Corona ausbremsen: Braucht es 2021 weitere Wellenbrecher-Lockdowns?

Coronavirus

Um Kontakte in der Corona-Pandemie zu reduzieren, setzt Deutschland bislang auf flächendeckend geltende Lockdowns. Weniger pauschale Lösungen seien für 2021 denkbar.

von Saskia Bücker

, 01.12.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 5 min
Alltagsmasken werden auch im Jahr 2021 im öffentlichen Leben präsent bleiben. (Symbolbild)

Alltagsmasken werden auch im Jahr 2021 im öffentlichen Leben präsent bleiben. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Der Teil-Lockdown gilt in Deutschland bis vorerst Ende des Jahres. Dann kommen Bund und Länderchefs erneut zusammen, um über das Infektionsgeschehen und das weitere Vorgehen für 2021 zu beraten. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) fordert bereits neue Konzepte für die Zeit ab Januar. „Noch ein weiteres Jahr wie dieses halten Gesellschaft und Wirtschaft nicht durch“, sagte Laschet am Montag der „Rheinischen Post“.

Ab dem Jahreswechsel müssten „kluge Konzepte langfristige Perspektiven für ein Leben mit der Pandemie ermöglichen“, sagte er. „Mit der Zulassung des Impfstoffs sind diese Konzepte auch realistisch.“ Virologen gehen allerdings davon aus, dass sich epidemiologische Effekte durch Impfungen wahrscheinlich frühestens im Herbst zeigen. Bis dahin braucht es also weiterhin eine Strategie abseits pharmazeutischer Errungenschaften. Nur welche?

Lokale Corona-Bremse: Verschärfte Maßnahmen nur vor Ort

Erneut harte und flächendeckende Lockdown-Szenarios sieht Laschet skeptisch: „Wir können nicht auf Dauer alles schließen, und der Staat bezahlt Monat für Monat Milliarden-Ausfälle. Ab dem neuen Jahr wird ein neues Modell nötig sein. Dauerhafte Schließungen und anschließende Ausgleichszahlungen machen den Staat auf Dauer kaputt.“

Was genau Laschet damit meint, äußerte er im Interview in Ansätzen. Das von ihm ausgelotete Grundprinzip erinnert an das Vorgehen im Sommer: Wenn die Zahlen steigen, müssten Schutzvorkehrungen ergriffen werden, so der NRW-Ministerpräsident. Er setze dabei auf eine lokale Corona-Bremse. Sprich: Kommunen mit einer sehr hoher Inzidenz müssten drastische Maßnahmen passgenau vor Ort umsetzen.

Maßgabe 7-Tage-Inzidenz: Ist der Wert alleine aussagekräftig genug?

Als Warnsignal für eine Überlastung des örtlichen Gesundheitssystems gilt bislang die 7-Tage-Inzidenz, also 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche. Wird der Wert überschritten, sollen verschärfte Maßnahmen umgesetzt werden, besagt das Infektionsschutzgesetz. Dieser Wert alleine reiche aber zur Beurteilung des Infektionsgeschehens nicht wirklich aus, kritisiert Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

„Aus epidemiologischer Sicht greift die Fixierung der Sieben-Tages-Inzidenz als vorherrschender Indikator der Pandemiebekämpfung zu kurz und verschenkt verfügbare Alternativen“, sagte Krause in einem beim Handelsblatt erschienenen Gastbeitrag. Ein mehrdimensionales, agiles Vorgehen sei für die nächsten Monate in der Pandemie besser, so Krause.

Weitere Indikatoren sollten etwa die Altersverteilung der Betroffenen und die Verfügbarkeit medizinischer Versorgungskapazität sein. Auch die Umstände der Infektionen sowie die betroffenen Berufsgruppen müssten dem Epidemiologen zufolge systematisch ausgewertet werden. Ein von Krause genanntes Beispiel gegenüber dem Handelsblatt: „Eine überdurchschnittliche Erkrankungszahl bei medizinischem Personal wird andere Maßnahmen erfordern als beim Personal einer Bank.“

Daten zeigen: Vernunft der Bevölkerung nicht unterschätzen

Dass Kontaktbeschränkungen und Schließungen bestimmter Bereiche aber grundsätzlich auf lokaler Ebene Wirkung erzielen können, zeigen Berechnungen von Mathematikern und Physikern am Forschungszentrum Jülich. Sie analysieren seit Monaten Daten zu bestätigten Fallzahlen, der Positivrate bei Tests, der Belegung der Intensivbetten, Todesraten und Bewegungsdaten. Ganz wichtig bei der Beurteilung des bislang geltenden Teil-Lockdowns: die Kontaktrate, also die Anzahl der Kontakte zwischen Infizierten und Nichtinfizierten pro Tag.

