Auf der Wunschliste für 2019 steht bei den meisten neben Gesundheit vor allem eins: mehr Zeit zu haben für schöne Dinge. Aber: Warum habe ich ständig das Gefühl, immer weniger Zeit zu haben?

Dortmund

, 04.01.2019, 01:12 Uhr / Lesedauer: 6 min

Das neue Jahr 2019 ist noch jung. Die meisten der 365 Tage, 8760 Stunden und 525.600 Minuten liegen noch vor uns. Viel Zeit eigentlich und doch wird uns die Zeit viel zu schnell knapp. Gefühlt reichen die Stunden und Minuten an viel zu vielen Tagen nicht aus, um all das zu tun, was wir gerne tun möchten. Dabei gibt es doch so viele technische Dinge, die uns das Leben erleichtern und Zeit sparen - von Wasch- und Spülmaschinen bis hin zum Computer. Trotzdem ist die Zeit ausgerechnet in der Überflussgesellschaft zur Mangelware geworden.

Was ist los mit der Zeit? Oder was ist mit uns los? Und überhaupt: Haben Uhren überhaupt etwas mit der Zeit zu tun? Wir haben mit - so etwas gibt es wirklich – Zeitforschern gesprochen.

Ständig kann ich zwischen verschiedenen Optionen auswählen

„Das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben, liegt in erster Linie daran, dass uns heute viel mehr Optionen, Handlungs- und Zeitverbringungsformen zur Verfügung stehen als früheren Generationen“, sagt Nadine Schöneck-Voß. Sie ist Professorin für „Soziologie und Empirische Sozialforschung“ an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Die vielen Wahl-Möglichkeiten träfen nicht nur für die private Zeit zu, sondern auch vielfach für die Arbeitszeit: „Auch da kann ich mich oft zwischen dem Projekt A, B oder C entscheiden. Die Vielfalt führt zu einem Overkill an Optionen. Wir müssen permanent eine Auswahl, eine Entscheidung treffen. Mache ich dies oder das? Was mache ich zuerst? Was ist wichtig und dringend zugleich? Auch diese Entscheidungsprozesse kosten Zeit und Kraft. Das bindet Energie, ist anstrengend und bisweilen auch lästig“, sagt Nadine Schöneck-Voß.

„Selbst ein Geldmillionär wird nicht zum Zeitmillionär.“
Prof. Nadine Schöneck-Voß, Zeitforscherin

Der Sinn und Unsinn von To-Do-Listen

Ähnlich sei es mit den modisch gewordenen To-Do-Listen. Sie abzufassen und dann die nicht erledigten Dinge auf die nächste To-do-Liste zu übertragen, auch das binde Energie und Zeit. Ökonomisierungs- und Organisationstools nutze sie selbst auch: „Sie können uns helfen, aber durch sie wird uns auch permanent bewusst, dass es sich bei Zeit um eine knappe Ressource handelt.“

Selbst für Menschen, die sich leisten könnten, etwa Tätigkeiten im Haushalt gegen Bezahlung an andere zu vergeben, habe sich das Zeit-Problem nicht erledigt: „Selbst ein Geldmillionär wird nicht zum Zeitmillionär.“

Was ist mit dem schlechten Gewissen?

Das ständig schlechte Gewissen, nicht sorgfältig, klug und angemessen mit seiner Zeit umgegangen zu sein, sei weit verbreitet, sagt die Zeitforscherin. „Oft beschleicht einen dieses schlechte Gefühl, wenn man etwas Entspanntes tut, dass man in der Zeit, in der man beispielsweise einen Krimi liest, auch etwas Lebenstüchtigeres hätte tun können – zum Beispiel, seine Französischkenntnisse aufzufrischen. Wir gleichen das, was wir tun, mit unseren Idealvorstellungen eines guten, strebsamen Lebens ab“, sagt Nadine Schöneck-Voß. So könne ein latent so schlechtes Gefühl entstehen, dass einem selbst die entspannte Zeit vergrault werde: „Man hätte ja etwas Sinnvolleres tun können.“

Eine Strategie für das Entspannen

Sie kenne das Gefühl auch selbst, sagt sie. „Ich kann am besten beim Sport, beim Laufen in einer Gruppe entspannen. Ich laufe gerne stundenlang, auch bis zu 100 Kilometer – aber ziemlich langsam. Ich laufe ohne Smartphone. Was ich dabei am meisten schätze, ist, dass ich keine E-Mail empfangen und keine schreiben muss. Ich bin dann völlig losgelöst vom vertakteten Leben.“ Sie habe auch festgestellt, dass der Sport sie leistungsfähiger mache: „Das ist eine kostbare, weil sehr persönliche Zeitinsel für mich. Meine Freunde sagen, dass ich meine Zeitinseln in homöopathischer Dosis nehme, aber immerhin.“

