Corona-Heldin: Als die Tafel schließen muss, rettet diese Frau 100 Familien aus der Not

Figan Ucar-Matic (41)

Wo findet man Helden? Auf dem Schlachtfeld? Auf dem Fußballplatz? Im Kino? Vielleicht. Ganz sicher aber in Selm-Bork, in einer unaufgeräumten, angestaubten Dorfkneipe, dem Reich einer Heldin.

NRW

, 24.04.2021, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Figan Ucar-Macit mit dem Logo des von ihr mitgegründeten Vereins „Schicksalshelfer“ vor der Dorfkneipe in Selm-Bork, die sie mit ihrem Mann als Dorf-Treffpunkt ebenfalls am Leben erhält.

Figan Ucar-Macit mit dem Logo des von ihr mitgegründeten Vereins „Schicksalshelfer“ vor der Dorfkneipe in Selm-Bork, die sie mit ihrem Mann als Dorf-Treffpunkt ebenfalls am Leben erhält. © Stephan Schuetze

Diese Kneipe riecht förmlich nach dörflichem Leben. Nach Stammtisch und Skat, nach Bier und Korn, nach Freude und Trauer, nach Liebe und Streit, nach Festen und dem Kater danach, einfach nach dem Platz, an dem das Herz eines Dorfes schlägt. Ohne Figan Ucar-Macit gäbe es diese letzte Kneipe in Bork, gäbe es dieses Herz nicht mehr.

Figan Ucar-Macit ist es ein wenig peinlich, wenn man sie als „Heldin“ bezeichnet. Nicht, dass sie schüchtern wäre oder nicht gerne von dem erzählen würde, was sie tut. Das nicht. Aber Heldin? Das scheint ihr doch ein wenig zu weit zu gehen. „Man tut, was man kann“, „Was du säst, das erntest du“ und „Das ist doch eine Selbstverständlichkeit.“ Das sind Sätze, die ihr eher über die Lippen gehen.

Das Gen, anderen zu helfen

41 Jahre ist Figan Ucar-Macit alt. In Lünen ist sie aufgewachsen. Und das Gen, anderen zu helfen, das hat sich offenbar schon früh entwickelt. Auf dem Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Lünen leitete sie von der 7. Klasse bis zum Abitur eine Friedens AG. Danach war einige Zeit Ruhe. Sie studierte soziale Arbeit. „Aber das habe ich nicht abgeschlossen“, erzählt sie, „die Kinder kamen, da war keine Zeit mehr.“ Keine Zeit fürs Studium, wohl aber für soziale Arbeit.

Sie heiratete Erdal Macit, der aus der Türkei stammt, und damit trafen sich – was das soziale Gewissen angeht – zwei Seelenverwandte. Mit ihren drei Kindern (10, 7 und 4) leben sie seit elf Jahren in Selm und haben in den vergangenen Jahren hier geradezu einen Sturm der Hilfsbereitschaft entfacht.

Deutschunterricht im Hinterzimmer

So richtig los ging es im Herbst 2015, als die Flüchtlingskrise Selm erreichte. Sehr viele Menschen kamen. In Selm entstand eine Zeltstadt, in der bis zu 1.000 Geflüchtete untergebracht waren. „Mein Mann kann Kurdisch und Arabisch, das war gut, um mit ihnen sprechen zu können.“ Figan und Erdal Macit mieteten das Hinterzimmer im „Haus Dörlemann“, der alten Kneipe im Dorfkern, und funktionierten es kurzerhand zur Schule um – mit Schiefertafeln, Tischen, Stühlen und Regalen, und allem, was dazu gehört. Hier gab Erdal Macit Flüchtlingen Deutschunterricht.

Figan Ucar-Macit mit einem Spruch-Bild, das sie in der Kneipe aufgehängt hat, und das ihr Lebensmotto sein könnte.

Figan Ucar-Macit mit einem Spruch-Bild, das sie in der Kneipe aufgehängt hat, und das ihr Lebensmotto sein könnte. © Stephan Schuetze

Seine Frau Figan gründete derweil eine Facebook-Gruppe, um Mitstreiter zu finden, die den Flüchtlingen helfen wollten. „In kürzester Zeit waren wir bis zu 300 Leute“, erzählt sie. „Wir haben den Flüchtlingen bei allem geholfen, was anfiel. Mal ging es um Möbel, mal um Kleidung, mal um das Ausfüllen von Formularen, um Behördengänge.“ Eine Kleiderkammer wurde eingerichtet.

Facebook-Gruppe wird zum Verein

Irgendwann zwischen Ende 2015 und Anfang 2016 wurde aus der Facebook-Gruppe ein eingetragener Verein, die Schicksalshelfer. Und Figan Ucar-Macit war und ist bis heute der Motor des Vereins. Sie gibt sich gleichwohl bescheiden und sagt: „Groß wird etwas erst, wenn andere mitmachen.“

2019, erinnert sie sich, habe man dann überlegt, den Verein wieder aufzulösen. Die Betreuung der Flüchtlinge war weitestgehend Geschichte. Dann kam Corona. Schnell war Figan Ucar-Macit klar, dass jetzt wieder viele Menschen auf Hilfe angewiesen wären. Mit Unterstützung der Stadt habe man 10.000 Zettel gedruckt und darauf Hilfe angeboten.

