BAP-Sänger Wolfgang Niedecken im Interview

Konzert in der Westfalenhalle

1976 gründete Wolfgang Niedecken seine Band BAP, die zu den erfolgreichsten Deutschrock-Bands gehört. Ihre Texte sind meist auf Kölsch und teilweise sehr politisch - und so äußert sich der Sänger auch im Gespräch mit unserer Redaktion. Im November geben BAP in der Westfalenhalle ein Jubiläumskonzert.

DORTMUND

, 15.10.2016, 14:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nach einem Schlaganfall, den er 2011 erlitt, startet Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken längst wieder durch. Mit seiner Band BAP, die er vor 40 Jahren gründete, ist er auf Jubiläumstour. Am 15. November kommt er in die Westfalenhalle.

Nach einem Schlaganfall, den er 2011 erlitt, startet Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken längst wieder durch. Mit seiner Band BAP, die er vor 40 Jahren gründete, ist er auf Jubiläumstour. Am 15. November kommt er in die Westfalenhalle.

Seit 40 Jahren gibt es BAP und Sie sind in diesem Jahr mit einem neuen Album, das „Lebenslänglich“ heißt, auf Jubiläumstour. Was hat es mit dem Titel auf sich?

Der Begriff kommt im Lied „Unendlichkeit“ vor. Ich hab‘ dabei von hinten durch die Brust ins Knie gearbeitet. Ich hatte diese Verbrecherfotos aus verschiedenen Jahren für das Booklet, mit denen ich spielen wollte. Erst im letzten Stück hatte ich dann den passenden Titel dazu entdeckt. „Lebenslänglich sucht man Zuversicht“ heißt es in „Unendlichkeit“. Das war‘s. So hatte ich schließlich einen sehr schönen interpretierbaren ambivalenten Titel für das Album gefunden.

Ein sehr BAP-typischer Song ist der Protestsong „Absurdistan“. Machen Sie damit deutlich, welch rares Gut Zuversicht ist?

Auf jeden Fall! Ich suche ja selbst nach Zuversicht. Ich kann den Leuten keine Zuversicht geben, aber ich kann sagen, dass wir uns alle anstrengen müssen, um Zuversicht zu erlangen. Was in Aleppo passiert, ist niederschmetternd, das ist Barbarei.

Mussten Sie dem neuen Album das Stück „Alles relativ“ als Vorab-Trostspender voranstellen, um mit „Absurdistan“ nicht gleich so sehr düster zu beginnen?

„Alles relativ“ ist ein Song über das Erwachsenwerden. Es ist meine Autobiografie in acht Strophen und führt zu der Erkenntnis: Sobald man anfängt, zu sehen, dass etwas relativ sein könnte, wird man erwachsen. Wann haben Sie beschlossen „Vision vun Europa“ zu schreiben? In dem Stück geht es um das Thema Flüchtlinge. Diese Story sollte eigentlich schon auf das Album „Radio Pandora“. Ich hab den Text seit 2008 mit mir rumgeschleppt. Nur damals hatte ich keine Musik dazu. Die kam erst durch Ulrich Rode, unseren neuen Gitarristen, dazu. Es ist ein Roadmovie-Text, der beschreibt, was die Schwarzafrikaner, die in Marokko in Sichtweite zum spanischen Festland auf eine Gelegenheit warten, nach Europa zu kommen, hinter sich haben und was hoffentlich nicht vor ihnen liegt.

Man hätte sich vorstellen können, dass Sie viel schärfer beschreiben, wie Europa sich der Flüchtlings-Herausforderung zu entziehen versucht.

Man darf nicht alles in einen Song packen, Songs zeichnen sich durch Reduktion aus. Insofern konnte ich den Text von 2008 beibehalten. Aber, es ist richtig, wie Europa sich abschottet, ist zum Fremdschämen. Die osteuropäischen Länder haben schnell vergessen, dass Europa eine Solidargemeinschaft und nicht nur eine Zugewinngemeinschaft ist.

Wie war Ihre erste Reaktion auf die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln?

Ich wollte erstmal genau wissen, was passiert ist und welche Gruppe für die Übergriffe auf die Frauen verantwortlich war. Ich hatte regelrecht gehofft, dass es lediglich nordafrikanische Kriminelle waren. Und so war es ja auch. Die sind mit den anderen Flüchtenden nach Deutschland gekommen. Mit den Flüchtlingen aus Syrien hatten die Geschehnisse nichts zu tun.

Hat diese Silvesternacht einen Rechtsruck in Deutschland ausgelöst?

Es war auf jeden Fall Wasser auf die Mühlen der Rechten.

Was bekommen Sie vom Rechtsextremismus-Problem in Dortmund mit? Und vermissen Sie in Dortmund und auch anderswo eine breite „Arsch huh“-Bewegung, wie Sie sie 1992 gegen Rassismus und Neonazis in Köln mitinitiiert haben?

Man bekommt durch einzelne Berichterstattungen und sogar durch den „Tatort“ mit, dass es eine rechte Szene in Dortmund gibt. Was in Dortmund dagegen gesetzt wird und werden könnte, weiß ich nicht. Vielleicht kann man ja für das gesamte Ruhrgebiet etwas machen – mit Künstlern wie Stoppok und Grönemeyer. Das heißt aber nicht, dass das Problem damit gelöst würde.

Zurück zum Album: Wir müssen noch über einen Tabubruch sprechen – warum singen Sie in „Absurdistan“ auf einmal Hochdeutsch?

Im Studio kam es mir plötzlich völlig albern vor, diesen ernsten Text auf Kölsch zu singen. Das war erstaunlich, weil ich ja selbst einen Song wie „Kristallnaach“ damals auf Kölsch gesungen hatte. Aber hier hatte ich dieses Albernheitsgefühl, und das ließ erst mit dem Hochdeutsch nach. Und da man ja in seinen Liedern Gefühle ausdrückt, muss ich mich dabei auch wohlfühlen. Deshalb singe ich Passagen dieses Songs auf Hochdeutsch.

Was erwartet die BAP-Fans in der Westfalenhalle? Das Beste aus 40 Jahren BAP?

Wir werden einige Stücke von „Lebenslänglich“ spielen und ansonsten werden wir die beliebtesten Lieder spielen. Das weiß ich nach 40 Jahren sehr gut, welches unsere beliebtesten Songs sind.

Wird da „Maat et joot“ von Ihrem ersten Soloalbum „Schlagzeiten“ dabei sein?

Nein, das steht leider nicht auf der Liste.

Aber Sie besingen darin doch eine Begegnung mit Jungs, die Sie mit ihrem Hanomag, auf dem DO stand, in der Türkei getroffen haben …

Ach ja. Stimmt, das müssten wir eigentlich in Dortmund spielen. Da muss ich mal drüber nachdenken.

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