Ballett "Der Zauberberg" als getanzte Weltflucht in den Alpen

Uraufführung in Dortmund

Nach „Krieg und Frieden“ und dem „Traum der roten Kammer“ hat der Dortmunder Ballettchef Xin Peng Wang mit dem Bildungsroman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann ein weiteres Epos zum bildgewaltigen Tanztheater gemacht. Das Publikum feierte die Uraufführung Samstag im Dortmunder Opernhaus mit Ovationen im Stehen.

DORTMUND

, 09.11.2014, 10:34 Uhr / Lesedauer: 2 min

Vor dem Alpenpanorama tanzen die Bewohner des Sanatoriums im Ballett nach Thomas Manns »Zauberberg« in den Tod.

Vor dem Alpenpanorama tanzen die Bewohner des Sanatoriums im Ballett nach Thomas Manns »Zauberberg« in den Tod.

Wangs Ballett ist ein Tanz am Abgrund, ein leises Tanztheater, von dem die großen, starken Bilder in Erinnerung bleiben. Und es ist mehr als ein Handlungsballett - ein Seelenspiegel-Tanz, ein „Bildungsballett“, in das man sich in den ersten vier der neun Szenen hineinfühlen muss. Danach wird das Ballett dichter und der Tanz exponierter.Castorp ist ein Suchender Der Tod ist in dem Sanatorium in Davos allgegenwärtig, wenn zwei Bauern auf einem Schlitten die Toten abtransportieren. Hans Castorp bleibt lange ein Suchender in dieser Welt. Tanzstar Dmitry Semionov zeigt das mit Bewegungen, die sich von denen der anderen Figuren abgrenzen.

Später, in den großen Liebes-Pas-de-deuxs mit Madame Chauchat (glänzend als klassische, russische Ballerina: Monica Fotescu-Uta) darf der elegante Tänzer in klassischen Sprüngen seine große Tanzkunst zeigen.Erotische Annäherung Eine sehr differenzierte Bewegungssprache hat Wang für die Figuren, vor allem für den sterbenden Joachim Ziemßen (großartig: Dann Wilkinson) und auch für das Corps de Ballet entwickelt. Und Frank Fellmann stellt dazu beeindruckende Bilder in den Raum. In der Ouvertüre malt er ein Alpenpanorama auf die Bühnenrückwand, vor dem sich die Tänzer der glänzenden Dortmunder Compagnie aus Ganzkörper-Zwangsjacken schälen und in Kostümen der 1910er-Jahre (Alexandra Schiess) Macken und Marotten offenbaren.Riesige Röntgenbilder der Lunge In der Untersuchungsszene tanzen die Patienten vor riesigen Röntgenbildern der Lunge, der Karneval in der Klinik ist ein Tanz auf dem Vulkan mit Maskenköpfen, und am Schluss bedeckt ein weißes Tuch wie Schnee die Kranken und Sterbenden, während über einen drehbaren Eisblock Videos vom Beginn des Ersten Weltkriegs flimmern. Die schönsten Szenen sind optisch und tänzerisch die erotischen Annäherungen von Castorp und Madame Chauchat. Den ersten Pas-de-deux tanzt das Paar auf einem Klavier, dahinter rieseln Buchstaben wie Schneeflocken und setzen sich zum Text aus dem „Zauberberg“ zusammen. Im zweiten Pas-de-deux schmilzt der Text wie Schnee und die Hoffnung.Musik von Lepo Sumera Alle Motive aus dem 800-Seiten-Roman hat Wang aufgegriffen und klug gestrafft. Auch das Duell der Philosophen und sogar die Szenen, in denen in dem Roman über Bizets „Carmen“ und Schuberts „Lindenbaum“ gesprochen wird, kommen vor – in der Musik des estnischen Komponisten Lepo Sumera, die als Kammermusik etwas spröde, aber in den sinfonischen Passagen spätromantisch klingt (Motonori Kobayshi dirigierte die Dortmunder Philharmoniker).

Die schwarz-weiße Szenerie und die eisige Weltflucht-Atmosphäre dieses Tanztheaters lassen frösteln. Aber das Bildmächtige dieses Balletts ist faszinierend.

Termine: 14. /22./ 28.11., 6./12./28. 12., 4. /7. 1., 1./6. 2., 12. /20. 3., 11./17. / 26. 4.; Karten: Tel. (0231)
502 72 22.

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