Bus, Supermarkt, Job? Wo sich Menschen wirklich anstecken

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Das Gesundheitsamt Mülheim hat fast alle Corona-Infektionsketten nachvollzogen. Das Ergebnis: Die Gefahr einer Ansteckung lauert weder im Supermarkt noch im ÖPNV.

von Linda Heinrichkeit

Mülheim

, 15.05.2020, 11:16 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit den Lockerungen kommen die Unsicherheiten: Viele Mülheimer sorgen sich, dass es in der Stadt zu voll, in den Läden zu eng wird. Doch blickt man auf die Hintergründe der Mülheimer Infektionszahlen, scheint diese Sorge unnötig.

Bislang hat sich keiner der 188 infizierten Mülheimer mit dem Coronavirus nachweislich im Handel oder im öffentlichen Nahverkehr angesteckt. Bei 180 Fällen kann das Gesundheitsamt nachvollziehen, durch welche Kontaktperson sich ein Erkrankter infiziert hat. Lediglich bei acht Infektionen ist der Ursprung unklar. „Ich gehe aber stark davon aus, dass sie sich bei jemandem angesteckt haben, der symptomfrei erkrankt war“, sagt Frank Pisani, Leiter der Abteilung für Infektionsschutz und Umweltmedizin.

Corona in Mülheim: Ansteckungen vor allem am Arbeitsplatz

Es sei „eher unwahrscheinlich“, sich beim Spazierengehen, Einkaufen oder in Bus und Bahn mit dem Coronavirus anzustecken. Denn nach Richtlinien des Robert-Koch-Instituts braucht es mindestens 15 Minuten direkten Kontakt bei unter eineinhalb Metern Abstand, damit eine für eine Infektion ausreichende Virus-Konzentration in der Luft liegt.

Das Gesundheitsamt unterscheidet die Infektionsquellen nach den Kategorien Arbeit, Familie, Freundeskreis und medizinischer Bereich. Diese Einteilung ist dynamisch und kann situationsbedingt angepasst werden. Da die Stadt die Infektionsorte namentlich und nicht nach Kategorien auflistet, werden die Anteile nicht genau erfasst, sondern nur Trends. Zu Beginn der Coronakrise habe es vor allem Ansteckungen im Freizeitbereich und in Urlauben gegeben. „Jetzt sind sie eher am Arbeitsplatz zu finden“, sagt Frank Pisani.

Hauptaufgabe des Gesundheitsamtes: Infektionswege nachvollziehen

Für ihn und seine Kollegen im Gesundheitsamt ist das Nachvollziehen von Infektionswegen die Hauptaufgabe im Kampf gegen das Coronavirus. Ziel ist es, Infektionsketten zu zerschlagen, das mögliche exponentielle Wachstum der Zahlen zu verhindern. Orte für schnelle Ausbreitungen sind oft Seniorenheime – mit insgesamt elf Fällen in Mülheimer Einrichtungen ist die Stadt bislang glimpflich davongekommen.

Und so bleiben die Infektionszahlen seit Wochen stabil. Für Städte mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb der vergangenen sieben Tage müssten Lockerungen zurückgenommen werden – davon ist Mülheim weit entfernt. Die Obergrenze liegt hier bei 84 Neuinfektionen, 13 zählt die Stadt für die vergangene Woche. Das sind 1,86 pro Tag, bei zwölf liegt das Limit, um die Lockerungen aufrecht zu erhalten.

Hausärzte bestimmen, wie viel getestet wird

Die Möglichkeit, dass Städte durch weniger Tests ihre Infektionszahlen niedrig halten können, weist Frank Pisani zurück. Denn wer getestet wird, bestimmt zum größten Teil nicht die Stadt, sondern der jeweilige Hausarzt. „Wir sind davon abhängig, wie viele Überweisungen wir bekommen“, sagt Pisani.

Das Gesundheitsamt ordnet lediglich Tests bei Kontaktpersonen von Infizierten an, die Symptome haben. Zudem können sich medizinisches Personal sowie Erzieher und Lehrer regelmäßig – auch symptomfrei – testen lassen. Mehr Abstriche zu machen, habe keine nachhaltige Wirkung, gebe nur eine trügerische Sicherheit, betont Pisani: „Es ist nur eine Momentaufnahme.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

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