"Die Borderline Prozession" ist ein Kraftakt in Berlin

Theatertreffen

Der Kulturschock bleibt aus. Kay Voges und seine Dortmunder Mannschaft sind in der Hauptstadt gelandet. Und bewegen sich schon auf vertrautem Terrain. Ihre Produktion "Die Borderline Prozession", die zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, gastiert ab Samstagabend (6.5.) im Arbeiterviertel, in den Rathenau-Hallen im Ost-Bezirk Oberschöneweide (Spottname: Oberschweineöde), die heute zu großen Teilen leer stehen.

BERLIN

von von Patrick Wildermann

, 05.05.2017, 17:04 Uhr / Lesedauer: 2 min

"Hier wurde früher richtig malocht", nickt Intendant Voges anerkennend, während er durch das Bühnenbild seiner Inszenierung wandert, das in den vergangenen zwei Wochen in dem gigantischen Fabrikkomplex aufgebaut wurde.

"In Dortmund-Hörde haben wir den Blick aufs Stahlwerk", sagt er, "und in Berlin spielen wir in einer ehemaligen Transformatorenfabrik". Verblassender Industrie-Charme hier wie dort. Passt schon.

Umzug nach Berlin war ein logistischer Kraftakt

Der Umzug vom Megastore in die Spree-Metropole war nicht zuletzt ein logistischer Kraftakt. Dreimal ist allein der größte Sattelschlepper des Schauspielhauses zwischen Dortmund und Berlin für Materialtransporte hin- und hergefahren.

Vor allem aber galt es, einen Teil der kalten, hohen Hallen - in denen Anfang des 20. Jahrhunderts der Weltaufstieg der Firma AEG seinen Anfang nahm - in eine taugliche Bühne zu verwandeln.

Fenster mit hunderten Quadratmetern Moltonstoff verdeckt

Mehrere hundert Quadratmeter Moltonstoff wurden benötigt, um die Seiten gegen den Lichteinfall aus enormen Fensterfronten abzuhängen. Dazu 700 Quadratmeter Plattenmaterial, mit denen ein neuer Untergrund gelegt wurde.

Auf dem unebenen, von Schienen durchzogenen Fabrikboden wären die Wohncontainer, aus denen das Bühnenbild besteht, in Schieflage geraten. Und der Kamera-Dolly, der in Voges' Inszenierung permanent das Geschehen umkreist, hätte nicht fahren können.

Set muss nur noch eingeleuchtet werden

Jetzt, kurz vor der Berliner Premiere der "Borderline Prozession" sind die Arbeiten fast abgechlossen. Das Set sieht schon aus wie im Megastore, es muss bloß noch eingeleuchtet werden. Voges ist zufrieden. "Natürlich", sagt er, "wollen wir uns in Berlin unter den bestmöglichen Bedingungen präsentieren und keine Kompromisse eingehen".

Dabei war es gar nicht so einfach, überhaupt einen passenden Spielort für die Dortmunder zu finden. Die Nominierungen für das Theatertreffen wurden erst im Februar bekannt gegeben.

Statik verhinderte Inszenierung in einer Lokhalle

Zu dem Zeitpunkt waren viele potenzielle Locations für eine Inszenierung, die eben keinen klassischen Bühnenraum benötigt, bereits ausgebucht. Eine ehemalige Lokhalle im Naturpark Schöneberger Südgelände, die von der Shakespeare Company Berlin genutzt wird, wäre in Frage gekommen. Aber dort wurden Bedenken wegen der Statik einer Wand angemeldet.

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Die Blöße, das Gastspiel der "Borderliner Prozession" abzusagen, hätten sich die Theatertreffen-Organisatoren allerdings kaum geben wollen. Schließlich kann schon die Münchner "Räuber"-Inszenierung aus logistischen Gründen nicht gezeigt werden.

Der Club der bemerkenswerten Inszenierungen

Und nun fällt auch noch der Hamburger "Schimmelreiter" wegen Krankheit aus. Die Dortmunder spielen also im elitären Club der verbliebenen acht bemerkenswerten Inszenierungen. Und sie sind gefragt.

Obwohl die Podesterien in den Rathenau-Hallen 350 Plätze und somit 150 mehr als der Megastore bieten, waren die fünf Vorstellungen in Berlin binnen sieben Minuten ausverkauft. Und die Nachfrage nicht ab.

"Wir spielen ja nicht, um geliebt zu werden"

Und, macht Voges sich Gedanken, wie seine dreistündige, multimediale Inszenierung in Berlin ankommen wird? "Wir spielen ja nicht Theater, um geliebt zu werden", entgegnet er. "Sondern weil wir daran glauben, dass unser Tun eine Relevanz hat".

Sein Blick wandert noch einmal durch die Halle, er wirkt zuversichtlich. "Hoffen wir, dass das Feuer überspringt".

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