"Borderline Prozession" im Spiegel der Berliner Presse

Theatertreffen

Kay Voges' Inszenierung "Die Borderline Prozession" spaltet beim Berliner Theatertreffen die Gemüter. Während das Premieren-Publikum dem Gastspiel aus Dortmund starken Beifall spendet, reagieren die Kritiker mit extremen Gefühlsausschlägen.

BERLIN

von von Patrick Wildermann

, 09.05.2017, 17:21 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kay Voges' "Borderline Prozession", hier im Schauspiel Dortmund, stößt nach der Premiere beim Berliner Theatertreffen auf Kritik.

Kay Voges' "Borderline Prozession", hier im Schauspiel Dortmund, stößt nach der Premiere beim Berliner Theatertreffen auf Kritik.

Berliner Tagesspiegel

"Zeremonielles Theater zwischen Film und Installation, zitierte Gewalt, Bedröhnung permanent aus den Lautsprechern" hat Rüdiger Schaper für den Tagesspiegel erduldet. Die Inszenierung schaffe "ein neues Genre - das gespielte multimediale Programmheft". Das "programmierte Theatererlebnis" sei zwar "technisch-logistisch ein Riesending, doch zu sauber, zu clever. So "oberflächlich wie die Oberflächen", die das Stück angreife. "Es geht um alles, im Grunde passiert nichts".

Berliner Zeitung

"Die Theatertreffen-Jury behauptet von diesem Abend, dass er eine Reflexion über den Terror der gleichzeitigen Erlebnisse sei", schreibt Dirk Pilz von der Berliner Zeitung. Und hält dagegen: "Stimmt nicht". Er hat ein Theater erlebt, "das Wirklichkeitsabmalen schon für Gestalten, das Zitieren bereits für das Begreifen hält". Sein vernichtendes Fazit: ",Ein Loop um das, was uns trennt' ist der Untertitel dieser Inszenierung. Ihr Ziel aber ist, uns in eine homogene Gefühlsmasse zu verwandeln'".

Inforadio RBB

"Der Kopf brummt. Der Magen knurrt", ächzt auch Ute Büsing im Inforadio des RBB. "Das Totaltheater aus Dortmund ist total anstrengend. Technisch ist diese Reizüberflutungs-Orgie toll gemacht und setzt vermutlich Maßstäbe für eine neue Theater-Ästhetik in Zeiten des Internets. Doch die Schauspieler werden dabei oft zur bloßen Staffage. Und wenn in der Abschlussprozession 20 Lolitas Kriegsherr Napoleon zu Grabe tragen, kommt sogar Kitsch auf".

Berliner Morgenpost

Begeistert zeigt sich dagegen Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost: "Es ist ein Theater, das alles will und schafft: Die totale Überforderung und das Innehalten, es stellt Kausalität, Brutalität und Banalität nebeneinander, es inszeniert die Gleichzeitigkeit von allem als gigantischen Bilderrausch", schwärmt sie: "Ganz benommen und berauscht verlässt man nach drei Stunden diese Messe über die Undurchschaubarkeit der Welt".

nachtkritik

Auch Georg Kasch, Kritiker der Berliner Plattform nachtkritik.de, ist voll des Lobes: "Dass eine derart aufwendige Inszenierung in solcher Perfektion in Berlin ankommt, ist wirklich bemerkenswert". Obwohl vieles an diesem Abend rätselhaft bleibe, "geht man klüger raus, als man reingekommen ist". Glücklich, berichtet er, "waren auch die Dortmunder. Selten haben sich Theatertreffen-Eingeladene so schön gefreut: mit Welle und ‚Oh wie ist das schön'-Gesängen".

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