Der „Tatort“ in den Sozialen Medien: Mords-Stoff für viele Diskussionen

50 Jahre „Tatort“

Fans vom „Tatort“ kommentieren inzwischen nicht nur im Familien- oder Freundeskreis, sondern auch im Netz. Und manche können offenbar nicht genug von der Krimireihe kriegen.

17.11.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der „Tatort“ sorgt immer für Gesprächsstoff. Sei es im heimischen Wohnzimmer oder im Internet.

Der „Tatort“ sorgt immer für Gesprächsstoff. Sei es im heimischen Wohnzimmer oder im Internet. © Daniel Berkmann - stock.adobe.com

Sonntagabend, 20.15 Uhr. Millionen Zuschauer gucken den neuen „Tatort“. Und viele von ihnen kommentieren im Netz, was sie sehen. Auch wenn der „Tatort“ Ende November 50 wird, ist er mit der Zeit gegangen. „Pro neuer Folge erreichen uns etwa 6000 Kommentare, bei Wiederholungen sind es 2000 pro Folge“, teilt die ARD mit. Über DasErste.de, via Facebook, Instagram, Youtube, Twitter und per E-Mail. Noch während der Film läuft, beantworten „Community-Manager“ Fragen. Etwa die Hälfte werde am Tag nach der Sendung bearbeitet.

Nicht nur jüngere Generationen posten parallel zum Fernsehschauen auf Social Media, wie Regina Bendix vom Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie an der Universität Göttingen beobachtet hat. „Auch Omas können sich online über eine schräge Szene ärgern oder ein neues Duo loben.“

Oft ärgerten sich die Nutzer auch nur übereinander. Dass eine „Tatort“-Redaktion dann über die Netzwerke auch mal Fragen beantwortet, sei eher eine Dienstleistung als ein Mittel, um Generationen für sich zu gewinnen. Eine häufige Frage dabei sei: „Was war das bitte für eine Musik?“

Feedback vor allem bei dargestellten Verbrechen an Kindern

Laut Programmdirektion des Ersten rufen vor allem dargestellte Verbrechen an Kindern starkes Feedback hervor. Viele Rückmeldungen gebe es auch, wenn psychologische Verstrickungen der Kommissare die Handlung überlagerten oder starker Dialekt gesprochen werde.

Kürzlich habe eine Zuschauerin den Machern auch aufgetragen, der „Tatort“ solle Vorbild für umweltbewusstes Handeln werden: „Gestern im „Tatort“ wurde der Kaffee mehrfach aus Plastikbechern geschlürft, eine Plastikwasserflasche war auch oft im Bild. Wenn man diese Dinge im Sinne des Umweltschutzes besser gestalten würde, könnte es sogar eine Signalwirkung für die Zuschauer geben.“

Gesellschaftliche Debatten sind also nicht nur im „Tatort“ selbst Thema. Oft wird die Reihe als „Spiegel der Gesellschaft“ bezeichnet. Medienwissenschaftler Hendrik Buhl von der Universität Regensburg hält davon nicht viel. Vielmehr repräsentiere der „Tatort“ die Gesellschaft, sei etwa ein Seismograph für Themen wie Feminismus. „Man kann mit dem „Tatort“ Zeitreisen unternehmen und schauen, welche Themen früher aktuell waren, was Mode war.“

Heute werden gesellschaftliche Debatten nach Buhls Einschätzung seltener aufgegriffen. Früher habe es öfter im Anschluss an die Erstausstrahlung die passende Talkrunde gegeben - als eine Art Themenabend. Wegen der Produktionszyklen hänge der „Tatort“ jedoch immer hinterher, so Buhl. „Bis Themen aufgenommen und fiktionalisiert werden, dauert es.“ Daher setze der „Tatort“ nicht selbst die Themen, mache aber darauf aufmerksam. Bei wiederkehrenden Aspekten wie Fleischskandalen sei dann mitunter eine alte Folge wieder aktuell.

