Die Pille - populär und umstritten: 60 Jahre Verhütung aus dem Blister

Verhütung

Seit 1960 ist die Pille als äußerst beliebte Verhütungsmethode auf dem Markt. Viele Frauen schwören auf sie, doch Mediziner warnen immer häufiger vor einer leichtfertigen Einnahme.

23.06.2020, 20:02 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Anti-Baby-Pille ist die beliebteste Verhütungsmethode in Deutschland.

Die Anti-Baby-Pille ist die beliebteste Verhütungsmethode in Deutschland. © picture alliance / dpa-tmn

Sie gilt als eine der sichersten Verhütungsmethoden und ist nunmehr schon seit 1960 bei jungen und auch älteren Frauen äußerst beliebt: die Pille. Dieses Jahr wird sie 60 Jahre alt und doch bleiben für viele noch einige Fragen offen.

Seit wann gibt es die Pille überhaupt?

Die Idee zur Pille entstand bereits in den 1920er-Jahren, so die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Den entscheidenden Anstoß für die Entwicklung der Pille gaben zwei Frauenrechtlerinnen, die Krankenschwester Margaret Sanger und die Biologin Katharine McCormick. Gemeinsam mit dem Endokrinologen Gregory Pincus und seinem Kollegen John Rock - und dank der Vorarbeiten der Chemiker Carl Djerassi und Franc Colton - gelang es den Wissenschaftlern, das Schwangerschaftshormon Progesteron und das weibliche Hormon Östrogen künstlich herzustellen. Sie fanden bei ihrer Forschung nicht nur heraus, dass Progesteron den Eisprung unterdrückt, sondern entdeckten auch mehr oder minder per Zufall, dass Östrogen die Einnahme verträglicher machte.

Nach einigen klinischen Tests wurde das von ihnen entwickelte Produkt „Enovid“ zunächst als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden in den USA zugelassen. Die Einführung der Pille als Verhütungsmittel bedeutete darüber hinaus für Frauen gleich in mehreren Bereichen Unabhängigkeit. So konnte etwa die Schwangerschaft punktgenauer geplant werden und es blieb folglich mehr Zeit für einen Schulabschluss etwa oder den Job.

Wie wirkt die Pille?

Die Pille besteht in den meisten Fällen aus einer Kombination der zwei weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Gestagen (Kombi-Pille), so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Diese Hormone haben dreierlei Wirkung auf den weiblichen Körper: Zum einen hemmen sie die Reifung der Eizellen, sodass ein Eisprung ausbleibt. Außerdem verändern sie den Schleim im Gebärmutterhals und verhindern damit, dass Spermien in die Gebärmutter eindringen können. Die Gebärmutterschleimhaut wird durch die Einnahme der Pille zudem nicht ausreichend aufgebaut. Das führt dazu, dass sich ein befruchtetes Ei nicht einnisten kann.

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Die Gestagene in der Pille sind laut dem Bundesverband der Frauenärzte e.V. (BVF) außerdem hilfreich, sehr starke oder schmerzhafte Monatsblutungen zu mindern. Außerdem können sie gegen verschiedene hormonelle Symptome helfen, wie Akne, Haarausfall, unerwünschter Haarwuchs am Körper oder Zysten an den Eierstöcken.

Welche Pillen gibt es?

In Deutschland sind laut Pro Familia über 50 verschiedene Pillenpräparate auf dem Markt. Die Hormone haben unterschiedliche Wirkungen auf den Körper, die im Zusammenwirken eine Schwangerschaft mit sehr hoher Sicherheit verhindern.

Bei der Pille wird zwischen verschiedenen Arten unterschieden, so der BVF: Es gibt die Kombi-Pille, die Mikropille, die Gestagenpille und die Minipille.

Die Kombi-Pille besteht aus einer Kombination von Östrogen und Gestagen. Einige wenige Präparate enthalten auch Estradiol oder Estradiolvalerat. Die Mikropille ist eine deutlich niedriger dosierte Kombi-Pille und damit noch besser verträglich. Sie enthält einen Östrogenanteil von unter 0,05 Milligramm pro Tablette.

Im Gegensatz zur Kombi-Pille enthält die Gestagenpille nur ein Gestagen. Sie hindert die Samenzellen am Eindringen in die Gebärmutter, indem sie den Schleimpfropfen am Gebärmutterhals verändert. Die Minipille ist eine deutlich niedriger dosierte Gestagenpille und muss täglich zur selben Zeit eingenommen werden, um zuverlässig vor einer unerwünschten Schwangerschaft zu schützen. Die Einnahme der Minipille und Gestagenpille beginnt am ersten Menstruationstag.

Wer kann die Pille nehmen - und wer nicht?

Die Pille wird nicht immer nur zur Verhütung verschrieben, denn sie kann weitaus mehr. Gerade junge Frauen, die Hautprobleme oder starke Menstruationsschmerzen haben, nehmen sie auch unabhängig davon ein. Der BVF betont, dass es kein Mindestalter für die Verordnung der Pille gibt. Je nach biologischer und psychischer Reife kann die Frauenärztin oder der Frauenarzt jungen Frauen die Pille verschreiben.

