Der Tod liegt gemahlen auf der Bühne

"Le Sacre" in Duisburg

DUISBURG. Was hätte das Publikum, das 1913 bei der Uraufführung von Strawinskys "Sacre du Printemps" das Ballett zum größten Skandalwerk des 20. Jahrhunderts machte, wohl zur Inszenierung von Romeo Castellucci gesagt? Am Freitag rieselte das heidnische Frühlingsopfer zum ersten Mal über die Bühne der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord. - Es war ein faszinierender Auftakt der Ruhrtriennale.

15.08.2014, 19:25 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Maschine tanzt in "Le Sacre du Printemps".

Die Maschine tanzt in "Le Sacre du Printemps".

Eine Monstermaschine, sonst nichts sieht man auf der Bühne hinter einer Plexischeibe. Die Musik kommt vom Band, von "Musica Aeterna" unter Leitung von Teodor Currentzis. Nur die Arme der Maschine tanzen in diesem Ballett aus Knochenstaub. Sie rotieren, gleiten, pendeln. Und spucken unermüdlich Knochenstaub. Sechs Tonnen gemahlene Knochen von 75 Rindern, fein und weiß wie Karibiksand sind es am Schluss, nach nur 40 Minuten.Sand rieselt wie ein Wasserfall

Wie in einem Wasserfall sprudelt der Sand aus den rund zwei Dutzend Tanks an der Maschine, er kreiselt aus Düsen auf den Boden und malt Muster. Eine Landschaft, mit Berg ist später entstanden. Höchst präzise bewegt Castellucci die Maschine zur Musik. Und wenn der Sand sich im Schwall ergießt, klingt er beinahe wie die Snare eines Schlagzeugs. Das passt wunderbar. Genauso wie die Maschine in die Gebläsehalle und der Knochenstaub zu dem heidnischen Frühlingsopfer. Und man ist als Zuschauer in der menschenlosen Inszenierung näher am Tod als in der Ballettversion oder Konzertaufführung, in der das Zuschauen ablenkt. 25 Minuten schnaubt sich die Maschinenteile warm. Dann kommt der brachiale "Tanz der Erde". Die Maschine spuckt große Knochenteile, speit Dampf, schießt Ruß an die Scheibe. Danach fährt ein weißer Vorhang vor den rund zehn mal 20 Meter großen Weißraum. Man liest Interessantes zum Knochenstaub, bebildert wird nichts mehr. Das ist schade, weil es so wirkt, als wäre Castellucci nichts mehr eingefallen oder als hätte die Maschine ihr Pulver verschossen.

Langer Epilog

Im (sehr langen) Epilog schauen wir acht Männern beim Zusammenschippen zu. Zehn Minuten, in denen der Tod gemahlen vor uns liegt. Für solche Produktionen, die man nie in einem Stadttheater oder Konzertsaal sehen könnte, muss man die Ruhrtriennale lieben. - Absolut sehenswert, und eingestaubt wird kein Zuschauer.

 

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