Dank TV-Anwalt befreit: Familienvater sitzt ein Jahr unschuldig in Haft

Gericht

Buen Nuhiji wird 2018 als vermeintlicher Drogen-Boss festgenommen. Mehr ein als Jahr verbringt er unschuldig in Untersuchungshaft - bis ein aus dem Fernsehen bekannter Anwalt ihm vor Gericht half.

Rottweil

20.10.2020, 10:13 Uhr / Lesedauer: 2 min
Buen Nuhiji (rechts) hat seinem aus dem Fernsehen bekannten Anwalt zu verdanken, dass er nicht unschuldig im Gefängnis sitzt.

Buen Nuhiji (rechts) hat seinem aus dem Fernsehen bekannten Anwalt zu verdanken, dass er nicht unschuldig im Gefängnis sitzt. © picture alliance/dpa

Das unbeschwerte Leben von Buen Nuhiji endet an einem Dezembermorgen 2018. Beamte eines SEK-Kommandos stürmen in seine Wohnung in Tuttlingen im Süden Baden-Württembergs. Sie sind auf der Suche nach Kokain und ringen ihn zu Boden. Der Familienvater wird vor den Augen seiner Söhne und seiner Frau in Handschellen abgeführt - als vermeintlicher Kopf einer Drogenbande. Mehr als ein Jahr lang sitzt der heute 44-Jährige in Untersuchungshaft - bis klar ist, dass nichts hinter den Vorwürfen steckt.

Von V-Mann belastet

Belastet wurde Nuhuji von einem V-Mann der Polizei. Ein Freund aus Kindheitstagen in Albanien hatte die beiden im März 2018 zusammengebracht. „Mein Bekannter bat mich darum, ihn zum Bahnhof zu fahren. Er wollte dort jemanden abholen“, berichtet Nuhiji. Der unbekannte V-Mann sei eingestiegen, er habe die beiden dann vor einem Café abgesetzt. „Das war’s - ich habe mir nichts dabei gedacht“, sagt der Familienvater.

Das Treffen wurde für Nuhiji zum Verhängnis. Der Mann, den der Familienvater da abgeholt hatte, war ein Informant der Polizei und sollte einen Kokain-Deal mit dem Bekannten über die Bühne bringen und damit eine Drogenbande überführen. Ermittler hatten alles aus der Ferne beobachtet und einen Zusammenhang zum Familienvater vermutet, den der V-Mann in Vernehmungen später bestätigte.

Anwalt Ingo Lenßen verteidigt Nuhiji

Angeklagt wurde Nuhiji Ende 2019 mit acht weiteren Männern wegen bewaffneten bandenmäßigen Drogenhandels. Vor dem Landgericht Rottweil ging es unter anderem um 120 Kilogramm Kokain. 18 Verteidiger saßen im Gerichtssaal. Einer davon war Ingo Lenßen. „Mein Mandant hat immer bestritten, etwas mit den Drogen zu tun zu haben“, sagt Nuhijis Anwalt, der auch im Fernsehen als Schauspieler auftritt. Er habe den Fall übernommen, weil er von Anfang an an die Unschuld des Familienvaters geglaubt habe. Der Freispruch im Februar dieses Jahres gab ihm Recht.

Für die Polizei sei aber klar gewesen, dass Nuhiji der Kopf eines großen Drogendealer-Rings sei, so Lenßen. Mit Fantasiegeschichten habe der V-Mann als vermeintlicher Kronzeuge in dem Verfahren Nuhiji belastet. Zunächst habe sich der Mann als Bulgare ausgegeben. „In der Hauptverhandlung kam dann raus, dass Arabisch seine Muttersprache war und er aus dem Libanon kam.“

Ingo Lenßen (links) und Buen Nuhiji stehen vor der Außenstelle Villingen-Schwenningen der Justizvollzugsanstalt Rottweil. Nuhiji saß hier 360 Tage lang zu Unrecht ein.

Ingo Lenßen (links) und Buen Nuhiji stehen vor der Außenstelle Villingen-Schwenningen der Justizvollzugsanstalt Rottweil. Nuhiji saß hier 360 Tage lang zu Unrecht ein. © picture alliance/dpa

Der vermeintliche Kronzeuge habe nichts Konkretes gegen seinen Mandanten aussagen können, sagt Lenßen. Weil sich im Prozess immer mehr der Verdacht erhärtet hatte, dass Nuhiji kein Drogen-Boss sei, kam er schließlich noch vor dem Urteil auf freien Fuß. Die Staatsanwaltschaft wollte sich zu den Hintergründen des Falls nicht äußern. „Eine nachträgliche Aufarbeitung eines abgeschlossenen Verfahrens erfolgt grundsätzlich nicht“, teilt die Behörde dazu mit.

60.000 Euro Entschädigung

Im Gefängnis habe er sich immer wieder gefragt, wie das alles sein konnte, erzählt Nuhiji. Er sei fast den ganzen Tag in der Zelle gewesen. „Drei Mal die Woche durfte ich duschen - für je drei Minuten.“ Alle 14 Tage habe ihn seine Familie besuchen dürfen. Das Gefühl frei zu kommen, sei unbeschreiblich gewesen.

Für seine Zeit im Gefängnis sei Nuhiji mittlerweile entschädigt worden, sagt Lenßen. Rund 60.000 Euro seien ihm zugesprochen worden. Deutlich weniger wäre es dem Anwalt zufolge gewesen, wenn Nuhijis Arbeitgeber nicht an die Unschuld des Familienvaters geglaubt hätte und ihn entlassen hätte. So musste der Staat auch für den Verdienstausfall aufkommen.

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