„Und diese Kontakte, bei denen Ansteckungen passieren, sind deutlich zurückgegangen – um rund 40 Prozent“, erläutert der Mathematiker Jan Fuhrmann vom Supercomputing Centre am Forschungszentrum Jülich. „Das muss aber nicht unbedingt eine ausschließliche Folge des Teil-Lockdowns sein.“ Die Kontakte seien schon seit Mitte Oktober deutlich zurückgegangen. „Aus unseren Modellen lässt sich vermuten, dass der Rückgang durch schon vorher ergriffene Maßnahmen auf kommunaler Ebene erklärbar ist, also beispielsweise Sperrstunden für Kneipen und verschärfte Maskenpflicht.“

Die Daten sprechen auch dafür, dass sich das Verhalten der Bevölkerung auch ohne einen bundesweit harten Teil-Lockdown verändern kann. „Wegen der dramatisch steigenden Fallzahlen haben anscheinend viele Menschen schon im Oktober mehr Vorsicht walten lassen und auf kritische Kontakte verzichtet“, so Fuhrmann. Ob das ausreicht, um das grundsätzlich hohe Niveau an Neuinfektionen langfristig zu drücken, zeigen die Berechnungen allerdings nicht.

Wellenbrecher-Lockdown: Infektionszahlen bleiben nicht dauerhaft niedrig

Eine dritte Welle sei nahezu unvermeidbar, wenn die Bevölkerung im Januar wieder auf die Kontaktraten von Anfang Oktober zurückkommt, prognostiziert der Mathematiker Fuhrmann. Es könne dann zwar mit weiteren Wellenbrecher-Lockdowns reagiert werden, bei denen die Kontakte für einen gewissen Zeitraum sehr stark reduziert werden. „Ich bin aber unsicher, ob man durch einen harten Lockdown ein Niveau erreicht, auf dem man sich auf Dauer ausruhen kann“, sagt der Mathematiker.

Jetzt lesen

Harte Lockdowns bergen auch die Gefahr, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung für Maßnahmen schwindet. Es sei danach nicht damit zu rechnen, dass die Fallzahlen konstant niedrig bleiben. Das Orientieren an erfolgreichen harter Lockdown-Strategien anderer Länder hält Fuhrmann für problematisch. „Deutschland ist nun mal keine Insel wie Australien und auch kontaktfreudiger als Asien“, betont der Mathematiker.

Den Wechsel zwischen Bremsen und Beschleunigen hält auch Alexander Kekulé, der einen Lehrstuhl an der Abteilung Mikrobiologie und Virologie an der Universität Halle innehat, für problematisch. Die Bevölkerung mache das nach einer Weile nicht mehr mit, weil der durch strikte Maßnahmen hervorgerufene Warnreflex keinen langfristigen Bestand habe. Die Wirtschaft erleide Schäden – weil sie nicht mehr planen kann. Und nach einem Lockdown blieben immer ein paar Infektionsfälle übrig und liefen unerkannt in der Bevölkerung weiter. „Dieses Hintergrundrauschen führt dann irgendwann zu einem diffusen Infektionsgeschehen, wie wir es jetzt auch in Deutschland haben“, sagte Kekulé dem RND.

Alternativ-Strategie ab Januar: Langfristige Grundregeln

Lockdowns seien erst notwendig, wenn andere Strategien zur Eindämmung der Epidemie versagt haben, betont beispielsweise Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die wie Fuhrmann Szenarien zum Pandemieverlauf errechnet. Es gebe alternative Strategien – unter der Voraussetzung, dass das Infektionsgeschehen nicht allzu hoch ist und die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter wieder gut funktioniert.

Wird das im Januar erreicht, sieht ein alternatives Szenario des Forschungszentrums Jülich vor, sich langfristig auf einige Grundregeln und Maßnahmen zu einigen und an die Bevölkerung zu appellieren – wie Mitte Oktober geschehen. Dabei werde dann sehr stark auf das individuelle Verhalten jedes Einzelnen gesetzt. Es gebe bei so einer Strategie im Unterschied zum Frühjahrs-Lockdown 2020 zwar weniger stark fallende Infektionszahlen. „Aber das Geschehen pendelt sich längerfristig auf einem niedrigeren Niveau als jetzt ein“, sagt Mathematiker Fuhrmann mit Blick auf die errechneten Modelle. „Auch das würde Krankenhäuser und Gesundheitsämter entlasten, würde zu weniger schweren Erkrankungen führen.“

Superspreading-Events vermeiden mit Schnelltests und Masken

Ein Befürworter solch einer Strategie mit kontinuierlichen Maßnahmen und dem Einbinden jedes Einzelnen ab Januar ist auch Epidemiologe Alexander Kekulé. Damit das klappt, brauche es aber einige Voraussetzungen: Schutz der Alten, Masken, aerogene Infektionen vermeiden, reaktionsschnelle Nachverfolgung von Infektionen und Schnelltests für jedermann – „mit diesen fünf Instrumenten können wir eine Strategie fahren, die essenzielle Lebensbereiche schützt, ohne das soziale und wirtschaftliche Leben unnötig einzuschränken“, sagt der Wissenschaftler.

