Die Muse sitzt im Publikum

"Hoffmanns Erzählungen"

ESSEN E.T.A. Hoffmann ist eigentlich "der" deutsche romantische Künstler - und Jacques Offenbachs Bühnenwerk über ihn entsprechend eine "fantastische Oper". Dietrich Hilsdorf aber lässt bei seiner Interpretation von "Hoffmanns Erzählungen", die am Samstag am Essener Aalto-Theater herauskam, alles Romantische und Fantastische außen vor.

von Von Klaus Stübler

, 23.10.2011, 14:55 Uhr / Lesedauer: 1 min
Hoffmann (Thomas Piffka) und seine Frauenvisionen (v.l.): Olga Mykytenko, Rebecca Nelsen, Ieva Prudnikovaite.

Hoffmann (Thomas Piffka) und seine Frauenvisionen (v.l.): Olga Mykytenko, Rebecca Nelsen, Ieva Prudnikovaite.

Stattdessen setzt er auf Theater-Metaphorik, und leider bisweilen auch auf banale Alltäglichkeit. Die Oper erklingt in der puristischen Neufassung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck, mit Arien und Dialogen in Französisch.

Der Künstler und seine Fans

Offenbachs Oper spielt auf der leeren Bühne eines Theaters, was wohl die innere Leere des Hoffmann (lyrisch schmiegsam und variabel: Thomas Piffka) spiegeln soll. Umso erstaunlicher, dass dieses Männlein, das sich mit Wein volllaufen lässt, seine Fans hat, die von ihm mit Geschichten unterhalten werden wollen. Auch seine größte Inspiration, die Muse, sitzt anfangs im Publikum. Und von einem Statisten im Parkett borgt sie sich Hose und Jackett und wird so zum Dichterfreund Niklausse. Michaela Selinger ist in dieser Doppelrolle mit schlankem Sopran die größte Sympathieträgerin des Abends.Frauenvisionen

Das Faszinierendste an der Inszenierung ist, wie Johannes Leiacker die Bühne für die eigentlichen Erzählungen mit Hilfe von Vorhängen und Fassaden-Versatzstücken verwandelt. Abgeschmackt nur, dass er aus dem Palazzo der Kurtisane Giulietta ein schäbiges Bordell macht. Hilsdorf strafft das Sängerensemble, indem er die Sänger von Lindorf, Luther und Andrès auch alle Männerrollen in den Erzählungen übernehmen lässt. So kann etwa der noble Bassist Thomas J. Mayer gleich viermal als Hoffmann-Widersacher brillieren. Umgekehrt erscheinen die Frauenvisionen des Künstlers nicht als Inkarnationen derselben Frau, sondern als drei Individuen. Die Puppe Olympia (koloraturstark: Rebecca Nelsen), die Sängerin Antonia (Olga Mykytenko) und die Kurtisane Giulietta (Ieva Prudnikovaite) unterscheiden sich da von der Statur und der Stimmfärbung her deutlich.

Des Guten zuviel geschieht durch den Aktionismus der Statisterie als Opernbesucher und Rheinnixen. Den positiven musikalischen Gesamteindruck unterstreichen der homogene Opernchor des Aalto-Theaters und die facettenreichen Essener Philharmoniker unter Stefan Soltesz.  

Termine: 29.10., 1./4./6./10./13./ 17./19./27./30.11.; Karten: Tel. (02 01) 8 12 22 00. www.theater-essen.de

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