Die Suche nach dem Impfstoff: Was, wenn das Virus bleibt?

Coronavirus

Dutzende Impfstoffprojekte für Covid-19 sind bei der WHO registriert - das weltweite Wettrennen ist längst gestartet. Ob die Impfstoffkandidaten wirklich vor einer Infektion schützen können?

Hannover

von Thorsten Fuchs

, 04.07.2020, 08:37 Uhr / Lesedauer: 5 min
Das Virus wird bleiben, glauben Virologen. Aber was, wenn die Suche nach einem Impfstoff erfolglos bleibt?

Das Virus wird bleiben, glauben Virologen. Aber was, wenn die Suche nach einem Impfstoff erfolglos bleibt? © picture alliance/dpa

Dabei schienen sie dem Ziel schon ganz nah zu sein. Der neue Impfstoffkandidat mit dem Namen HVTN 702 könne “der finale Sargnagel” für das Virus werden, hatte Anthony Fauci, der oberste US-Seuchenbekämpfer, zu Beginn der neuen Testreihe gesagt, die letzte Gewissheit bringen sollte. Mehr als 5000 Männer und Frauen nahmen an der Studie teil, die eine Hälfte erhielt HVTN 702, die andere Hälfte Placebos.

Enttäuschung: Impfstoffkandidat zeigt bei Menschen keine Wirkung

Doch im Februar dieses Jahres, drei Jahre nach Beginn, die große Ernüchterung: Auch HVTN 702 hatte versagt. Mochte es zuvor im Labor das Virus zuverlässig besiegt haben – im Menschen zeigte es keine Wirkung. Die Daten zeigten: In der Gruppe der scheinbar Geimpften hatten sich genauso viele Menschen mit dem Virus angesteckt wie in der Placebo-Gruppe. Da brachen die Forscher die Studie ab.

Seit mehr als 30 Jahren suchen Wissenschaftler nach einem Impfstoff gegen das HI-Virus. Trotz ­großer Anstrengungen, mehrerer aussichtsreicher Kandidaten und großer Studien haben sie bis heute keinen gefunden.

Könnte bei Sars-CoV-2, dem neuen Coronavirus, das Gleiche passieren? Wäre das nicht zumindest möglich? Wo es doch auch gegen Hepatitis C, Malaria und Aids bisher keinen Wirkstoff gibt?

Ein weltweites Wettrennen

Als chinesische Wissenschaftler am 10. Januar, vor einem halben Jahr, die Genomsequenz des neuen Erregers veröffentlichten, war das das Startsignal für ein weltweites Wettrennen: Überall in den Laboren, Forschungseinrichtungen und Biotechunternehmen begannen Virologen und Mikrobiologen mit der Suche nach Gegenmitteln.

Mit Stand von Freitag zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 129 Projekte, bei denen die Mittel in Laboren oder an Tieren getestet werden – und 18, die ihre Wirkstoffe bereits am Menschen erproben. “So schnell ging es noch nie”, sagt die Infektiologin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Eppendorf.

Erste Ergebnisse einer klinischen Testphase veröffentlicht

Die jüngste Erfolgsmeldung stammt aus dieser Woche: Da veröffentlichte das Mainzer Unternehmen Biontech, das mit dem US-Konzern Pfizer an einem Impfstoff arbeitet, die Ergebnisse der ersten klinischen Testphase: Alle 24 Probanden, die eine zweifache Impfdosis erhalten hatten, haben Antikörper gegen das Virus gebildet – sogar in einer höheren Konzentration, als es nach einer überstandenen Infektion der Fall ist.

Solche Daten seien ein “ermutigender Schritt auf dem Weg zu einem Impfstoff”, sagte anschließend der Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, der deutschen Zulassungsbehörde, Klaus Cichutek. Noch im Juli will Biontech mit Tests an 30 000 Probanden weltweit beginnen.

