Blaulicht vor der Kita: Der Fall Greta und die Versäumnisse der Behörden

Kriminalität

Die kleine Greta lag leblos in ihrem Kita-Bett. Eine Erzieherin ist deshalb wegen Mordes angeklagt. Der Fall aus Viersen hat jedoch auch einige Defizite bei den Behörden aufgedeckt.

Düsseldorf

04.03.2021, 07:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bemalte Steine und Kerzen liegen vor dem Eingang einer Kindertagesstätte. Nach dem gewaltsamen Tod der dreijährigen Greta hat die Staatsanwaltschaft Kleve einen Fehler eingeräumt.

Bemalte Steine und Kerzen liegen vor dem Eingang einer Kindertagesstätte. Nach dem gewaltsamen Tod der dreijährigen Greta hat die Staatsanwaltschaft Kleve einen Fehler eingeräumt. © picture alliance/dpa

Kinder mit Atemstillstand, blauen Lippen, Krämpfen, verdrehten Augen: Blaulicht-Einsätze des Rettungsdienstes in vier Kitas. Doch nur in einem Fall in Viersen erfuhr das Landesjugendamt Rheinland von diesem meldepflichtigen Ereignis: Hier war am 21. April 2020 die kleine Greta aus dem Mittagsschlaf nicht mehr aufgewacht.

Vor dem Landgericht Mönchengladbach läuft der Prozess. Wegen Mordes angeklagt ist genau die Erzieherin, die damals Alarm geschlagen hatte: Sie kriege das Kind nicht wach. Es geht auch um die mehrfache Misshandlung von Schutzbefohlenen in anderen Kitas. Die Angeklagte hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Am Freitag soll das Urteil gesprochen werden.

25-Jährige hatte in allen Kitas erhebliche Probleme

Der Fall bekommt viel Aufmerksamkeit, auch weil deutlich wurde, dass es Versäumnisse gab. Die Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag ließen sich mehrfach informieren. Im Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend des Landtags etwa berichtete der Leiter des LVR-Landesjugendamtes Rheinland über den Fall. Mehrfach musste er dort sagen, dass aufgrund einer Häufung der Vorfälle eigentlich eine Meldung durch die Träger bei der Aufsichtsbehörde der Kitas nötig gewesen wäre. Doch sie waren wohl als medizinische Notfälle gesehen worden.

Laut Kinderschutzbund NRW wurde inzwischen die Handreichung für Kitas in solchen Fällen überarbeitet. „Dort steht jetzt explizit, dass akute schwere Krankheitssymptome mit Einsatz von Rettungswagen zu meldepflichtigen Ereignissen gehören, bei denen das Landesjugendamt informiert werden muss“, erklärte die Kinderschutzorganisation. Aus einer Vorlage an den Rechtsausschuss des Landtags im vorigen Sommer ging hervor, dass die jetzt vor Gericht stehende 25-Jährige in allen Kitas erhebliche Probleme hatte.

Die Angeklagte sitzt in einem Gerichtssaal des Landgerichts. Die Erzieherin soll im April 2020 in einer Kita in Viersen am Niederrhein einem kleinen Mädchen während des Mittagsschlafs den Brustkorb bis zum Atemstillstand zusammengedrückt haben.

Die Angeklagte sitzt in einem Gerichtssaal des Landgerichts. Die Erzieherin soll im April 2020 in einer Kita in Viersen am Niederrhein einem kleinen Mädchen während des Mittagsschlafs den Brustkorb bis zum Atemstillstand zusammengedrückt haben. © picture alliance/dpa

Ein Vertrag wurde „wegen fehlender fachlicher Kompetenz“ nicht verlängert, ein anderer nach der Probezeit gekündigt. Die Erzieherin habe keine Zeugnisse vorgelegt und „offenbar große Probleme mit der Wahrheit“ gehabt, schilderte eine Einrichtung. Der Kinderschutzbund NRW betonte, Zeugnisse und Lebensläufe sollten vor der Einstellung auf jeden Fall sorgfältig geprüft werden. Allerdings gebe es auch viele befristete Stellen in dem Bereich.

Eine Verwaltungsvorschrift soll die Schwelle für eine Meldung senken

„Häufige Stellenwechsel müssen daher nicht zwangsläufig ein Indiz dafür sein, dass eine Fachkraft Schwierigkeiten mit den Arbeitgebern hatte“, erklärte der Kinderschutzbund. Ein zentraler Punkt sei der Fachkräftemangel in den Kindertageseinrichtungen. Es müssten genug Fachkräfte zur Verfügung stehen, so dass ungeeignetes Personal entlassen oder gar nicht erst eingestellt werde.

Eine geplante Konsequenz aus dem Fall Greta betrifft eine bundeseinheitliche Verwaltungsvorschrift mit dem Kurztitel „MiStra“ - Anordnung über Mitteilungen in Strafsachen, betreffend Beamte, Polizisten aber auch etwa Erzieher in Kindergärten. „Hierbei soll die Schwelle für eine Meldung gesenkt werden“, erklärte das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW. Diesen Gesetzesantrag habe der Bundesrat auf Initiative von NRW am 9. Oktober 2020 beschlossen. „Eine Beratung im Bundestag steht noch aus“, berichtete das Ministerium.

Kinderschutzbund für Schutzkonzepte für Kitas

Die angeklagte Frau war bereits 2019, als sie längst als Kindergärtnerin arbeitete, wegen Vortäuschens einer Straftat an ihrem Heimatort Geldern aufgefallen. Eine Ärztin stellte damals fest, dass die junge Frau psychologische Hilfe benötigte. Doch die Aufsichtsbehörde bekam davon nichts mit. Der Kinderschutzbund weist auch auf die Bedeutung von Schutzkonzepten für Kitas hin. Diese könnten ein Baustein von mehreren sein, etwa was einen Verhaltenskodex für den Umgang mit Kindern angehe.

Ein Schutzkonzept habe den Vorteil, dass sich das Team einer Einrichtung mit dem Thema „Gewalt“ eingehend beschäftigt habe. In solchen Grundsätzen sei festgelegt, „welche Verhaltensweisen nicht toleriert werden und was bei Fehlverhalten von Personal sowie bei der Vermutung einer Kindeswohlgefährdung konkret zu tun ist“, berichtete der Kinderschutzbund NRW. Die Kitas, in denen es zu den angeklagten Vorfällen kam, hätten jedoch keine derartigen Konzepte gehabt.

dpa

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