Diese fünf Corona-Absurditäten sorgen während der Pandemie für Kopfschütteln

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Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, wurden zahlreiche Maßnahmen angeordnet. Doch nicht alle erscheinen sinnvoll. Hier unsere Top 5 der Corona-Absurditäten.

05.09.2020, 08:46 Uhr / Lesedauer: 5 min
Warum finden Veranstaltungen mit tausenden Besuchern statt, während Zuschauerränge in Fußballstadien weiter leer bleiben müssen?

Warum finden Veranstaltungen mit tausenden Besuchern statt, während Zuschauerränge in Fußballstadien weiter leer bleiben müssen? © picture alliance/dpa

Die Corona-Pandemie wirft viele Fragen auf: Warum werden beispielsweise Massendemonstrationen genehmigt, aber Großveranstaltungen weiterhin untersagt? Wieso gibt es Bußgelder für Maskenverweigerer in öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn diese kaum kontrolliert werden? Wie sinnvoll ist es, dass jedes Bundesland eine eigene Corona-Verordnung auf den Weg gebracht hat? Diese fünf Corona-Absurditäten sorgen im Alltag für Verwunderung:

TOP 1: Warum gilt die Maskenpflicht im Einzelhandel oftmals nur für Kunden und nicht für Verkäufer?

Seit Ende April gilt im Einzelhandel eine Maskenpflicht. Die Art des Mundschutzes ist egal: Ob selbst genäht oder gehäkelt, OP- oder FFP-Maske, Schal oder Tuch – Hauptsache der Mund ist abgedeckt, um andere Kunden vor möglichen Coronaviren zu schützen. Aufmerksame Kunden können oftmals jedoch beobachten, dass Verkäufer von dieser Regelung ausgenommen sind.

Nur noch mit Mundschutz dürfen Kunden in deutschen Supermärkten einkaufen.

Nur noch mit Mundschutz dürfen Kunden in deutschen Supermärkten einkaufen. © picture alliance/dpa

Doch warum? Sind Verbraucher die gefährlicheren Infektionsquellen? „Die Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung in Geschäften ist nach der Verordnung zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Coronavirus aus gutem Grund auf die Kundinnen und Kunden beschränkt“, schreibt die niedersächsische Landesregierung auf ihrer Internetseite. „Je nach Tätigkeit gibt es bereits branchenbezogene Regelungen der Berufsgenossenschaften oder auch Vorgaben des Arbeitgebers zum Tragen einer Alltagsmaske im Interesse des Infektionsschutzes.“

Auch die Bundesländer Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Saarland, Schleswig-Holstein, Thüringen und Bremen verzichten auf eine Maskenpflicht für Verkäufer – teilweise jedoch unter der Bedingung, dass andere Schutzvorrichtungen vorhanden sind. „Es kann eine erhebliche Beeinträchtigung bedeuten, acht Stunden am Tag eine Maske zu tragen“, äußerte eine Sprecherin des Bremer Innenressorts gegenüber Radio Bremen.

Allerdings steht die Maskenpflicht im Einzelhandel schon seit längerer Zeit in der Kritik. In einem vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf veröffentlichten Thesenpapier heißt es, dass das Infektionsrisiko im Supermarkt deutlich geringer sei als in einem Krankenhaus oder Pflegeheim. Den Berechnungen zufolge müssten mehr als 12.000 Menschen eine Stunde lang eine Masken tragen, um eine Corona-Infektion zu verhindern.

„Über den Zeitpunkt einer möglichen Abschaffung brauchen wir einen breiten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konsens“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Handelsverbands. „Die Kunden müssen sich in den Geschäften sicher fühlen. Es bringt nichts, die Maskenpflicht abzuschaffen, wenn in der Folge viele aus einem Gefühl der Unsicherheit heraus lieber zuhause bleiben.“

TOP 2: Wie sinnvoll sind das Kohorten-Prinzip und eine Maskenpflicht für Schüler?

Nach den Sommerferien heißt es an den Schulen: Regelbetrieb statt Homeschooling. In fast allen Bundesländern gelten eine Maskenpflicht und Abstandsgebote für die Schüler, sofern sie sich außerhalb des Klassenzimmers bewegen. Der Unterricht findet zudem in festen Lerngruppen, sogenannte Kohorten, statt, sodass im Fall einer Corona-Infektion eine Kontaktverfolgung möglich ist und nicht die gesamte Schule geschlossen werden muss.