Die Sehnsucht nach der Rückkehr in die coronafreie Welt

Es sind Nachrichten, die die Welt begierig aufsaugt. Nichts weckt wohl größere Zuversicht als die begründete Hoffnung, dass das Virus demnächst besiegt sein könnte. Ein Impfstoff gilt als Garant für die Rückkehr in eine coronafreie Welt, für die Rettung unzähliger Leben und der Weltwirtschaft. Bei den Firmen selbst geht es schon bei Zwischenständen um viel Geld: Am Tag nach der Veröffentlichung stiegen die Biontech-Aktien um 8,3 Prozent.

Dabei ist bislang nicht mal klar, ob der Impfstoffkandidat namens BNT 162b1 wirklich auch vor einer Infektion schützen würde – und wenn ja, wie lange dieser Schutz anhält. Und so lässt sich dieser Tage ein interessanter Gegensatz beobachten: Die USA haben sich beim britisch-schwedischen Konzern Astra Zeneca, der in Oxford an einem Impfstoff arbeitet, bereits 300 Millionen Dosen gesichert.

Eine europäische Allianz, bestehend aus Deutschland, Italien, Frankreich und den Niederlanden, zog umgehend nach und orderte bis zu 400 Millionen Dosen. Geplanter Lieferbeginn: Ende 2020. Beim deutschen Unternehmen Curevac, ebenfalls einer der aussichtsreichen Impfstoffentwickler, hat sich die Bundesregierung mit 300 Millionen Euro gleich selbst beteiligt.

Superimpfstoff – eine Illusion?

Der Stoff wird also schon mal verteilt, bevor er überhaupt entwickelt ist. Dabei mehren sich derzeit die Hinweise, dass es den einen, allmächtigen Impfstoff vielleicht gar nicht geben wird, der die Welt mit einem Schnippen zurück in die selige Prä-Corona-Zeit katapultiert.

“Die Hoffnung auf einen solchen ‘Superimpfstoff’ zu setzen”, sagte vor Kurzem Oliver Keppler, Virologe und Vorstand des Max-von-Pettenkofer-Instituts an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gegenüber der “Tagesschau”, “ist aus meiner Sicht völlig überzogen.”

Die Suche nach Impfstoffen gegen Aids oder auch Hepatitis C dient Skeptikern wie ihm als mahnendes Beispiel: Beide Krankheiten verursachen nach wie vor enormes Leid – und gegen beide hat die Wissenschaft bislang keinen sicheren Impfschutz gefunden.

Ein Buddha in Virengestalt

Der Vergleich ist schwierig: Das HI-Virus greift, anders als Sars-CoV-2, das Immunsystem selbst an und ist schon deshalb schwer zu bekämpfen. Beide Viren, Hepatitis C wie auch HIV, verändern sich zudem so schnell und sind genetisch so beweglich, so leichtfüßig, dass Impfstoffentwickler schon deshalb kaum hinterherkommen – gemessen daran wirkt das Coronavirus, das bislang vergleichsweise wenig mutiert, wie ein stoischer Geselle, ein Buddha in Virengestalt.

Die eher behäbige Natur ist für die Impfstoffentwickler eine gute Nachricht. Offenbar haben sie es mit einem vergleichsweise stabilen Gegner zu tun. In anderer Hinsicht ist das allerdings auch ein Problem. Die Hoffnung, dass sich dieses Virus durch die Fehler in seinem Replikationsmechanismus selbst verflüchtigen könnte, ist offenbar unbegründet.

Die Mehrheit der Wissenschaftler geht deshalb heute davon aus, dass das Virus bleiben wird, dass es also auf Dauer zu jenen Gegnern gehört, mit denen sich unser Immunsystem auseinandersetzen muss.

Nach acht Wochen keine Antikörper mehr

Nur ist dabei die zentrale Frage im Grunde noch ungeklärt: Wann sind wir eigentlich immun gegen das neue Coronavirus? Ein wie hoher Antikörpergehalt im Blut ist dafür nötig? Und: Wie lange hält dieser Schutz wohl an?

