Der Klavier-Dandy und der Feuerkopf

Konzerthaus Dortmund

Gegensätzlicher können zwei musikalische Protagonisten kaum sein als Dirigent Andris Nelsons (32), der Feuerkopf, und Jean-Yves Thibaudet (50), der ruhige Klavier-Dandy. Im Konzerthaus Dortmund fanden sie mit dem WDR Sinfonieorchester eine glückliche, gemeinsame Musiksprache.

DORTMUND

von Von Julia Gaß

, 17.10.2011, 12:03 Uhr / Lesedauer: 1 min

Im Ferrari war Thibaudet vorgefahren, saß im Vivienne Westwood-Anzug, der so glänzend war wie sein Spiel und mit einer Gürtelschnalle, die teurer war als der Flügel, an den Tasten und zelebrierte Eleganz und glitzernde Brillanz in Saint-Saens "Ägyptischem Klavierkonzert".

Die Anschlagskultur und Sensibilität des Franzosen ist große Kunst; sein tiefes Gespür für Klangfarben hat er von einer Freundin Ravels gelernt. Die Zugabe, die Pavane von Ravel, war eine Hommage daran.So stellt sich ein Franzose Ägypten vor Leicht, zärtlich, technisch absolut überlegen und supersorgfältig ausmusiziert spielte er Saint-Saens' Konzert, das so klingt, wie ein Franzose sich Ägypten vorstellt: Mit zarten Orientalismen im zweiten Satz, die überall hergeholt waren, nur nicht vom Nil. Und mit einem Bravour-Finale, das bei aller Unaufgeregtheit des Pianisten fulminant klang, aber nicht so aussah.

Nelsons, der eigentlich mit seiner Frau Kristine Opolais auftreten wollte, ist das Gegenteil. Nicht nur sein ganzes Herz, auch seinen ganzen Oberkörper warf er in die Musik, zupfte mit wilden Gesten Töne aus der Holzbläsergruppe, umarmte fast die ersten Geigen, bohrte ins Blech.Die Streicher leben gefährlich Die Streicher an den ersten Pulten leben gefährlich bei diesem wilden, emotionalen Dirigenten. - Vor allem im Gewitter von Beethovens "Pastorale", in der Nelsons den Taktstock wie Blitze nah an die Streicher zucken ließ. Taktschlagen wird bei Nelsons zur Nebensache. Er zeigt mit Händen und Mimik, was das Orchester spielen und das Publikum hören soll.

In Karajanscher Riesenbesetzung, mit 60 Streichern, ließ er die Kölner die Beethoven-Sinofnie spielen. Aber dynamisch sehr differenziert. Eröffnet hatte er das Konzert mit einem Hollywood-Puccini, dem "Preludio Sinfonico", einem Liebeslied ohne Worte, in dem er mit dem Orchester ein Füllhorn von Gefühlen über das Publikum ausschüttete und es in einem Schaumbad aus Klang baden ließ. - Ein großartiges Konzert.

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