gil Mehmert hat dies auf die Bühne des Dortmunder Opernhauses gebracht. Heiß und mit Herz.

von Von Julia Gaß

, 23.10.2011, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die arbeitslosen Stahlarbeiter lassen im Musical »Full Monty« in Dortmund am Schluss alle Hüllen fallen.

Die arbeitslosen Stahlarbeiter lassen im Musical »Full Monty« in Dortmund am Schluss alle Hüllen fallen.

Ein Schauspielmusical, eine Komödie mit Musik, ist der vom-Arbeitslosen-zum-Chippendale-Traum der sechs Jungs. Werk 18 ist geschlossen, die Mädels kreischen vor einem Club, in dem echte Kerle Fleisch zeigen, die arbeitslosen Jungs leiden. Alle sechs haben Macken - an Körper und im Lebenslauf, schleppen Hühnerbrüste, Rettungsringe und Selbstzweifel mit sich herum. Typen stellt der in Werne geborene Regisseur auf die Bühne. Keine Adonisse, aber Männer mit Alltagssorgen. Sie kämpfen ums Sorgerecht für ihr Kind (David Jakobs als Jerry), um Anerkennung der Frau (Dirk Weiler als Harald und Patrick Stanke als Dave). Sie suchen Freundschaft und streifen mit den Klamotten auch die Rolle des Muttersöhnchens ab (Tim Ludwig als Malcolm).Seelenstriptease Männer mit schlimmer Hüfte, Minderwertigkeitskomplexen über zu wenig Fleisch in der Hose (Frank Odjidja) und ungelenken Bewegungen (Markus Schneider als Buddy) sind normalerweise kein Zaubermittel für eine Ladies Night, aber in diesem Theater-Musical funktioniert das. Weil der "Seelenstriptease" wichtig ist, Mehmert die Figuren menschlich und liebevoll zeigt. Auch die (Ehe-)Frauen, die taffe Jeanette am Klavier (Johanna Schoppa mit Bette Midler-Stimme) und den Sohn von Jerry (Tina Haas).Tempo und Ideen Unheimlich viel Tempo und witzige Ideen bringt er in das Stück und vor den großen Stahlkasten. Bühnenbild-Teile rollen schnell auf Wagen rein und wieder raus (Ausstattung: Heike Meixner); viel Liebe zum Detail zeichnet die Inszenierung aus. Komödien- und die Kammerspielszenen (auch auf dem Friedhof) passen zur Musik von Yazbek, die Pop- und Rock-Balladen-Charakter hat. Den Siedepunkt haben Musik und Stimmung erst am Schluss erreicht, wenn die Jungs bereit sind, als "Hot Metal-Group" alles zu geben und zu zeigen.Überdosis Testosteron

Wie die Stahlarbeiter, die bei Mehmerts Kulturhauptstadt-Eröffnungsshow auf Fässern für den Wandel getrommelt haben, legen sie nicht nur die weißen Stahlhelme ab. In der letzten Sekunde des Musicals schaffen sie nackte Tatsachen. Einen Wimpernschlag lang. Für die Männer und ihr Selbstbewusstsein war das ein Befreiungsschlag. Auch fürs Premierenpublikum, das die Überdosis Testosteron mit minutenlangen stehende Ovationen feierte.    

Termine: 5./6./11./17./19./27. 11., 4./17.12; Karten: Tel. (02 31) 5 02 72 22. www.theaterdo.de

Video vom Theater Dortmund

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