"Die Haut, in der ich wohne"

Kino: Almodóvar-Film

Auch wenn Pedro Almodóvar nun filmt wie einst David Cronenberg („Die Unzertrennlichen“) und er sich zusammen mit Antonio Banderas als modernem Dr. Frankenstein einem Genre zuwendet, was er bisher unberücksichtigt gelassen hat, bleibt er sich dennoch treu: als einer der ganz großen Melodramatiker des zeitgenössischen Kinos. Zumal in seinem neuen Film „Die Haut, in der ich wohne“ Opfer immer auch Täter und Täter immer auch Opfer sind.

von Von Klaus-Peter Heß

, 23.10.2011, 13:43 Uhr / Lesedauer: 1 min
Vera (Elene Anaya) und Professor Roberto Ledgard (Antonio Banderas) in einer Szene des Filmes "Die Haut, in der ich wohne" .

Vera (Elene Anaya) und Professor Roberto Ledgard (Antonio Banderas) in einer Szene des Filmes "Die Haut, in der ich wohne" .

Zunächst aber gilt es, den Überblick zu bewahren: Almodóvar erzählt nicht chronologisch. Er spielt mit Hinweisen, Episoden und Erwartungen wie ein Allmächtiger. Das ist nicht unspannend, und schick sieht es auch aus: Ort ist eine mondäne Schönheitsklinik, auch gleichzeitig Privatanwesen von Dr. Robert Ledgard (Antonio Banderas). Die Frau des gelehrten Mediziners und höchst erfolgreichen Chirurgen hat nach einem Autounfall, bei der fast ihr ganzer Körper verbrannt ist, Selbstmord begangen.

Seitdem forscht Legrand an einer künstlichen Haut und an so manch anderen artifiziellen Körperteilen, die für die Rehabilitation eines Menschen oder für dessen komplette Neuerschaffung nötig sind. Vera heißt seine Patientin, die in merkwürdiger Teilnahmslosigkeit alles über sich ergehen lässt. Vera hieß früher einmal ganz anders, und sie sah auch einmal ganz anders aus.

Ledgard stellt sich allmählich nicht nur als der „mad scientist“ heraus, den die Filmgeschichte seit ihren Anfängen in der Typen-Galerie führt, wir erhalten auch die ersten Hinweise auf seine Motivation. Denn er ist nicht nur am Tod seiner Frau verzweifelt, sondern auch noch am Selbstmord seiner zuvor vergewaltigten Tochter. Schönheit wird geschaffen von einem Biest, das nach Maß schneidert, und von einem Gott, der maßlos straft.

Unter die Haut geht das lange Zeit nicht. Almodóvar bleibt bei seinem sezierenden Blick. Und je mehr sich das Böse und das Unsagbare zu einem kompletten Bild zusammenfügen, umso distanzierter scheint der Regisseur gegenüber seinen Figuren zu sein. Die volle Wucht dieser hintergründig-bizarren Kino-Fantasie entwickelt sich erst, wenn der Nachspann einen in die Realität zurückholt.

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