Die Menschen hinter den Zahlen: Steinmeier spricht mit Corona-Genesenen

Coronavirus

Bei Corona stehen oft Zahlen im Vordergrund, nicht das Leid der einzelnen Erkrankten. Bundespräsident Steinmeier lud deshalb Menschen zum Gespräch ein, die mit dem Coronavirus zu kämpfen hatten.

Berlin

von Felix Huesmann

, 11.11.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht mit den Covid-19-Genesenen Nadja Alzner (l), Projekt- und Eventmanagerin, Yoga-Lehrerin und Coach, und Joachim Huber (r), Journalist.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht mit den Covid-19-Genesenen Nadja Alzner (l), Projekt- und Eventmanagerin, Yoga-Lehrerin und Coach, und Joachim Huber (r), Journalist. © picture alliance/dpa

Es ist eine Pandemie der großen Zahlen. Mehr als 687.000 Corona-Infektionen wurden dem Robert-Koch-Institut bislang in Deutschland gemeldet. Mehr als 15.000 sind alleine an diesem Dienstag hinzugekommen. Was die Tabellen und Diagramme jedoch nicht zeigen, sind die Menschen hinter den Zahlen, ihre Geschichten und ihr Leid. Fünf dieser Menschen rückt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag im Schloss Bellevue in den Vordergrund. Fünf Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren und die teils Monate später noch mit den Folgen kämpfen.

„Mir scheint, dass wir uns, bei aller Öffentlichkeit, bislang zu wenig Menschen wie Ihnen zugewandt haben. Denjenigen, die diese Erkrankung durchgemacht haben“, sagt Steinmeier. Zu seiner Rechten sitzt der Berliner Journalist Joachim Huber, der im März als einer der ersten in der Hauptstadt an Covid-19 erkrankt war und wochenlang im Koma lag.

Erkrankte leiden teilweise noch an Spätfolgen

Ebenfalls neben dem Bundespräsidenten im Schloss Bellevue sitzt die Eventmanagerin und Yoga-Lehrerin Nadja Alzner, die auch Monate nach ihrer Infektion noch an Spätfolgen wie Atemnot und Konzentrationsschwäche leidet.

Drei weitere Genesene hat der Bundespräsident über das Videokonferenzprogramm Zoom zuschalten lassen: Den Mönchengladbacher Pneumologen Heinz-Wilhelm Esser, der im Frühjahr an Covid-19 erkrankt war, ohne es gleich zu merken. Die 27-jährige Clarissa Engels, die sich bei einer Karnevalsveranstaltung im Kreis Heinsberg mit dem Coronavirus angesteckt und mehrere Monate nach ihrer Genesung erneut mit Beschwerden zu kämpfen hatte. Und den Berliner Popsänger Mike Singer, der selbst einen milden Verlauf erlebt hat und seine Reichweite in den Sozialen Medien seitdem nutzt, seine jungen Fans für die Schutzmaßnahmen zu sensibilisieren.

„Corona ist ein Arschloch“

Gleich zum Einstieg ins Gespräch zitiert der Bundespräsident einen Satz Joachim Hubers, mit dem der einmal seine Corona-Erlebnisse zusammengefasst hatte: „Corona ist ein Arschloch.“ Der 62-jährige Huber hat das Virus genau kennengelernt. Mit Fieber und Atembeschwerden lieferte er sich Mitte März in ein Krankenhaus ein. Der Journalist musste in der Folge nicht nur beatmet werden, er lag auch fünf Wochen im Koma und erlitt einen Herzinfarkt. Noch heute spürt er Spätfolgen und gesundheitliche Einschränkungen.

Für Demonstrationen von Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen, ohne Abstand und Mund-Nasen-Schutz, hat Huber kein Verständnis. „Ich halte mich für einen liberalen Menschen“, sagt er auf die Frage Steinmeiers, was er über Proteste wie am vorigen Wochenende in Leipzig denke. „Ich bin aber in dieser Frage sehr radikal.“ Wer zu solchen Demonstrationen gehe, zeige seine Menschenverachtung. „Die gefährden sich, und die gefährden andere.“

Steinmeier äußerst sich kritisch über Leipziger Demonstranten

Auch Steinmeier findet kritische Worte für die Leipziger Demonstranten. „Manche nehmen Risiken in Kauf ohne Rücksicht auf andere“, sagt er. „Rücksichtslosigkeit ist kein Freiheitsrecht.“ Die Demonstrationsfreiheit sei ein hohes Gut, aber nicht die „Freiheit zur Gefährdung anderer“.

Wie können diese Gegenpole in der Gesellschaft zusammenfinden? Jene, die die schlimmen Auswirkungen des Virus am eigenen Leib erlebt haben und jene, die das Virus für ungefährlich oder gar für eine Erfindung halten?

Die Politik müsse ihre Entscheidungen besser erklären, sagt der Oberarzt und TV-Moderator Heinz-Wilhelm Esser. Er selbst setze „nach wie vor immer wieder auf Aufklärung“, um möglichst viele Zweifler abzuholen und zu überzeugen. Das sei eine Sisyphosarbeit, „aber ich bin der Meinung, irgendwann schaffen wir das“.

Steinmeier lud bereits Gegner der Corona-Auflagen zum Gespräch ein

Auch Steinmeier zeigt sich als Freund des Dialoges. Im September lud er mehrere Gegner der staatlichen Corona-Auflagen zum Gespräch ein, die ihm kritische Briefe geschrieben hatten. Ein leichtes Unterfangen sei das jedoch nicht, betont er. Der Brückenschlag, der notwendig sei, „um ein bisschen Einsicht zu erzeugen“, sei ungeheuer schwierig.

„Derjenige, der sich entschieden hat, die Krankheit völlig zu ignorieren oder sie für eine Erfindung aus einem chinesischen Labor oder von Bill Gates zu halten, der ist schwer davon zu überzeugen, dass seine Vorstellung nicht die Wahrheit sein kann.“

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