So manche Karriere wurde schon durch eine Knieverletzung beendet. Dem Glauben, jüngere Spieler könnten Verletzungen besser oder schneller auskurieren als ältere, widerspricht Dr. Noel Stais.

Hullern, Flaesheim

, 08.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für Phillip Oligmüller war die Saison vorbei, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Der 31-Jährige vom SV Hullern war am ersten Spieltag der Kreisliga B noch keine 20 Minuten auf dem Feld, da musste er schon wieder runter.

Noch schneller war das erste Saisonspiel für den 19-jährigen Sebastian Rüter von Concordia Flaesheim beendet. Nach einem Torschuss wollte er den zweiten Ball erlaufen, als er durch die Abwehrreihe lief, wurde er aufgehalten. „Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich gefallen bin“, sagte er damals. Aber es war schmerzhaft: Der Neuzugang aus der A-Jugend des ETuS Haltern wollte sich noch abstützen, dabei zog er sich einen Bruch des Speichenknochens zu, direkt über dem Handgelenk.

Phillip Oligmüller hatte noch deutlich mehr Pech beim Saisonauftakt am 12. August: Bei einem gegnerischen Foul sprang dem Verteidiger die Kniescheibe heraus. Dabei kam es auch noch zu einer Abscherung des Knochens und Knorpels. „Die Kniescheibe kugelt immer nach außen aus“, erklärt Sportmediziner Dr. Noel Stais und weist auf die Bedeutung der Kniescheibe hin, die eine „wichtige und tragende Rolle beim Fußball“ einnehme. Dabei könne es dann passieren, dass sich Teile vom Knochen sowie des Knorpels lösen. Mehrere freie Gelenkkörper und ein Kapselriss kamen bei Oligmüller auch noch hinzu. Um überhaupt transportfähig zu sein, musste er noch am Platz narkotisiert werden.

Gute Gene sind besonders wichtig

Knieverletzungen seien im Fußball die zweithäufigste Verletzungsart, erklärt Dr. Noel Stais und verweist dabei auf eine Studie der VBG, der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft. Diese kam in ihrem Sportreport 2018, in dem sie die Verletzungen aller Spieler der ersten und zweiten Bundesliga analysierte, zu dem Ergebnis, dass 15,5 Prozent aller Verletzungen am Kniegelenk passierten. Dass Oligmüller als Abwehrspieler unterwegs war, passt ebenfalls ins Bild der Studie: Denn die Defensivpositionen schätzt die VBG als risikoreichste Spielposition ein.

Auch ein Teil seines Oberschenkelmuskels sei abgerissen, erklärt Phillip Oligmüller. Dieser wurde dann in einer Operation wenige Tage später wieder angenäht. Eine schnelle Operation sei einer der wichtigsten Faktoren für eine gute Heilung, sagt Dr. Stais, der seit 2016 ein fester Bestandteil des Ärztestabs des FC Schalke 04 ist. Seit der Operation hatte Hullerns Abwehrspieler dann auch traurige Gewissheit: Ein weiteres Spiel werde er nicht mehr bestreiten können. Weder in dieser noch in irgendeiner kommenden Saison.

Doch wie wäre es einem deutlich jüngeren Spieler wie zum Beispiel Sebastian Rüter mit der gleichen Verletzung ergangen? Dass Oligmüller mit nun 31 Jahren schon eher zu den älteren Spielern gehört, sei beim weiteren Heilungsverlauf seiner Verletzung nicht so bedeutend, sagt Schalkes Mannschaftsarzt: „Das Alter spielt in der heutigen Zeit eine etwas untergeordnete Rolle.“

Früher sei man noch von der Faustregel „Je jünger, desto besser“ ausgegangen, doch das stimme nicht. Neben der Schwere der Verletzung seien vor allem auch gute Gene entscheidend für den Heilungsprozess. „Ein 31-Jähriger mit guten Genen ist ja auch noch jung“, erklärt der 40-jährige Arzt, der trotz seines noch jungen Alters bereits auf mehrere tausend Knieoperationen zurückblicken kann. Andersherum könne ein 18-Jähriger mit schlechten Genen natürlich auch verletzungsanfälliger sein und mehr Probleme beim Genesungsprozess haben, sagt er.

