Covid-19: Ist die Blutgruppe ein Risikofaktor?

Coronavirus

Mehrere Studien legen nahe, dass die Blutgruppe Einfluss auf das Infektionsrisiko mit Sars-CoV-2 hat. Unklar ist unter anderem noch, welche Ursache dahintersteckt.

21.10.2020, 09:54 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Blutgruppe 0 scheint am wenigsten anfällig für Sars-CoV-2 zu sein.

Die Blutgruppe 0 scheint am wenigsten anfällig für Sars-CoV-2 zu sein. © picture alliance/dpa

Eine großangelegte Studie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat im Sommer für Aufsehen gesorgt: Die im renommierten Fachmagazin The New England Journal of Medicine veröffentlichte Untersuchung zeigte, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein rund 50 Prozent höheres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 haben als andere Blutgruppen. Bei Menschen mit Typ-0-Blut war das Risiko am geringsten.

Ist also die Blutgruppe der maßgebliche Einflussfaktor für den Krankheitsverlauf von Covid-19? Müssen sich Menschen mit Typ-A-Blut besonders vor Infektionen mit Sars-CoV-2 schützen? Und wie lässt sich der Zusammenhang zwischen Blutgruppe und Infektionsschwere erklären?

Kein höheres Risiko für Menschen mit Typ-A-Blut

Auf diese Fragen wird es wohl vorerst keine eindeutigen Antworten geben. „Die Studien zur Blutgruppe als Risikofaktor für eine Covid-19-Erkrankung zeigen keine einheitlichen Ergebnisse und werden noch intensiv diskutiert“, heißt es dazu vom Robert Koch-Institut.

Kritik an der Kieler Studie äußert unter anderem der Rostocker Humangenetiker Prof. Jörn Bullerdiek. Er gibt Entwarnung: Menschen mit der Blutgruppe A hätten kein erkennbar höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Der Humangenetiker hatte weitere Studien zum Thema analysiert. „Eine Bestätigung für schwere Krankheitsverläufe in Verbindung mit der Blutgruppe A fand sich dabei nicht“, sagte Bullerdiek der Ostsee-Zeitung. Er führt die Ergebnisse der Kieler Studie auf Probleme bei der Auswahl der Kontrollgruppe zurück.

Covid-19-Patienten weisen häufig Genvariante auf

Die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hatten Blutproben von 1610 Corona-Patienten untersucht, die in spanischen und italienischen Krankenhäusern wegen einer schweren Covid-19-Erkrankung behandelt wurden. DNA-Material wurde aus den Blutproben extrahiert und nach Genvarianten geforscht.

Dabei zeigte sich im Vergleich mit 2205 nicht erkrankten Blutspendern, dass unter anderem die Genvariante „rs657152“ bei Corona-Patienten häufiger vorkommt. Diese Variante befindet sich im sogenannten AB0-Gen, das die Blutgruppeneigenschaften bestimmt.

Untermauert werden die Befunde aus Kiel von einer Studie aus Kanada, die im Fachmagazin Blood Advances veröffentlicht wurde. Von 95 Corona-Patienten hatten 57 die Blutgruppen 0 oder B und 38 die Blutgruppen A oder AB. Die Forscher stellten fest, dass 84 Prozent der Patienten mit Typ-A- oder AB-Blut mechanisch beatmet werden mussten; bei den Patienten mit Typ-B- oder Typ-0-Blut waren es nur 61 Prozent. Außerdem verbrachten Patienten mit den Blutgruppen A oder AB mehr Tage auf den Intensivstationen.

Blutgruppe 0 garantiert keinen leichten Krankheitsverlauf

Es gibt jedoch auch Studien, die darauf hindeuten, dass die Blutgruppe zwar einen Einfluss auf das Infektionsrisiko hat, nicht aber auf die Schwere des Krankheitsverlaufes. Dr. Eva Maria Matzhold und Prof. Thomas Wagner von der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin an der Medizinischen Universität in Graz konnten durch erste Forschungsergebnisse nachweisen, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 „eine statistisch signifikant geringere Wahrscheinlichkeit“ haben an Covid-19 zu erkranken.

Aber: Die Blutgruppe 0 garantiere nicht unbedingt einen leichteren Krankheitsverlauf. „Personen mit Blutgruppe 0 müssen sich trotzdem gleich schützen“, werden die beiden Forscher von APA-Science, dem Netzwerk für Wissenschaftskommunikation in Österreich, zitiert.

Hintergründe und Ursachen sind noch unklar

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie aus Dänemark, die im Fachmagazin Blood Advances erschienen ist. Dabei verglichen die Wissenschaftler die Verteilung von Blutgruppen bei mehr als 473.000 Menschen, die zwischen dem 27. Februar und 30. Juli auf Sars-CoV-2 getestet wurden, mit Daten von nicht getesteten Personen.

„Diese Studie identifiziert die AB0-Blutgruppe als Risikofaktor für eine Sars-CoV-2-Infektion, jedoch nicht für einen Krankenhausaufenthalt oder den Tod durch Covid-19“, heißt es in der Studie. Dr. Torben Barington, leitender Autor der Arbeit und klinischer Professor der University of Southern Denmark, warnt vor Panikmache. Denn noch sei die Ursache für den Zusammenhang zwischen Covid-19 und den Blutgruppen unklar.

„Wir wissen nicht, ob dies eine Art Schutz der Gruppe 0 ist oder ob es sich um eine Art Anfälligkeit bei den anderen Blutgruppen handelt“, sagt Barington gegenüber dem Fernsehsender CNN. Er und seine Kollegen weltweit wollen die Hintergründe weiter erforschen. Denn genaue Kenntnisse über den zugrundeliegenden Mechanismus könnten auch bei der Entwicklung von Medikamenten und Impfungen eine wichtige Rolle spielen.

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