Die ganze Welt ist in „Anomalisa“ eine Puppenstube

Im Kino

Ein Mann in einem Hotel. Er duscht, bestellt ein Essen, telefoniert, lässt die Glotze laufen. Alltag in seiner ganzen Banalität. Doch dieser Film hat einen Clou: Er wird von Puppen bevölkert, die sich in detailliert gebauten Miniatur-Kulissen bewegen.

22.01.2016, 15:27 Uhr / Lesedauer: 1 min
Helden aus Plastik: Die Darsteller aus „Anomalisa“ sind allesamt Puppen.

Helden aus Plastik: Die Darsteller aus „Anomalisa“ sind allesamt Puppen.

"Anomalisa" ist ein Puppenfilm für Erwachsene, wie man noch keinen gesehen hat. Liebevolle Ausstattung, perfekte Lichtsetzung (15 Leute kümmerten sich darum), wunderbar fließend in der Einzelbild-Animation, die 35 Mitarbeiter monatelang auf Trab hielt. Man vergisst, dass hier Puppen agieren, weil das Szenario vollkommen realistisch wirkt.

Trickfilm nah am wahren Leben

Das geht soweit, dass wir Sex sehen, glaubhaft bis in die Zigarette danach. Faszinierend, was die Regisseure Charlie Kaufman und Duke Johnson auf die Beine gestellt haben: einen Trickfilm nah am wahren Leben. Folgt man Kaufman (dessen Drehbuch uns schon in den Kopf von John Malkovich beförderte), trägt dieses Leben bizarre Züge.

Michael, der Mann im Hotel, entpuppt sich als schwer neurotisch. Er leidet an der Zwangsvorstellung, die Menschen seien austauschbar und Kopien von Kopien. Nur logisch, dass alle Puppen des Films das gleiche Gesicht und die die gleiche Stimme haben.

Geschichte über Liebe und Einsamkeit

Michael ist wie elektrisiert, als er eine Stimme hört, die anders ist, individuell. Ein Unikat, die Ausnahme von der Regel, eine Anomalie! Nach dieser Frau hat er sich gesehnt. Er tauft Lisa in "Anomalisa" um, er flirtet mit ihr. Der Film erzählt von Liebe, Einsamkeit und dem magischen Moment, wo sich eine Tür ins Glück auftut. Michael bekommt die Chance, hindurch zu gehen.

Jeder von uns, verkapselt in seiner Wahrnehmung der Welt, sucht doch nach einer verwandten Seele. "Anomalisa" ist eine meisterliche Parabel auf das Menschsein an sich, klug, wehmütig pessimistisch und trotzdem tröstlich.

 

  

 

 

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