Bei „Kasimir und Karoline“ taumeln arme Würstchen

Schauspiel Dortmund

Es geht um die Wurst an diesem Abend, und zwar um zwei Sorten davon. Einmal um die gigantischen Weißwürste, die im Bühnenbild herumliegen. Und dann um die armen Würstchen, die dazwischen herumtaumeln und Sehnsucht haben nach einem besseren Leben. Das sind "Kasimir und Karoline" in Dortmund.

DORTMUND

, 19.09.2016, 12:24 Uhr / Lesedauer: 2 min

Überall toben Oktoberfeste. Das in München hat gerade begonnen. Dazu passend hat der junge Regisseur Gordon Kämmerer im Megastore des Schauspiels Dortmund "Kasimir und Karoline" inszeniert. D

enn Ödön von Horváth ließ sein Volksstück von 1932 auf dem Münchner Oktoberfest spielen - die ganz alltägliche Tragödie eines Paares, das sich trennt, weil der Chauffeur Kasimir arbeitslos geworden ist und seine Verlobte Karoline nach Höherem strebt, zum Schluss aber unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet. Kämmerer erzählte ihre Geschichte rotzfrech, aber nicht respektlos gegenüber dem Text, witzig, aber nicht geschmacklos, und überdreht, aber nicht durchgedreht.

Schrille Perücken

Vor allem die Kostüme von Josa Marx und die absurd hochtoupierten Perücken machen das Ganze zur grellen Farce. Karoline stolpert auf hohen, geflügelten Pumps ins aufblasbare Bierzelt: Da will es eine wissen, da will eine feiern, da reißt sich eine das Kleid vom Leib und lässt sich vom superdicken Kommerzienrat Rauch (Carlos Lobo) den Alkohol mit dem Gartenschlauch in den Mund spritzen.

Ein bisschen sexy, ein bisschen eklig, wie sich Karoline und die Feierbiester Merkl Franz (Christoph Jöde), Schürzinger (Frank Genser) und Erna halbnackt im aufblasbaren Pool rekeln. Und es macht Spaß, wenn die Akteure in E-Gokarts über die Bühne sausen oder das Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede über die Szene marschiert. Noch mehr Live-Musik macht Multitalent Max Thommes, der auch den Landgerichtsdirektor spielt.

Nur die Oberfläche ist modernisiert

Regisseur Kämmerer gibt also dem Affen Zucker, hat das Stück stark eingekürzt auf 100 Minuten Spieldauer. Aber er modernisiert zum Glück nur die Oberfläche. Dank der wunderbaren, innig und wahrhaftig empfindenden Julia Schubert als Karoline blitzt der Subtext dieses Klassikers, seine Melancholie und seine Traurigkeit angesichts übler Klassenschranken und menschlicher Korrumpierbarkeit immer wieder auf.

Auch Bettina Lieder als Erna berührt sehr in ihrem toll verzweifelten Monolog über die "Wiesenbraut", der aus einem Notizheft Horváths stammt. Nicht zu vergessen Ekkehard Freye, der trotz eines noch nicht ganz verheilten gebrochenen Fußes einen präsenten, ernsthaften Kasimir gibt.

Wilde Gier nach Glück

Dieses Ensemble lässt das Wechselbad zwischen der wilden Gier nach Glück, einer trostlosen Wirklichkeit und unschöner Selbsterkenntnis perfekt gelingen. So ist es nur konsequent, dass auf der Bühne von Jana Wassong zum Schluss die Luft raus ist. Das Bierzelt fällt in sich zusammen wie die Illusion vom besseren Leben, und in den Resten hockt Karoline und spricht den berühmten Satz "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich ...". Sehenswert.

25.9.; 1./15./26. 10.; 11./18.11. Karten: Tel. (0231) 5027222.

 

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