Britische Studie: Kinderkrankheit PIMS und Corona-Infektion hängen zusammen

Coronavirus

Weltweit leiden seit Beginn der Corona-Pandemie Kinder an schweren Gefäßentzündungen, die dem Kawasaki-Syndrom ähneln. Forscher aus London gehen in einer neuen Studie davon aus, dass es sich dabei um zwei unterschiedliche Krankheiten handelt.

London

09.06.2020, 21:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
In mehreren europäischen Ländern sind bei Kindern ungewöhnlich schwere Erkrankungen festgestellt worden, darunter in Deutschland. In einigen Fällen wurde das Coronavirus nachgewiesen.

In mehreren europäischen Ländern sind bei Kindern ungewöhnlich schwere Erkrankungen festgestellt worden, darunter in Deutschland. In einigen Fällen wurde das Coronavirus nachgewiesen. © picture alliance/dpa

Seit April häufen sich die Fälle eines neuen Entzündungssyndroms bei Kindern, das der Kawasaki-Krankheit ähnelt. Die seltene Erkrankung tritt bisher ausschließlich bei Kindern auf und wurde bereits in mehreren europäischen Ländern mit einem hohen Anteil Covid-19-Infizierter festgestellt. Auch in Deutschland gab es Ende Mai die ersten Fälle.

In einer am Montag im Fachblatt „Journal of the American Medical Association“ veröffentlichten Studie ist es Forschern des Londoner Imperial College gelungen, die Symptome der neuen Krankheit zu identifizieren. Dabei ergaben sich deutliche Unterschiede zum Kawasaki-Syndrom. Außerdem fanden die Mediziner bei knapp 80 Prozent der PIMS-Erkrankten Anzeichen einer Infektion mit dem Coronavirus.

PIMS: Neue Krankheit mit teils schwerem Verlauf

An der von Forschern des Imperial College London durchgeführten Studie waren Ärzte und Kliniken in ganz England beteiligt. Sie untersuchten 58 Kinder, die sich mit der „Pädiatrisches Entzündliches Multisystem-Syndrom“ (PIMS) genannten Krankheit infizierten. Es wird angenommen, dass es sich bei ihr um eine äußerst seltene Erkrankung handelt – in England sind weniger als 200 Fälle des Syndroms bekannt. Dennoch schließen die Forscher nicht aus, dass ein schwerer Krankheitsverlauf bleibende Schäden verursachen könnte.

„Die neue Erkrankung PIMS-TS ist äußerst selten, kann ein Kind jedoch sehr krank machen“, sagt Dr. Elizabeth Whittaker, die Hauptautorin der Studie, in einer Mitteilung ihrer Universität. Um die Krankheit erfolgreich behandeln zu können, sei die genaue Charakterisierung der Krankheit entscheidend. „Unbehandelt besteht das Risiko von Komplikationen bei schwer erkrankten Kindern. Aber bei frühzeitiger Diagnose und Behandlung ist das Ergebnis sehr gut“, ergänzt die Immunologin Dr. Julia Kenny. Die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus untersuchten Kinder seien wieder völlig gesund.

Klare Unterschiede zum Kawasaki-Syndrom

Zu den beobachteten Symptomen zählen vor allem andauerndes Fieber, Bauchschmerzen und Durchfall. 52 Prozent der Kinder litten laut Studie zusätzlich an Hautausschlag, 45 Prozent an einer Bindehautentzündung. Bei acht Kindern (14 Prozent) konnten die Forscher zudem eine Erweiterung der Koronararterien oder Aneurysmen feststellen.

Obwohl auch rund ein Fünftel der Kinder (22 Prozent) typische Symptome des Kawasaki-Syndroms – wie Fieber, Ausschlag im Intimbereich, trockene Lippen, sowie Rötungen an Hals, Zunge und Handflächen – aufwies, konnten die Forscher deutliche Unterschiede zu dem Krankheitsbild ausmachen. Bei Laboruntersuchungen zeigten sich im Blut der PIMS-Patienten mehr Marker für Entzündungen und Herzenzyme. Diese könnten bei der Identifikation von Risikogruppen mit schwerem Krankheitsverlauf helfen, so die Wissenschaftler.

Darüber hinaus scheinen häufiger ältere Kinder von PIMS betroffen zu sein. Während das Durchschnittsalter der Kawasaki-Erkrankten bei vier Jahren liegt, liegt das mittlere Alter der PIMS-Patienten bei neun Jahren.

Folge einer Überreaktion des Immunsystems

Eine Gemeinsamkeit mit dem Kawasaki-Syndrom besteht jedoch in der Überreaktion des Immunsystems. Weil die Kawasaki-Krankheit die Koronararterie schädigt, was eine verringerte Blutzufuhr zum Herzen zur Folge hat, wird eine Immuntherapie zur Linderung dieser Probleme angewandt. Auch bei den an PIMS erkrankten Kindern zeigte die Immuntherapie laut den Forschern Behandlungserfolge.

Ein weiteres Indiz für eine Überreaktion des Immunsystems ist das Vorhandensein von Antikörpern. Weil die Mehrheit der Kinder Antikörper gegen Covid-19 besaß, gehen die Forscher davon aus, dass PIMS-TS als Folge einer Infektion auftritt.

Forscher vermuten Zusammenhang mit Coronavirus

Zwar konnten die Forscher der Londoner Studie nicht belegen, dass PIMS durch Covid-19 verursacht wird – dennoch wiesen 45 der 58 Kinder (77,6 Prozent) Anzeichen einer aktuellen oder früheren Infektion mit dem Coronavirus auf. Den Medizinern zufolge könne das Auftreten einer neuen entzündlichen Erkrankung während einer Pandemie kaum ein Zufall sein. Ein Zusammenhang, der auch vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als plausibel eingeschätzt wurde.

Eine Vermutung, die zusätzlich von einer Ende Mai veröffentlichten französischen Studie gestützt wird. Bei Untersuchungen von 21 Kindern und Jugendlichen mit Kawasaki-ähnlichen Symptomen fanden sich bei 90 Prozent der Patienten Antikörper-Nachweise für eine kürzliche Infektion mit dem Coronavirus. „Der anhaltende Ausbruch eines Kawasaki-ähnlichen PIMS-Syndrom bei Kindern und Jugendlichen in Paris könnte mit Sars-CoV-2 in Verbindung stehen“, schreibt das französische Team.

Die Ergebnisse des Imperial College sollen nun in weiteren Studien in Europa und den USA überprüft werden. Die Forscher hoffen, das Krankheitsbild so weiter spezifizieren zu können. Wenn PIMS nachweislich durch eine Überreaktion des Immunsystems verursacht wird, könne dies auch Auswirkungen auf die Verwendung von Corona-Impfstoffen haben.

RND

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