Keine zweite Operation

Generell gebe es sehr viele verschiedene Faktoren, die auf die Genesung nach einer Sportverletzung einwirken. Wichtig seien eben nicht nur die Gegebenheiten des eigenen Körpers, sondern auch das Umfeld. „Die Motivation ist auch sehr wichtig“, so Dr. Stais. Eine vollständige Heilung und eine Rückkehr in den Sport sei natürlich deutlich schwieriger, „wenn der Arzt dir sagt, das wird nichts mehr.“

„Ich hatte auch schon Patienten mit ähnlichen Verletzungen“, erzählt der Arzt, der selbst eine Fußballkarriere anstrebte und dann früh von einer Knieverletzung mit nachfolgenden Operationen und Komplikationen aufgehalten wurde. Die meisten seiner Patienten konnten nach ähnlichen Verletzungen auch wieder spielen, sagt er. Die Frage, die sich dann allerdings stelle, sei, welches Niveau die Genesenen wieder erreichen würden. „Einige konnten schon nach einem Jahr wieder spielen, haben dann aber nach zwei Jahren doch aufgehört“, berichtet er. Für manche reiche es nach einer so schweren Verletzung einfach nicht mehr für das angestrebte und benötigte Niveau.

Eigentlich hätte Phillip Oligmüller auch noch eine Knorpeltransplantation erhalten müssen, doch die Operation fand aus beruflichen Gründen nicht statt: Rund zwei Wochen nach seiner Verletzung fing der Orthopädietechniker, der sich berufsbedingt auch schon zuvor mit Sportverletzungen auseinandersetzen musste, an einem neuen Arbeitsplatz an.

Fast vier Monate ist das alles nun schon her und Phillip Oligmüller hat auch weiterhin noch einen langen Weg vor sich. „Ich bin alles andere als schmerzfrei“, berichtet er. Doch zumindest viele alltägliche Dinge könne er schon wieder machen. Auch das Autofahren funktioniere seit einiger Zeit wieder. Doch bei bestimmten Bewegungen störe das Knie natürlich immer noch, sagt er. Noch die nächsten drei Monate müsse er zwei bis drei Mal pro Woche zur Physiotherapie.

Von der Startelf auf die Trainerbank

Im Vergleich zum zwölf Jahre älteren Oligmüller hatte Sebastian Rüter noch Glück im Unglück. Sechs Wochen nach seiner Verletzung und einer anschließenden Operation war beim ebenfalls in der Abwehr spielenden Flaesheimer schon wieder eine leichte Belastung möglich. Danach konnte er mit der Krankengymnastik beginnen und sich langsam wieder dem Mannschaftstraining bei Concordia Flaesheim annähern.

Da ans Fußballspielen bei Phillip Oligmüller nicht mehr zu denken ist, hat der 31-Jährige nun die Seiten gewechselt. Statt selbst auf dem Rasen zu stehen, gehört er seit einigen Wochen zum Trainerteam des ETuS Haltern. Beim A-Kreisligisten unterstützt er den neuen Trainer Thomas Schaffrinna. „Das hat sich nur ergeben, weil ich verletzt bin“, erklärt er. In der Saison 2016/2017 trainierte Schaffrinna die Hullerner, zu denen auch damals schon Phillip Oligmüller gehörte. Er wusste von der schweren Verletzung seines ehemaligen Spielers, und als er den Trainerposten bei den Halternern übernahm, bot er ihm eine Stelle als Co-Trainer an, die Oligmüller gerne annahm.

Ob es ihn störe, den Spielern auf dem Feld nur noch zusehen zu können? „Es juckt natürlich schon extrem“, erzählt er. Doch er könne nicht mal bei einfachen Trainingsübungen mithelfen: „Es scheitert schon am Pass.“ Er könne sich noch nicht mal ins Tor stellen. Ein Schuss gegen sein lädiertes Knie hätte vermutlich wieder große Schmerzen zur Folge und würde womöglich auch wieder großen Schaden anrichten.

Sebastian Rüter hingegen konnte nun bereits wieder auf dem Feld stehen. „Ich trainiere schon seit einigen Wochen wieder“, erzählt er. Bei zwei Spielen stand er auch schon wieder im Flaesheimer Kader. In beiden Partien wurde er direkt wieder eingewechselt. Als Andenken an seine Verletzung nach nur wenigen Minuten behält er eine Narbe und vorerst auch eine Metallplatte im Arm. Die, so der 19-Jährige, komme aber in ungefähr einem dreiviertel Jahr wieder raus. Ein Bruch am Unterarm sei eben auch nicht ganz so schlimm.