Der Körper mag welken, Charakter ist unverwüstlich

Barbara Nüsse als Penelope

"Penelope", letztes Kapitel in James Joyces Jahrhundert-Roman "Ulysses". Ein innerer Monolog in Joyces Technik des "stream of consciousness". Gedanken fließen. Molly Bloom schwelgt in Erinnerungen: Männer, Frauen, Sex, Liebschaften - und der Fluch, alt und älter zu werden.

MARL

, 04.06.2014, 17:24 Uhr / Lesedauer: 1 min
Barbara Nüsse ist »Penelope«. Die Ausnahmeschauspielerin spielt den inneren Monolog der Molly Bloom aus »Ulysses« von James Joyce in Marl.

Barbara Nüsse ist »Penelope«. Die Ausnahmeschauspielerin spielt den inneren Monolog der Molly Bloom aus »Ulysses« von James Joyce in Marl.

Mitte der 1980-er Jahre feierte Barbara Nüsse mit diesem Solo triumphale Erfolge. Bei den Ruhrfestspielen ist die mittlerweile 71-Jährige erneut als Molly zu sehen und vor allem zu hören. Auf der Bühne sitzt nun eine betagte Frau, im Video hinter ihr erscheint die 30 Jahre jüngere Barbara aus der Inszenierung von damals. Barbara Nüsse dreht sich ihrem jungen Ich entgegen und prostet ihm kumpelhaft zu. Ach ja, was für Zeiten, als ich noch im Saft stand.Die doppelte Barbara

So gewinnt der Monolog über die verflossene Jugend, von Ulrich Waller eingerichtet, einen Resonanzboden, in dem alles Menschliche anrührend lebendig widerhallt. Eine ganz feine Idee, das mit der doppelten Barbara!

Der Körper mag welken, Charakter ist unverwüstlich. Jedenfalls bei dieser grandiosen Schauspielerin und Stimm-Künstlerin: Die Nüsse besticht durch Ausstrahlung und Präsenz. Mollys Sermon kommt ihr von den Lippen, als formten sich die Gedanken just in diesem Augenblick, als zöge wirklich die Frau auf der Bühne ihre Bilanz von Liebe und Leben. Figur und Darstellung verschmelzen, das ist die Königsdisziplin.Intime Details

Giftig süffisant klingen Mollys Spitzen gegen die "Nachtweiber und billigen Hürchen", die ihr Mann womöglich aufgabelt. Verblüffend offenherzig geht sie in intime Details, und man versteht, warum das Erscheinen von "Ulysses" (1922) von Skandalgeschrei begleitet war.

Mollys Monolog, von einem Mann verfasst, hat durchaus das Zeug zum feministischen Manifest. Es spricht eine selbstbewusste Frau, die sich kein X für ein U vormachen lässt, schon gar nicht von den Kerlen. Melancholie schwingt mit, doch Barbara Nüsse gewinnt dem saukomische Momente ab. Hier steht ein Mensch mit seiner Sehnsucht, seinem Kummer, seiner Wut, trotzig gegen Alter und Verfall anlachend. Wunderbar.

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