„Tatort“ muss im Gespräch bleiben, um sich zu entwickeln

Für „Tatort“-Liebhaber wie Sabine Pofalla von der Internetseite „tatort-fans.de“ genießt die Krimireihe seit Jahrzehnten Kultstatus, „ohne, dass ein Ende in Sicht wäre“. „Der Grund für den anhaltenden Erfolg liegt unserer Beobachtung nach darin, dass sich der „Tatort“ stetig entwickelt, moderner wird und nicht auf der Stelle tritt.“

Das Portal gibt es seit 2007. Die Kommentarfunktionen würden dort wie auch auf der dazugehörigen Facebook-Seite rege genutzt. „Nur wenn der „Tatort“ im Gespräch bleibt, seine fortwährende (Weiter)Entwicklung beibehält, mal modern, mal klassisch erzählt wird, hat er eine sehr gute Chance, seinen Erfolg und Status zu sichern“, so Pofalla.

Dank der „Tatort“-App können Fans ihren Lieblings-Krimi rund um die Uhr auf dem Smartphone und Tablet schauen.

Dank der „Tatort“-App können Fans ihren Lieblings-Krimi rund um die Uhr auf dem Smartphone und Tablet schauen. © dpa/obs/ARD Das Erste

Er rege Diskussionen an, sagt auch sie. „Etwa dann, wenn ein „Tatort“ wie „Murot und das Murmeltier“ am Sonntagabend gezeigt wird; ein Film, der sämtliche althergebrachten „Tatort“-Konventionen zu sprengen scheint. Derartige Folgen ecken an, werden von den einen „Tatort“-Fans verrissen, von anderen geschätzt und hochgelobt.“

Um die Fans bei Laune zu halten, haben die Macher sich aber weit mehr ausgedacht. Nicht nur, dass die Folgen in der Mediathek zu sehen sind, was laut ARD etwa 250.000 Zuschauer nutzen. Seit Juni 1998 ist die Website „tatort.de“ online. Hier können User ein Quiz und Legespiele nutzen, Lieblingszitate wählen, historische Szenen schauen oder sich die „Tatort“-Melodie als Klingelton aufs Handy laden.

Das Online-Angebot rund um die Krimi-Serie wächst

Seit 2008 sendet die ARD Hörspiele im „Radio-Tatort“ – auch wenn es sich dabei um ein inhaltlich anderes Format handelt. Beim selten angebotenen Online-Projekt „Tatortplus“ soll das Publikum weiter ermitteln. Und der Mitteldeutsche Rundfunk ließ 1999 seine Zuschauer sogar im Internet aus einem vorgegebenen Rahmen eine Geschichte entwickeln. Aus dem Projekt „Treibjagd“ wurde aber nie ein Drehbuch.

Darüber hinaus gibt es diverse Bücher zum „Tatort“, mehrere Websites von und für Fans, Spiele wie eine Stadt-Land-Fluss-Edition zum „Tatort“ und – vor Corona – wurden in zahlreichen Kneipen als eine Art Public-Viewing-Event ganze „Tatort“-Abende veranstaltet.

Für die Zukunft hält der Medienwissenschaftler Buhl es für überlegenswert, dass der „Tatort“ andere Erzählformate testet. Zwischen einzelnen Folgen um einen Ermittler oder aus einem Ort vergehe viel Zeit. „Heute sind durcherzählte Serien Standard, die bringen wir“, sagt Buhl. Daher könnte er sich ineinander abgeschlossene Teilserien des „Tatorts“, gegebenenfalls mit eigenen Ermittlerteams vorstellen.

Ein weiterer Zukunftsaspekt könnte die „Game-isierung“ des „Tatorts“ sein, sagt Buhl. „Warum sollte es den nicht auch als Computerspiel geben oder als interaktives, transmediales Angebot?“

dpa

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