Das ist zumindest die Theorie. In der Praxis können sowohl die Abstandsgebote, als auch das Kohorten-Prinzip oftmals nicht eingehalten werden. Erst vor wenigen Wochen tauchte beim Mikroblogging-Dienst Twitter ein Foto aus einem überfüllten Schulbus auf:

Zwar müssen Schüler auch in den Bussen Masken tragen, doch der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,5 Meter kann vielerorts nicht eingehalten werden. Hinzu kommt, dass Schüler aus unterschiedlichen Lerngruppen dicht an dicht stehen oder sitzen, was die Kontaktverfolgung erschweren könnte. Von einer ähnlichen Situation berichten Eltern im Hort:

Viele Schüler treffen auch in ihrer Freizeit auf andere Heranwachsende, zum Beispiel beim Fußballtraining. Dort wird ebenfalls auf Mindestabstände größenteils verzichtet. „Allerdings nimmt gerade am Fußballtraining eine in der Regel relativ fest definierte Gruppe von Kindern und Jugendlichen teil, so dass ähnlich wie im Klassenverband während des Unterrichts (also ohne Maskenpflicht) vorgegangen werden kann“, teilt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Burkhard Rodeck, mit.

TOP 3: Warum müssen Maskenverweigerer in Berlin ein Bußgeld von bis zu 500 Euro zahlen und in Niedersachsen nur 150 Euro?

Vor einer Woche hatten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder in einer gemeinsamen Videokonferenz darauf verständigt, dass zukünftig deutschlandweit ein Bußgeld für Maskenverweigerer von mindestens 50 Euro gelten soll.

Damit bleibt jedoch ein Problem bestehen: Jedes Bundesland kann das Bußgeld unterschiedlich hoch ansetzen. Diese verschiedenen Corona-Regelungen sorgen schon seit Langem auch in anderen Bereichen für Verwirrung.

Am Beispiel von privaten Feiern wird deutlich, wie willkürlich teilweise die Grenzziehungen wirken. Während in Niedersachsen bei Hochzeiten bis zu 50 Menschen in geschlossenen Räumen feiern dürfen, sind es in Mecklenburg-Vorpommern 75, in Bayern 100, in Berlin 500 und in Brandenburg sogar bis zu 1000. Dabei ist die Infektionsgefahr bei allen Zusammenkünften gleich hoch.

„Da Infektionsvorbeugung in einer Pandemie vor allem auf Verständnis und Vertrauen bei den Bürgern basiert, ist durch diese verwirrenden Signale von den zahlreichen politischen Entscheidungsträgern eher mit einer Schwächung der Motivation zu rechnen, andere Hygieneregeln zu befolgen“, gab der Infektiologe, Prof. Matthias Stoll, von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) im Hinblick auf unterschiedliche Regelungen für Veranstaltungen zu Bedenken.

TOP 4: Wieso sind Kontaktsportarten erlaubt und Chorproben nur eingeschränkt möglich?

Eine Studie des Hermann-Rietschel-Instituts der Technischen Universität Berlin kam zu dem Schluss, dass beim Singen bis zu 30 mal mehr potenziell virenbeladene Aerosole abgegeben werden können als während des Sprechens. Wegen der erhöhten Infektionsgefahr waren Chorproben lange Zeit nur im Freien möglich.

Inzwischen haben einige Bundesländer ihre Beschränkungen zwar wieder gelockert, trotzdem sind die Proben an mehrere Auflagen geknüpft. Seit dieser Woche dürfen beispielsweise Chöre in Schleswig-Holstein wieder gemeinsam üben, in geschlossenen Räumen jedoch nur mit einem Mindestabstand von 2,5 Metern. Öffentliche Auftritte bleiben weiterhin untersagt. In Berlin werden Chorproben wiederum auf 60 Minuten zeitlich begrenzt.

Beim Singen wird eine große Menge Aerosole ausgeatmet.

Beim Singen wird eine große Menge Aerosole ausgeatmet. © picture alliance/dpa

„Haben solch regional, dynamisch variierende Zuständigkeiten grundsätzlich ihre Vorteile – beispielsweise im Blick auf Kontaktbeschränkungen, die dann temporär nur für einzelne Risikogebiete mit hohen Fallzahlen in Kraft treten können –, wären dennoch im Blick auf übergeordnete Hygieneanforderungen für den Chorbereich bundesweit einheitliche Leitlinien für alle Beteiligten eine große Hilfe und sehr begrüßenswert!“, sagt Veronika Petzold, Geschäftsführerin des Deutschen Chorverbandes.

