Diese Zitronen haben noch viel Saft

ESSEN Wir kennen sie aus der Werbung, die fidelen Alten. Da beißen Omis und Opis in grüne Äpfel. Oder sie sausen im Treppenlift eine Etage höher. Alles kein Problem! Dass Älterwerden in Wirklichkeit ganz anders ist, ahnt man ja. Und endlich gibt es auch ein Theaterstück darüber.

von Von Bettina Jäger

, 17.09.2007, 17:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
<p>Späte Liebe: Frieda (Jutta Wachowiak) mag Ulf (Dieter Hufschmidt). Foto Küster</p>

<p>Späte Liebe: Frieda (Jutta Wachowiak) mag Ulf (Dieter Hufschmidt). Foto Küster</p>

Der Berliner Dramatiker Lutz Hübner hat "Blütenträume" geschrieben, das Schauspiel Essen hat sie am Sonntagabend uraufgeführt. Fünf Akte über das Senioren-Dasein - realistisch, ehrlich, aber auch humorvoll und herzerwärmend.

Jenseits der 60

Sechs Herrschaften jenseits der 60 treffen sich im VHS-Kurs "55 plus". Alle sind einsam, alle müssen das "Anbandeln" neu lernen. Doch erst einmal flirten sie nicht, sie streiten nur: Ein Schmierlapp von Ex-Schulleiter (Siegfried Gressl) kabbelt sich mit einer weißhaarigen Emanze (Henriette Thimig). Der vierschrötige Heinz (toll: Carsten Otto) ringt erbarmungswürdig um Worte. Gila (süß: Ute Zehlen) nennt sich eine "abenteuerlustige Rothaarige", da hat sie sofort den Schmierlapp neben sich und die Emanze gegen sich. Noch dazu sieht sich die Gruppe mit einem Kursleiter konfrontiert, der allermodernste Konzepte kennt. Jans (Christoph Finger) "Coaching-Methoden" aus dem "Speed-Dating" laufen gegen die Silberlocken schnell ins Leere.

Ernste Komödie

Eine ernst gemeinte Komödie also, bei der Essens Schauspielintendant Anselm Weber mit leichter Hand Regie geführt hat. Auf der Bühne von Thomas Dreißigacker hockt eine Riege hervorragender Darsteller und zeichnet Charaktere mit Ecken und Kanten, mit Mut und Würde. Diese Zitronen haben noch viel Saft, aber auch Sorgen: Gehe ich den Kindern auf die Nerven? Bin ich noch attraktiv? Welchen Grund habe ich eigentlich, morgens aufzustehen? Autor Hübner hakt die Probleme ab, aber erst die Schauspieler füllen sie mit Leben, Weisheit und Witz.

Gute Gags

Das Stück hat gute Gags, aber auch ein paar Geburtsfehler. Tatjana Clasing als Maklerin spielt furios auf, doch ein 40-jähriges einsames Herz im Club der Alten ist einfach zu unwahrscheinlich. Schulleiter Fritz ist zu reaktionär, um heute noch wahr zu sein. Und der vierte Akt, in dem alle eine Alten-WG gründen wollen, ist zu lang. Manchmal hört man das Räderwerk knirschen, spürt die Absicht hinter den Dialogen.

Wie wollen wir im Alter leben?

Nichtsdestotrotz kommt endlich mal ein Thema auf die Bühne, das uns alle bewegt: Wie wollen wir im Alter leben? Hübner hat ein wunderbares Stück Gebrauchstheater geschrieben, erhellend, zeitgemäß und und charmant zugleich. Und am Ende, als der Traum von der Alten-WG längst geplatzt ist, hat doch noch die Poesie ihren Einsatz. Mit stiller Intensität spielen Jutta Wachowiak und Dieter Hufschmidt die Liebesgeschichte von Frieda und Ulf. Und wir wissen, diese beiden werden sich lieben wie die Igel: ganz vorsichtig.

Termine: 23.9./30.9. Karten unter Tel. (0201) 8122-200.