Dunkelzifferstudie: Nur 6 Prozent aller Corona-Fälle bekannt?

Wissenschaft

Forscher haben Daten zur möglichen Dunkelziffer bei Corona-Infektionen veröffentlicht. Hierzulande bleiben demnach fünf von sechs unentdeckt. Anderswo sei die Datenlage noch schlechter.

Göttingen

09.04.2020, 12:08 Uhr / Lesedauer: 2 min
Nur etwa sechs Prozent der Corona-Infizierten, prognostizieren Forscher aus Göttingen, seien aktuell im weltweiten Durchschnitt entdeckt worden.

Nur etwa sechs Prozent der Corona-Infizierten, prognostizieren Forscher aus Göttingen, seien aktuell im weltweiten Durchschnitt entdeckt worden. © picture alliance/Archivbild

Nur etwa 6 Prozent der Corona-Infizierten haben die Länder im weltweiten Durchschnitt derzeit entdeckt – davon geht eine neue Hochrechnung der Universität Göttingen aus, die in der Fachzeitschrift „The Lancet Infectious Diseases“ publiziert wurde. Aus ihren Ergebnissen schlussfolgern Dr. Christian Bommer und Prof. Sebastian Vollmer, dass sich mittlerweile zig Millionen Menschen mit dem Sars-CoV-2-Erreger infiziert haben könnten, ohne in den offiziellen Statistiken aufzutauchen.

Deutschland könnte mehr als 460.000 Corona-Fälle haben

Zu ihren Erkenntnissen sind die beiden Forscher gekommen, indem sie sich zum einen die Abweichungen der dokumentierten Sterberaten von Covid-19-Patienten zwischen den Ländern angeschaut haben. Zum anderen analysierten sie die Schwankungen im Ländervergleich bei der Zeit, die zwischen dem Erfassen einer Infektion und dem Tod des jeweiligen Patienten verging.

„Diese Ergebnisse bedeuten, dass Regierungen und politische Entscheidungsträger bei der Interpretation von Fallzahlen für Planungszwecke äußerste Vorsicht walten lassen müssen“, sagt Vollmer. In Deutschland sind nach Einschätzungen der Wissenschaftler 15,6 Prozent der Corona-Infizierten entdeckt worden. Dementsprechend müssten sich bis Ende März mehr als 460.000 Menschen mit dem Erreger infiziert haben. Offiziell seien aber nur 71.808 Fälle gemeldet worden.

Wie aussagekräftig sind die offiziellen Fallzahlen?

Allerdings steht Deutschland trotz dieser Diskrepanz im internationalen Vergleich recht gut da. Denn Abweichungen zeigen sich auch bei anderen Ländern:

Italien: Die italienischen Gesundheitsämter haben nach Berechnungen von Vollmer und Bommer 3,5 Prozent der Corona-Infizierten entdeckt. Statt der gemeldeten 105.792 Infizierten hätten sich bis Ende März jedoch mehr als drei Millionen Menschen mit dem Sars-CoV-2-Erreger angesteckt.

Spanien: Hier liegt die Corona-Aufklärungsrate laut der Untersuchung bei 1,7 Prozent. Bis Ende März sollen sich aber mehr als fünf Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben – anstatt der gemeldeten 95.923.

USA: In den Vereinigten Staaten seien 1,6 Prozent der Corona-Infizierten entdeckt worden. Schätzungsweise mehr als 11,9 Millionen Menschen sollen sich bis Ende März mit dem Erreger infiziert haben. Die Gesundheitsbehörden meldeten allerdings nur knapp 188.000 Fälle.

Südkorea: Das Land hat mit 49,5 Prozent die höchste Aufklärungsquote. Statt der 9786 gemeldeten Infizierten sollen sich gut 19.700 Menschen bis Ende März mit Sars-CoV-2 angesteckt haben.

Ob die offiziell übermittelten Fallzahlen somit hilfreiche Informationen darstellen, ist nach den Erkenntnissen der Universität Göttingen nunmehr fraglich. „Die Fähigkeit der Länder, neue Infektionen zu erkennen und das Virus einzudämmen, muss dringend verbessert werden“, sagt Dr. Christian Bommer.

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