Im Kern müsse der Staat zuerst dafür sorgen, dass es in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen keine Ausbrüche mehr gibt. Konkret heiße das: Regelmäßige PCR-Tests für das Personal samt ihrer Familien, Schnelltests und FFP2-Masken für Besucher. Im öffentlichen Raum müsse es einheitliche Schutzmaßnahmen wie die Maskenpflicht geben.

Schnelltests bei der Privatparty?

Und im Privaten sollen Kekulé zufolge nur dann Regeln vorgeschrieben werden, wenn merhr als 20 Personen zusammen sind. Ab dieser Teilnehmerzahl müssten dann Kekulé zufolge grundsätzlich zwei Dinge beachtet werden: Erstens, die Veranstalter sind verpflichtet, die Kontaktdaten der Besucher zu registrieren. Zweitens, alle müssten vorab einen Schnelltest durchgeführt haben – oder alternativ beim Treffen Maske tragen. „Damit können Superspreading-Ereignisse verhindert werden, auf die es bei dieser Pandemie entscheidend ankommt.“ Er befürworte es sowieso grundsätzlich, Schnelltests für jedermann gegen eine geringe Schutzgebühr in der Apotheke anzubieten.

Jetzt lesen

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek plädiert vor allem in Senioren- und Pflegewohnheimen für einen breiten Einsatz von Schnelltests. Die derzeit verfügbaren Tests würden auf absehbare Zeit nicht für alle Menschen ausreichen. Man könne damit aber „mehr Bereiche, die uns wichtig sind, absichern“, zum Beispiel Altenheime oder Schulen. Am Eingangstor von Seniorenwohnheimen könnten Antigen-Schnelltests „unglaublich viel Gutes“ leisten, sagte auch der Charité-Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“. Voraussetzung sei jedoch ein Test, der die Infektion zuverlässig anzeige.

Schulen offen halten - aber mit mehr Wechselunterricht?

Einigkeit besteht darin, bundesweit die Schulen offen zu halten. Bund und Länder haben sich darauf verständigt, dass ab über 200 Infektionsfällen innerhalb einer Woche in einem Landkreis ab der achten Jahrgangsstufe Hybrid- und Wechselunterricht eingeführt werden können. Über die Umsetzung wird aber weiterhin vor Ort entschieden.

Ein großflächiges Umschwenken ist in Deutschland also trotz anhaltend hoher Corona-Zahlen nicht geplant. Dabei liegen vor allem in mehr Wechselunterricht Chancen, zeigen Daten des Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft. „Aus meiner Sicht wäre das ein sehr guter Kompromiss“, urteilt deren Leiterin Anita Schöbel. „Unsere Simulationen zeigen, dass Wechselunterricht bezüglich des Infektionsgeschehens fast genauso viel bringt wie Schulschließungen.“

Pandemie-Kommunikation: Klare und ehrliche Botschaften

Ein wichtiger Faktor, damit möglichst viele Menschen von sich aus auf Kontakte verzichten, ist deshalb die Kommunikation zwischen Entscheidungsträgern und der Bevölkerung. Ein internationales Team aus Virologen, Mathematikern und Epidemiologen forderte Anfang November in einem in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichten Artikel, es brauche klare und ehrliche Botschaften der Regierung über Ziele der Eindämmung und die Herausforderungen durch die Pandemie.

„Deren Fehlen hat Misstrauen gedeihen lassen“, urteilen die Wissenschaftler. Die Regierungen müssten dringend das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherstellen. Es sollten beispielsweise tägliche Briefings wiederaufgenommen werden. Dazu zähle auch, Fehler einzugestehen, die eigenen Fähigkeiten und Erfolge nicht überzubewerten und die Öffentlichkeit als gleichberechtigten Partner zu behandeln. Es müsse klar kommuniziert werden, dass Schulbildung, die Gesundheitsversorgung und die Wirtschaft untrennbar mit der Kontrolle von Covid-19 verbunden sind. Das seien keine konkurrierenden Ziele.

Schlagworte: