Triage: Wenn Ärzte Entscheidungen über Leben und Tod treffen

Coronavirus

Wegen der Corona-Epidemie sind die Krankenhäuser in Deutschland aktuell stark ausgelastet. Sollte es zu einem Ressourcenmangel kommen, müsste triagiert werden. Was das im Ernstfall bedeutet.

Berlin

17.12.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Immer mehr Corona-Patienten müssen intensivmedizinisch behandelt werden.

Immer mehr Corona-Patienten müssen intensivmedizinisch behandelt werden. © picture alliance/dpa/KEYSTONE

In der aktuellen Corona-Epidemie steigt die Zahl der intensivpflichtigen Corona-Patienten in Deutschland kontinuierlich. Damit wächst die Sorge, dass Ressourcen in den Krankenhäusern knapp werden könnten – etwa Beatmungsgeräte. Diese müssten dann auf die Patienten verteilt werden. Solch ein Verteilungssystem nach festgelegten Kriterien nennt man Triage. Das Wort stammt vom französischen Verb „trier“, was sortieren oder aussuchen bedeutet.

Triage-System wird primär in Notaufnahmen angewendet

Das System kommt aus der Militärmedizin. Ende des 18. Jahrhunderts fanden sich im „Königlich-Preußischen Feldlazareth-Reglement“ erste Angaben, wie Verwundete nach Schweregraden eingeteilt werden sollten. Unter Napoleon I. entwickelte der Militärchirurg Dominique Jean Larrey „fliegende Lazarette“: Die Verwundeten wurden auf dem Schlachtfeld nach der Schwere ihrer Verletzungen sortiert und, wenn nötig, vor Ort behandelt. Der Begriff Triage wurde noch nicht verwendet, er setzte sich erst später durch.

In Deutschland werden Triage-Instrumente in Notaufnahmen angewendet. Beim Manchester-Triage-System etwa wird der Patient nach den Kategorien Lebensgefahr, Bewusstsein, Blutverlust, Schmerzen, Temperatur und Krankheitsdauer einer von fünf Dringlichkeitsstufen zugewiesen. Allerdings geht man im Krankenhausalltag gewöhnlich davon aus, dass alle Patienten bestmöglich behandelt werden können.

Zeitpunkt der Triage in Deutschland noch nicht erreicht

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und die Fachgruppe COVRIIN des Robert Koch-Instituts geben in einer aktuellen Stellungnahme Entwarnung: „Wir stehen derzeit nicht an dem Punkt Priorisierungen von Patienten vornehmen zu müssen!“

Damit reagierte die Vereinigung auf die Äußerungen eines Ärztlichen Direktors einer Klinik im sächsischen Zittau. Dieser hatte berichtet, dass Patienten bereits mehrfach triagiert werden mussten. Das Krankenhaus distanzierte sich später von dieser Aussage.

Klinische Erfolgsaussicht bestimmt die Priorisierung

In der Stellungnahme der DIVI heißt es ferner, dass man auch auf regionale Überlastungen in den Krankenhäusern vorbereitet sei. Dann gilt das sogenannte Kleeblattkonzept, bei dem Deutschland in fünf Regionen unterteilt wird. „Jede Region verfügt über einen zentralen Koordinator. Alle fünf besprechen sich derzeit einmal in der Woche“, erklärte Prof. Jan-Thorsten Gräsner, Mitglied der Fachgruppe COVRIIN.

Für den Ernstfall, dass schwerwiegende Kapazitätsengpässe auf den Intensivstationen auftreten und triagiert werden muss, hat die DIVI, zusammen mit sieben weiteren Fachgesellschaften, einen Leitfaden erstellt. Wichtigstes Kriterium der Triage ist demnach die klinische Erfolgsaussicht. Das heißt, es werden – wenn nicht anders vermeidbar – die Patienten intensivmedizinisch priorisiert, die durch die Maßnahmen eine höhere Überlebenschance haben. DIVI-Präsident Uwe Janssens betont ferner, dass es bei der Einteilung keinesfalls nur auf das Alter ankomme.

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Eine solche Entscheidung sei für jene Menschen, die sie treffen müssten, immer belastend, sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. „Wir reden von Bildern, die sich massiv einprägen: der Mensch, den man unbehandelt lässt, gegenüber dem, den man rettet.“ Deshalb sollte immer im Team entschieden werden – und „getrennt von den Personen, die die Konsequenzen der Entscheidung umsetzen“.

RND

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