Während sich nahezu stillstehende Chorsänger an strenge Abstandsregelungen halten müssen, sind Kontaktsportarten wie Fußball und Handball davon ausgenommen. So heißt es zum Beispiel vom baden-württembergischen Kultus- und Sozialministerium: „Im organisierten Trainings- und Übungsbetrieb kann von der Abstandsregel abgewichen werden, sofern das die für die Sportart üblichen Sport-, Spiel- und Übungssituationen erfordern.“ Dann sollten allerdings „feste Trainings- oder Übungspaare“ gebildet werden.

„Wir wünschen uns verstärkt ein koordiniertes Handeln von Bund und Ländern, auch im Vergleich mit anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie beispielsweise dem Sport“, so Petzold. „Uns ist aber zugleich bewusst, dass vor allem die Forschung zur Aerosolbildung und -ausbreitung beim gemeinsamen Musizieren gerade erst richtig begonnen hat.“

TOP 5: Warum finden Veranstaltungen mit tausenden Besuchern statt, während Zuschauerränge in Fußballstadien weiter leer bleiben müssen?

Es sollte ein Auftritt mit Signalwirkung sein, als Roland Kaiser gestern vor rund 3500 Fans sein Konzert in der Berliner Waldbühne gab. „Ich bin sowas von glücklich – ich hab Sie und Euch so vermisst – und meine Band auch“, sagte der Schlagersänger.

Das Konzert von Roland Kaiser ist eines der ersten nach dem Corona-Neustart.

Das Konzert von Roland Kaiser ist eines der ersten nach dem Corona-Neustart. © picture alliance/dpa

Auch der Freistaat Sachsen plant eine große Feier: Anlässlich seiner Wiedergründung und der deutschen Wiedervereinigung vor 30 Jahren soll im Erzgebirgsstadion in Aue eine Festveranstaltung mit 2000 Gästen stattfinden. Erwartet wird auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der für seinen Auftritt viel Kritik erntet.

„Das kann nicht wahr sein. Wie glaubwürdig ist ein Ministerpräsident, der in seinem Bundesland Wasser predigt und Großveranstaltungen untersagt, aber selbst auf einer Party mit 2000 Gästen in Sachsen Geburtstagswein trinkt?“, sagte SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty am Mittwoch in Düsseldorf. In Nordrhein-Westfalen müssen Veranstaltungen mit mehr als 1000 Gästen – anders als in Sachsen – mit dem Land abgestimmt werden.

Anders verhält es sich bei Fußballspielen: Nach wie vor muss die Fußball-Bundesliga vor leeren Zuschauerrängen ausgetragen werden. „Die Bevölkerung versteht es nicht, wenn im Nahverkehr viele Menschen auf engem Raum unterwegs sein dürfen, aber ein Fußballspiel mit wenigen Zuschauern und großen Abständen nicht möglich sein soll“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gegenüber der Augsburger Allgemeinen. „In einem Stadion mit 80.000 Plätzen kann man durchaus eine nennenswerte Anzahl von Zuschauern unterbringen und dabei alle Infektionsschutzregeln einhalten, wenn die Hygienekonzepte stimmen.“

Noch müssen Fußballspiele vor leeren Zuschauerrängen ausgetragen werden.

Noch müssen Fußballspiele vor leeren Zuschauerrängen ausgetragen werden. © picture alliance/dpa

Am Freitag, 25. September, soll zumindest für den Hertha BSC Schluss mit Geisterspielen sein. Beim ersten Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt sollen rund 5000 Fußball-Fans im Berliner Olympiastadion zuschauen dürfen.

„Wir haben in den Gesprächen mit den zuständigen Behörden und dem Senat durchweg positive Rückmeldungen und Zustimmung auf unser detailliertes Konzept bekommen und freuen uns jetzt sehr auf unser erstes Heimspiel vor unseren Fans“, sagte Thomas E. Herrich, Mitglied der Geschäftsleitung bei Hertha BSC.

Ob auch andere Fußballclubs bald wieder vor gefüllten Rängen spielen können, bleibt weiterhin fraglich. So hatte beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei der vergangenen Pressekonferenz in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel geäußert, dass er von Fußballspielen vor Publikum bis auf Weiteres nichts halte.