Wie aus Helfern Freunde wurden

„Die haben wir in der Nachbarschaft verteilt“. Anfangs seien viele skeptisch gewesen, aber durch die Kooperation mit der Stadt habe es doch funktioniert. „Wir haben Einkäufe erledigt und Botengänge. Das läuft immer noch, aber ich bekomme kaum noch etwas davon mit“, sagt Figan Ucar-Macit, die sich darüber freut: „Ich brauche nicht mehr zu vermitteln, weil inzwischen Helfer und Hilfsbedürftige zu Freunden geworden sind.“

Auch ein Motto von Figan Ucar-Macit.

Auch ein Motto von Figan Ucar-Macit. © Stephan Schuetze

Und dann musste zwischen März und Juni 2020 die Tafel schließen. Ein harter Schlag für viele Bedürftige, eine neue Herausforderung für Figan Ucar-Macit: „100 Familien bei uns sind von der Tafel abhängig, die konnten wir doch nicht alleine lassen, also haben wir als Schicksalshelfer für diese Zeit die Tafel komplett übernommen und einen Lieferdienst organisiert. In der Spitze waren von uns bis zu 30 Menschen dabei, Lebensmittel zu verteilen.“

Geschenkboxen für Alte und Obdachlose

Und als ob all das noch nicht genug sei, ließ sich Figan Ucar-Macit zum Jahresende auch noch etwas für die älteren Menschen in Selm einfallen. „Viele von denen in den Heimen sind ja sehr einsam. Da haben wir gesammelt und zwei Tage vor Weihnachten 300 Geschenkboxen verteilt.“ Und auch die Obdachlosen wurden nicht vergessen. Für sie wurden ebenfalls Pakete geschnürt. Zudem gab es an Heiligabend für sie Gulasch mit Nudeln als kostenloses Weihnachtsessen.

„Das war bisher unsere letzte größere Aktion“, erzählt Figan Ucar-Macit und entschuldigt sich für die Unordnung in der alten Dorfkneipe, dem Haus Dörlemann. Dort stapeln sich nämlich noch immer Hilfsgüter, die Bedürftigen in Selm zugute kommen werden. Und während die energiegeladene Frau das erzählt, spürt man förmlich, wie sie danach lechzt, bald wieder etwas für andere zu tun.

Ein Kofferraum voll Lebensmittel

Menschen wie Sven Kemmler (51) profitieren von dieser Power-Frau: „Ich weiß nicht, wie sie das alles schafft“, erzählt der Mann, der auf der einen Seite mit zu den Helfern von Figan Ucar-Macit zählt, auf der anderen Seite aber auch ihre Hilfe erfahren hat. Kemmler, Vater von vier Kindern, ist nach einem Herzinfarkt nur noch eingeschränkt erwerbsfähig. Bis alle Kneipen schließen mussten, arbeitete er als Gebäudereiniger in der Gastronomie. Seither fehlt das Geld an allen Ecken und Enden: „Die Anträge auf eine Erwerbsminderungsrente liefen schon im vergangenen Jahr, aber das dauerte. Und dann kam auch noch Weihnachten.“

Figan Ucar-Macit und Sven Kemmler, Helfer und selbst dankbarer Nutznießer der Hilfe der tatkräftigen Frau, mit Geschenkboxen, die die Schicksalshelfer für Bedürftige gepackt haben.

Figan Ucar-Macit und Sven Kemmler, Helfer und selbst dankbarer Nutznießer der Hilfe der tatkräftigen Frau, mit Geschenkboxen, die die Schicksalshelfer für Bedürftige gepackt haben. © Stephan Schuetze

Figan Ucar-Macit erkannte seine Not, packte mit ihrem Mann den Kofferraum ihres Wagens mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, mit allem, was man so im täglichen Leben braucht, voll und lud ihn bei Familie Kemmler kurz vor Weihnachten wieder aus. „Die Frau hat uns sprachlos gemacht“, sagt Sven Kemmler. Auf die Frage „Machen Sie so etwas öfter?“ zuckt Figan Ucar-Macit nur mit den Achseln, sagt „Ja“ und lacht.

Für Thomas Orlowski, den Bürgermeister von Selm, ist Figan Ucar-Macit ein Glücksfall: „Wenn Sie eine Geschichte über Corona-Helden schreiben wollen, dann haben Sie sich mit ihr genau die richtige Frau ausgesucht“, sagt er und listet auf, was sie alles in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht hat. Dabei fallen ihm sogar Dinge ein, die Figan Ucar-Macit nicht einmal erwähnt hat: „Als es mit Corona richtig losging, hat sie etwa in Nachtschichten Masken genäht und verteilt.“

Eine Sache des Charakters

Das nächste Projekt, das Energie kosten und ebenfalls das Lob des Bürgermeisters ernten wird, dürfte die Kneipe selbst sein, denn: So ganz nebenbei erzählt Figan Ucar-Macit, dass die Kneipe 2017 geschlossen wurde. Jetzt betreiben sie und ihr Mann das Haus Dörlemann – wenn nicht gerade Corona den Betrieb lahmlegt, versteht sich. „Es ist doch die letzte Kneipe, ein Café gibt es auch nicht. Hier gibt es sonst ja nicht einmal mehr einen Ort für den Beerdigungskaffee“, sagt sie.

Daher habe sie sich mit ihrem Mann, der als Lehrer arbeitet, entschlossen, die Kneipe weiter zu betrieben: „Als Treffpunkt für die Vereine und alle anderen im Dorf. Hier können Partys gefeiert werden und hier kann nach Beerdigungen getrauert werden.“ Dieses Haus ist eben das Herz des Dorfes und die Chefin darin ist eine Frau, die einfach nur anderen helfen will. „Das ist doch eine Charaktersache“, sagt die Heldin. Sie glaubt, keine zu sein.

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