Baum-Besetzer „Hambi Potter“ will eine 250 Jahre alte Eiche retten

Naturschutz

Drama um einen altehrwürdigen Baum in Castrop-Rauxel: Er soll einem Wohngebiet weichen. Deswegen lebt „Hambi Potter“ (22) seit mehr als 100 Tagen alleine auf der Eiche. So reagiert der Investor.

Castrop-Rauxel

15.01.2020, 14:57 Uhr / Lesedauer: 3 min
Baum-Besetzer „Hambi Potter“ will eine 250 Jahre alte Eiche retten

Aktivist Johannes, auch „Hambi Potter“ genannt, kämpft seit Monaten für den Erhalt einer 250 Jahre alten Eiche. © Fabian Strauch/dpa

Streit um eine Eiche: In Castrop-Rauxel mitten im Ruhrgebiet bewegt das Schicksal eines etwa 250 Jahre alten Baumes die Gemüter. Der schöne Baum auf einer Grünbrache soll gefällt werden, um Platz zu machen für ein neues Wohngebiet mit etwa 65 Wohneinheiten: Doppelhäusern, Einfamilienhäusern, Wohnungen.

Bürger gründen einen Verein und kämpfen für den Baumerhalt

Der Bebauungsplan für das Vorhaben „Wohnen an der Emscher“ wurde im vergangenen Jahr mit großer Mehrheit vom Stadtrat verabschiedet. Das Gelände gehört längst einem Investor. Doch viele Bürger wollten sich damit nicht abfinden und kämpfen seitdem für den Erhalt des Baumes.

Sogar ein Verein wurde gegründet. „Rettet die alte Eiche“ heißt er. Seit Ende September hat die Bürgerinitiative einen bemerkenswerten Unterstützer: Ein junger Mann, der sich „Hambi Potter“ nennt, hält seitdem den Baum besetzt - Tag und Nacht. In etwa acht Metern Höhe hat er sich eine Hängematte in die Äste gehängt und kommt nur selten runter.

„Hambi Potter“ bestzt die Eiche

Johannes, der Nachnamen und Herkunftsort nicht verraten will, hat Erfahrung mit solchen Aktionen: Fast ein Jahr habe er im Hambacher Forst gelebt, berichtet der 22-jährige Baumbewohner. „Es geht nicht um meine Person, sondern es geht um die Sache - zu verhindern, dass der Baum gefällt wird. Besonders in Zeiten des Klimawandels müssen wir darüber nachdenken, wie wir mit unserer Natur umgehen.“

Langeweile hat er nach eigenem Bekunden nicht: „Ich habe genug zu tun: Social Media, Gitarre lernen. Und ich studiere deutsche Gesetzestexte.“ Auch eine Bibel habe er dort oben. Versorgt wird er von Vereinsmitgliedern. Sie haben in einer Gartenlaube in der Nähe Quartier bezogen. Jeden Tag sind sie da und kümmern sich um ihn.

Vereinsvorstand: „Wir sind friedliche Senioren“

In den ersten drei Wochen hatten sie noch ein Zelt direkt am Baum. Dann wurden sie aufgefordert, das Privatgelände zu verlassen - der Investor drohte mit Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch. Die Unterstützer kamen dem nach. Man habe nichts Unrechtmäßiges machen wollen, sagt Wolfgang Schlabach vom Verein. „Wir sind friedliche Senioren“, sagt Vereinsvorstand Leonore Schröder.

Seitdem ist das Gelände komplett durch einen Bauzaun gesichert. „Hambi Potter“ aber ist geblieben. Der Investor „Dreigrund Development GmbH“ spricht von einer „illegalen Besetzung“. Bevor der Baum besetzt wurde, hatten die Gegner der Fällung schon einiges unternommen: Es gab eine Demo, mehr als 4000 Unterschriften wurden gesammelt.

Stadt: Baum erfüllt nicht die Kriterien für ein Naturdenkmal

Später kamen bei einem Bürgerbegehren etwa 6800 Unterschriften zusammen, die sich für eine Unterschutzstellung des Baumes als Naturdenkmal aussprachen. Es wurde vom Rat für unzulässig erklärt, weil der Kreis Recklinghausen dies bereits abgelehnt hatte. Begründung war laut Stadtsprecherin Nicole Fulgenzi: Der Baum erfülle nicht die Kriterien für ein Naturdenkmal.

Eine Klage gegen die Nichtzulassung des Begehrens wurde später abgewiesen. Auch sonst beschäftigt die Eiche längst die Justiz. Beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen liegt derzeit eine Klage der Naturschutzorganisation BUND gegen die Fällgenehmigung durch die Stadt.

Kontrollverfahren gegen gesamten Bebauungsplan eingeleitet

Nach Angaben der Stadt und auch des Investors hat diese Klage aufschiebende Wirkung - der Baum darf daher bis zu einer Entscheidung nicht gefällt werden. Wann darüber entschieden wird, ist unklar. Der BUND hat außerdem ein Normenkontrollverfahren gegen den gesamten Bebauungsplan beim Oberverwaltungsgericht Münster in die Wege geleitet.

Der Plan enthalte Formfehler, sagt BUND NRW-Vorstand Thomas Krämerkämper. So liege etwa ein Großteil der geplanten Häuser unter Hochspannungsleitungen. In dem Plan seien Abstandsvorgaben nicht eingehalten worden. Auch dort ist offen, wann entschieden wird.

Vermittlungsgespräch scheitert

Um Bewegung in die Sache zu bringen, lud Bürgermeister Rajko Kravanja (SPD) im Herbst alle Beteiligten zu einem Vermittlungsgespräch ein. Darin sollte es um einen Vorschlag des Vereins in Kooperation mit der Naturschutzorganisation BUND gehen. Idee war, die Fläche mit der Eiche sowie die notwendigen Flächen für Umplanungen selbst zu kaufen. Der Investor lehnte das ab. Anfang November war das.

„Die Stadtverwaltung ist weiterhin für Gespräche offen“, sagt Fulgenzi am Dienstag. Der Investor will zunächst den Ausgang des Normenkontrollverfahrens abwarten. „Dann gucken wir mal, was da raus kommt“, sagt Torsten Velhorst, Geschäftsführer der Dreigrund Development, am Dienstag.

Die Idee, eine Fläche mit der Eiche zu erhalten, wird abeglehnt

„Wir verhalten uns die ganze Zeit absolut gesetzestreu“, betont er. Der Bebauungsplan sei zusammen mit der Stadt entwickelt worden, eine große Ratsmehrheit habe den Plan dann verabschiedet. Für 250 000 Euro gebe es Ausgleichsmaßnahmen. Die Idee, eine Fläche mit der Eiche zu erhalten, lehnt er weiterhin ab.

Der Baum stehe laut dem Bebauungsplan zur Hälfte in einer öffentlichen Planstraße und zur Hälfte auf einem Baugrund. „Ich kann doch nicht ein Stück Straße verkaufen.“ Er sehe auch keine Veranlassung, einen neuen Bebauungsplan aufzustellen.

Lösungsvorschläge der Bürgerinitiative

Und wie sollte eine Lösung aus Sicht der Bürgerinitiative aussehen? Leonore Schröder hofft, dass der Investor das Grundstück mit dem Baum doch noch verkauft. Derzeit sammelt der Verein schriftliche Zusagen von Bürgern, sich an dem Kauf zu beteiligen.

Eine andere Möglichkeit sieht sie darin, dass doch noch ein neuer Bebauungsplan aufgestellt wird, damit der Baum erhalten werden kann. Oder die Gerichte entscheiden „in unserem Sinne“. Johannes will derweil noch im Baum bleiben - „bis die Eiche sicher ist“.

dpa

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