Das sind große Zeitfallen

Auf die Frage, wie man gegen das schlechte Gefühl angehen kann, hat die Zeitforscherin einige praktische Antworten: „Ich mag zum Beispiel keine Trödelzeiten. Wenn ich arbeite, dann sehr intensiv. Wenn ich mich an den Schreibtisch setze, dann arbeite ich auch und fange nicht erst an, aufzuräumen, wenn Aufräumen jetzt nicht dran war.“ So etwas seien Zeitfallen, in die man leicht tappen könne. Derartige Zeitverwendungsformen nennt sie „Aufschieberitis“: „Das löst keine Probleme, sondern man fühlt sich – spätestens in der Retrospektive – nur schlechter.“

Prof. Nadine Schöneck-Voß sagt: „Zeit fühlt sich dann gut an, wenn man die Zeit vergisst.“

Prof. Nadine Schöneck-Voß sagt: „Zeit fühlt sich dann gut an, wenn man die Zeit vergisst.“ © Hochschule Niederrhein

Das wachsende Maß an Möglichkeiten zwingt zur Veränderung

Das hohe Maß an Optionen, die wir heute haben, führe natürlich dazu, dass jeder heute mehr Herr über seine Zeit sei, als das in früheren Generationen der Fall war: „Es wächst die Zeitautonomie. Man hat mehr Wahlfreiheiten, auch im Beruf, wenn es Vertrauensarbeitszeit gibt, Gleitzeit, Homeoffice. Die gesellschaftlichen, auch die arbeitsrechtlichen Strukturen haben sich verändert und der Mensch muss sich mitverändern“, sagt Nadine Schöneck-Voß.

Man müsse lernen, mit diesen Freiheiten umzugehen. Aber es gebe auch die Gefahr des Missbrauchs: „Wenn ich zum Beispiel drei Wochen Urlaub habe und nur rumgammle, ohne dass ich mir das Rumgammeln vorgenommen hatte, kann das auch ein schlechtes Gefühl auslösen.“

Wann ist eine Zeit eine gute Zeit?

Und was ist eine gute Zeit? „Zeit fühlt sich dann gut an, wenn man die Zeit vergisst, wie in einem Flow, sich in Trance in einem meditativen Zustand befindet. Wenn man einfach nur Sein kann und sich gut fühlt. Wenn man nicht an Ziele, Pläne denkt, sondern nur in diesem Moment lebt“, sagt Nadine Schöneck-Voß.

Zugleich warnt sie vor einem Missverständnis: „Das bedeutet nicht zwangsläufig Passivität, nicht unbedingt, in der Hängematte zu liegen. Das kann man auch beim Sport erleben, bei der Gartenarbeit, beim Schrauben an einem Auto oder auch bei der Arbeit, wenn ich mich ganz in eine Aufgabe vertiefe und alles um mich herum vergesse – auch die Zeit. Wenn man mit sich selbst einfach ganz im Reinen ist.“

Darum ist der Satz „Zeit ist Geld“ das Grundproblem allen Übels

Zeit ist Geld, heißt es. Und das ist das Grundproblem allen Übels, sagt Dr. Karlheinz Geißler (75). Er ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher.

„Dass wir heute das Gefühl haben, keine Zeit zu haben, liegt vor allem daran, dass wir Zeit in Geld verrechnen“, sagt Geißler. Früher sei die Zeit an Naturprozesse gebunden und nicht in Geld verrechnet worden. „Doch mit der Erfindung der Uhr ist die Verbindung der Zeit mit der Natur gekappt worden. Die Uhr macht aus qualitativer qualitätslose Zeit. Dadurch entsteht eine Zeit, die man neu mit Vergleichskriterien besetzen kann. Das haben die Kaufleute genutzt und sie mit Geld verglichen und verrechnet.“