Das Internetportal diepille.info warnt hingegen davor die Pille zu nehmen, sollten man unter bestimmten Erkrankungen oder Allergien leiden. Dazu zählen eine Störung der Blutgerinnung, frühere Blutgerinnsel wie Embolie oder Thrombus, Migräne mit Aura (Wahrnehmungsstörungen, Anm. der Red.), eine Herzerkrankung, Brustkrebs, eine Lebererkrankung, hoher Blutzucker oder Blutdruck, Epilepsie oder Depressionen. Außerdem sollten Frauen auf die Einnahme verzichten, wenn sie viel rauchen.

Liegt eine der folgenden Erkrankungen in der Familie vor, ist von einer Einnahme ebenfalls abzusehen bzw. dies mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt vorher abzuklären: Blutgerinnungsstörung, APC-Resistenz, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Thrombose. Gleiches gilt für Frauen, die älter sind als 40 Jahre, stark übergewichtig sind oder Medikamente einnehmen, welche eine Wechselwirkung mit der Pille haben.

Wie bekommt man die Pille?

Die Pille muss, wie andere hormonelle Verhütungsmethoden auch, von einer Ärztin oder einem Arzt verschrieben werden, so die BZgA. Mädchen unter 14 Jahren brauchen zudem eine Zustimmung der Eltern, um ein Rezept zu erhalten.

Nicht jede Frau ist für die Einnahme der Pille geeignet. Sie kann zum Beispiel bei einem erhöhten Thromboserisiko gefährlich werden. Deswegen ist es immer sinnvoll, sich vorher von einer Ärztin oder einem Arzt umfangreich beraten und untersuchen zu lassen. Ärztinnen und Ärzte haben zudem einen Überblick über die verschiedenen Präparate und kennen die Wirkungen und können so die passende Pille für jede Frau finden.

Wie sicher ist die Pille?

Die Pille gilt allgemein als eine sehr sichere Verhütungsmethode - vorausgesetzt, sie wird richtig eingenommen. Das bedeutet, dass sie an jedem Tag zur gleichen Zeit und nach der Pause immer pünktlich weitergenommen wird. Die Versagerrate liegt laut BZgA bei perfekter Anwendung gerade einmal bei 0,3 bis 1 Prozent, bei typischer Anwendung bei 2,5 bis 9 Prozent. Pro Familia schätzt den Pearl-Index der Pille auf 0,1 bis 0,9.

Welche Nebenwirkungen sind bei der Pille möglich?

Auch wenn die Dosierung der Pille über die Jahre immer niedriger wurde, können trotzdem Nebenwirkungen auftreten. Die meisten davon sind laut BZgA ungefährlich, sollten aber trotzdem berücksichtigt werden. So sollten Frauen, die mit der Einnahme der Pille beginnen, sich auf Kopfschmerzen, Übelkeit, Stimmungsschwankungen, sexuelle Lustlosigkeit oder einem Spannungsgefühl in den Brüsten einstellen. Allesamt Nebenwirkungen die auftreten können, aber nicht auftreten müssen. In den ersten zwei bis drei Monaten der Einnahme sind zudem Zwischenblutungen nicht ungewöhnlich. Bei leichten Nebenwirkungen kann es helfen, das Präparat zu wechseln.

Schwerwiegende Nebenwirkungen sind zwar eher selten, trotzdem sollte Frauen bewusst sein, dass die Pille das Risiko einer Thrombose, von Schlaganfällen, Herzinfarkten oder sogar bestimmten Krebserkrankungen leicht erhöht.

Zahlen die Krankenkassen für die Pille?

Normalerweise zahlen die Krankenkassen nicht für Verhütungsmittel wie die Pille, da sie nicht zum regulären Leistungskatalog gehören. Erhält eine Frau die Pille aber nicht ausschließlich zur Verhütung, sondern zum Beispiel zur Behandlung von Akne, übernimmt die Krankenkasse laut BZgA die Kosten.

Pille vergessen - und jetzt?

Sollte eine Frau die Pilleneinnahme vergessen und das Vergessen innerhalb von zwölf Stunden bemerken, kann sie die Pille nachträglich einnehmen. Der Empfängnisschutz bleibt in diesem Zeitraum meist weiterhin gewährleistet.

Der Zeitpunkt der fehlenden Pille ist jedoch entscheidend. Bei einem Einnahmefehler in den ersten sieben Tagen eines neuen Pillenzyklus sollte in den folgenden sieben Tagen weiterhin ein Kondom verwendet werden, um eine Schwangerschaft sicher zu verhindern. Danach besteht wieder Empfängnisschutz. Kam es kurz vorher zum Geschlechtsverkehr, empfiehlt sich bei einem Fehler in der ersten Woche gegebenenfalls die Anwendung einer „Pille danach“.

Bei einem Fehler in der dritten Einnahmewoche besteht das Risiko eines Eisprungs während der darauf folgenden 7-tägigen Einnahmepause, spätestens aber zu Beginn der nächsten Zykluspackung. Deswegen empfehlen Ärztinnen und Ärzte die Pillenpause vorzuziehen oder ganz auszusetzen. Ist eine Frau unsicher, sollte sie immer ihre behandelnde Ärztin oder ihren behandelnden Arzt zurate ziehen.

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