Chinesische Wissenschaftler machten in diesem Zusammenhang eine interessante Entdeckung – und publizierten sie im Magazin “Nature”: Sie untersuchten Patienten, die nur leicht an Covid-19 erkrankt waren oder gar keine Symptome gespürt hatten. Nach acht Wochen, so ihr Befund, waren bei 40 Prozent der Patienten keine Antikörper mehr nachweisbar. Heißt das, dass diese Patienten sich erneut infizieren könnten? Und wenn nicht: Warum eigentlich nicht? Reicht vielleicht ein anderer Baustein der Immunabwehr, die T-Zellen?

Wie lange die Immunität anhält? Unklar.

Im Grunde ist die zentrale Frage der Immunität bei Sars-CoV-2 auch nach einem halben Jahr Forschung nicht geklärt. Ob man nach einer Infektion “über einen längeren Zeitraum hinweg wirklich Immunität aufgebaut hat, ist zum aktuellen Zeitpunkt zumindest fraglich”, sagte in dieser Woche bei einem Briefing des Science Media Center der Leiter der Epidemiologie am Universitätsklinikum Münster, André Karch.

Es wäre dann also möglicherweise ganz ähnlich wie bei anderen Coronaviren, den üblichen Erkältungsviren, mit denen man sich im Laufe seines Lebens auch immer mal wieder infizieren kann – und gegen die es keine Impfung gibt.

Ein Baustein von vielen

So wirken Impfungen derzeit wie die große psychologische Ziellinie, bis zu der wir alle durchhalten müssen, um uns anschließend erst mal erschöpft neben die Bahn zu setzen. Die schlechte Nachricht ist: Vielleicht ist es bloß ein Etappenziel. Die gute: Auch dort wartet Stärkung. Und der Lauf wird danach leichter.

So ist Andreas Radbruch, Immunologe am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin und Präsident der European Federation of Immunological Societies, letztlich zuversichtlich, dass Impfstoffe einen gewaltigen Fortschritt bringen. Bisherige Impfstoffkandidaten hätten zwar nur im Reagenzglas ihre Wirkung bewiesen, er sei jedoch zuversichtlich, dass einige auch im Körper das Virus bekämpfen können: “Die Erwartungshaltung der Immunologen ist: Es wird funktionieren.”

Nicht ein Impfstoff für alle

Die großen Fragen sind jedoch: Schon beim ersten Mal? Oder muss man sie mehrmals auffrischen? Wird der Impfschutz annähernd so perfekt sein wie bei Masern? Oder wird er nur bei 60 Prozent der Geimpften einen Schutz erzeugen? Gut möglich auch, dass man verschiedene Impfstoffe braucht – für Jüngere, für Ältere, für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem oder für jene, deren Immunsystem unterdrückt werden muss. “Jeder Impfstoff, der die Mehrheit der Bevölkerung schützt, ist besser als kein Impfstoff”, sagt Radbruch.

Doch dass ein Impfstoff alle schützt, das wirkt aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich.

Was das bedeutet? Dass Impfstoffe mit Glück im nächsten Jahr ein wichtiger Baustein im Kampf werden könnten – zusammen mit weiteren Medikamenten, Abstand und Masken.

“Das Virus wird bleiben”

So wenig die Viren und Krankheiten sonst vergleichbar sind: Auch bei Aids ist es gelungen, dem Virus mit Medikamenten und Verhaltensregeln einen Teil seines Schreckens zu nehmen.

“Das Virus wird bleiben”, sagt der Bonner Virologe Hendrik Streeck. “Und wir müssen uns darauf einstellen, damit umzugehen.” Impfungen können dabei helfen. Die gesamte Arbeit abnehmen werden sie uns, das ist der Stand nach einem halben Jahr, eher nicht.

RND

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