Es fehlt einfach das „genug ist genug“

Geld kenne kein „Genug“, man möchte immer mehr haben. Mit Geld verrechnete Zeit kenne auch kein Genug, sagt Geißler. „Man hat nie genug Zeit, möchte immer mehr haben. Zeit ist Geld – die Gründungsgleichung des Kapitalismus, der von uns verlangt, immer schneller zu werden, um immer mehr Geld und Güterwohlstand zu erlangen“, sagt Geißler. Einfach ohne Uhr zu leben, wäre das Beste, sagt er. „Das ist aber in unserer Gesellschaft unterhalb der Verrentungsgrenze nicht möglich. Unsere Gesellschaft ist am Vorbild Uhr organisiert.“

„Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit man hat, sondern wie viel man von der Zeit hat, was man aus ihr macht.“
Prof. Karlheinz Geißler, Zeitforscher

Verzicht ist die Bedingung für Zeitzufriedenheit

Um zeitzufrieden zu leben, müsse man Verzicht lernen, wissen, wann es genug ist. „So wie Geld pur nicht glücklich macht, so auch Zeit pur nicht. Wir müssen Zeit nicht mehr quantitativ, als Uhrzeit, verstehen, sondern als Zeitqualität“, sagt Geißler. „Es kommt nicht darauf an, wie viel Zeit man hat, sondern wie viel man von der Zeit hat, was man aus ihr macht.“

Die unterschiedlichen Formen der Zeit

Es gebe unterschiedliche Zeitqualitäten und -formen, so Geißler. Die Zeit schlechthin gebe es nicht. Es gebe die Schnelligkeit, das Ruhen, Warten, Trödeln. „Es muss neben dem schnellen Tempo auch Pausen, auch die Langsamkeit geben. Wir müssen versuchen, rhythmisch zu leben, denn alles Lebendige ist rhythmisch organisiert.“ Alles Nicht-Lebendige sei vertaktet, folge dem Takt der Uhr. Die Uhr produziere keine lebendige, sondern tote, mechanische Zeit. Nur rhythmisierte Zeit mache zufrieden.

Prof. Karlheinz Geißler sagt: „Es muss neben dem schnellen Tempo auch Pausen, auch die Langsamkeit geben.

Prof. Karlheinz Geißler sagt: „Es muss neben dem schnellen Tempo auch Pausen, auch die Langsamkeit geben.

Warum Rituale wichtig sind, aber nicht der Takt der Uhr

Nach seiner Pensionierung habe er, so erzählt Geißler, zwei Jahre gebraucht, um seinen Rhythmus von ungeplanten, offenen und festliegenden Zeiten zu finden. „Man braucht dazu Rituale, um das Leben, die fließende Zeit, zu ordnen. Ich stehe auf, frühstücke, lese ausführlich die Zeitung und mache mir einen Espresso, um dann an meinen Büchern weiter zu schreiben. Das mache ich fast täglich so, weil es mir Orientierung gibt und mich vor Zeitdruck bewahrt. Ich brauche nicht mehr darüber nachzudenken, brauche keine Zeit für Zeitentscheidungen.“

Solche Zeiten brauche er auch für seine schriftstellerische Tätigkeit. „Früher bin ich auf eine autofreie Nordseeinsel zum Schreiben gefahren, am liebsten im Winter, wenn das Leben dort ohne Hektik einfach so vor sich hinlief. Später, als ich mehr Wärme brauchte, bin ich zum Schreiben in ein sizilianisches Kloster gegangen, bzw. geflogen. Ich brauche eine Umgebung, die mich nicht ablenkt, nicht zeitlich belästigt und doch feste Strukturen hat.“

Zwei verschiedene Vorstellungen von Zeit

Zeit sei letztlich eine Vorstellung. Diese sei von Religion zu Religion, von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich. „Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen von Zeit. Die eine: Ich mache etwas mit der Zeit. Das ist die europäische Vorstellung. Dabei bin ich aktiv, tue was, organisiere, manage Zeit. Die andere: Die Zeit macht etwas mit mir, kommt auf mich zu. Das ist eher die afrikanische Vorstellung, die vor 500 Jahren auch bei uns verbreitet war, als man in die Kirche ging und dort Gott bat, eine gute Zeit zu schicken.“

Die Entscheidung fällt an der Klotür

Zeit erlebe man durch Veränderungen in seinem Umfeld, sagt Geißler. Es komme auf die Erfahrungen an, die wir in der Zeit machen: „Schönes geht uns zu schnell vorbei, weil wir es weiter erleben wollen. Unangenehmes, das wir schnell hinter uns lassen wollen, erleben wir dagegen als quälend lang. Wie man Zeit erlebt, hängt davon ab, auf welcher Seite der Klotüre man sich befindet.“

Schlagworte: