Der vollkommene Staat bleibt Illusion

"Polizei" in Mülheim

Aufgabe von Kunst ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen", behauptet das Theater an der Ruhr auf seiner Homepage mit Theodor W. Adorno. Und wie könnte es das besser demonstrieren als mit Slawomir Mrozeks satirischem Drama "Polizei"? Regisseur Jo Fabian hat es am Donnerstag an Roberto Ciullis Mülheimer Bühne herausgebracht.

MÜLHEIM

, 07.10.2016, 17:09 Uhr / Lesedauer: 1 min
Der vom Attentat gezeichnete General (Petra von der Beek, Mitte) bringt den Polizeipräsidenten (Steffen Reuber, l.) und den Adjutanten (Albert Bork) in Erklärungsnot.

Der vom Attentat gezeichnete General (Petra von der Beek, Mitte) bringt den Polizeipräsidenten (Steffen Reuber, l.) und den Adjutanten (Albert Bork) in Erklärungsnot.

Mrozek übte mit seinem Bühnenerstling 1958 Kritik am polnischen Polizeistaat, indem er dessen Lächerlichkeit vorführte. Fabian (auch Ausstattung), der den DDR-Alltag noch live erlebt hat, zeigt in Mülheim eine Welt aus den Fugen: Die tapezierte Rückwand schief, Fenster und Türen passen nicht, Versorgungsleitungen entströmt Rauch, auf den Bühnenboden tropft es. Der Idealfall eines Ordnungsstaats erweist sich so schon rein äußerlich als Illusion.

Aus den Rollen gefallen

Die sechs Schauspieler, darunter Hausherr Roberto Ciulli, tragen zusätzlich zur Desillusionierung bei: Sie fallen aus ihren Rollen, diskutieren Mrozeks Text untereinander, nehmen Kontakt auf mit dem Publikum. Nachdem sie sich die Köpfe blutig geschlagen haben, bemühen sich die für die Gesellschaft überflüssig gewordenen Ordnungshüter um eine Rechtfertigung ihrer Existenz, indem sie selbst politische Verbrechen organisieren.

In einer aktuellen Anspielung sagt Steffen Reuber als Polizeipräsident: "Ich hätte da ‚ne Idee: Import", und schlägt vor, Flüchtlinge aus den Booten ins Land zu holen, worunter sich gewiss auch Terroristen fänden. Dann folgt der Sergeant (Axel Strothmann) seinen "anarchischen Trieben" und schmeißt eine Bombe auf den General (Petra von der Beek. Alle spielen witzig ihre improvisatorische Klasse aus, und Dagmar Geppert singt auch noch hinreißend.

Intensive Zusammenarbeit mit Ciulli

Jo Fabian pflegt seit 2011 eine intensive Zusammenarbeit mit dem Theater an der Ruhr - ein Kronprinz des 82-jährigen Roberto Ciulli? Ab der Spielzeit 2017/18 wird er allerdings erstmal Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus.

Karten: Tel. (02 08) 599 01 88.

 

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