Dieses Schuljahr keine blauen Briefe - Sitzenbleiben ist dennoch möglich

Schule

In diesem Jahr gibt es am Ende des Schuljahres keine „blauen Briefe“. Schüler können die Klasse freiwillig wiederholen - aber Sitzenbleiben ist dennoch möglich.

24.02.2021, 16:16 Uhr / Lesedauer: 3 min
In diesem Schuljahr soll es keine „blauen Briefe“ geben.

In diesem Schuljahr soll es keine „blauen Briefe“ geben. © picture alliance/dpa

Schüler in Nordrhein-Westfalen müssen am Ende dieses zweiten Corona-Schuljahres keine „blauen Briefe“ fürchten. Es würden keine Schreiben zu gefährdeten Versetzungen verschickt, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Mittwoch. Anders als im vergangenen Schuljahr können leistungsschwache Schüler aber trotzdem sitzenbleiben. Es werde am Ende des Schuljahres „Versetzungsentscheidungen“ geben, sagte die Ministerin.

Zugleich würden aber erweiterte Nachprüfungsmöglichkeiten geschaffen. Schüler könnten eine Klasse auch freiwillig wiederholen, ohne dass das auf die maximal zugelassene Verweildauer an der Schule angerechnet werde. Die Maßnahmen sind im Bildungssicherungsgesetz 2021 enthalten, das vom Kabinett beschlossen wurde und nun in die Verbändeanhörung geht. Mit dem Gesetz sollen laut Gebauer „faire und gerechte Bedingungen in Pandemie-Zeiten“ ermöglicht werden.

Eltern entscheiden, ob das Kind eine Ehrenrunde dreht

Den Schülerinnen und Schülern sollten auch in diesem Jahr durch die Pandemie keine Nachteile für ihre Bildungs- und Berufswege entstehen. Am Ende der Erprobungsstufe nach Klasse 6 sollen dieses Jahr nach Beratung durch die Schule ausnahmsweise die Eltern entscheiden können, ob ihr Kind eine Ehrenrunde dreht oder die Schulform wechselt. Die Klassenkonferenz soll trotzdem eine Aussage dazu treffen, ob ein Schüler an der gewählten Schulform bleiben kann.

Für die zentralen Prüfungen in Klasse 10 (ZP 10) in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen werden in diesem Schuljahr wieder landeseinheitliche Aufgaben gestellt. Die Rückkehr in den Präsenzunterricht für die Abschlussklassen seit einigen Tagen ermögliche „eine angemessene Prüfungsvorbereitung“, sagte Gebauer. Die Prüfungen beginnen ab dem 19. Mai.

Abiturprüfungen werden verschoben

Vergangenes Jahr war auf zentrale ZP 10-Prüfungen verzichtet worden. Stattdessen hatten Lehrkräfte Klassenarbeiten schreiben lassen. An den Gymnasien jedoch wird es wie schon vergangenes Jahr am Ende der zehnten Klasse erneut keine zentralen schriftlichen Prüfungen geben. Bereits beschlossen hatte die Landesregierung, dass die Abiturprüfungen in NRW um neun Tage vom 14. April auf den 23. April verschoben werden und die Aufgabenauswahl erweitert wird.

In diesem Zeitraum findet für die Prüflinge kein regulärer Unterricht statt. Außerdem gibt es Nachschreibetermine für Schüler, die an drei unmittelbar aufeinander folgenden Tagen einer Kalenderwoche Klausuren schreiben müssen. Die externe Zweitkorrektur entfällt wie auch vergangenes Jahr. Es gibt aber eine interne Zweitkorrektur. Die NRW-Maßnahmen entsprechen laut Gebauer den Beschlüssen der Kulturministerkonferenz (KMK).

Abschlussklassen, Grund- und Förderschüler dürfen zurück in die Schule

Alle Bundesländer hatten sich darauf verständigt, Abschlüsse auch in diesem Corona-Jahr auf Basis von Prüfungen zu vergeben. Es sei wichtig zu erkennen, ob Leistungen erbracht worden seien oder nicht, sagte Gebauer. Ihr Staatssekretär Mathias Richter sagte, es habe genug Präsenzunterricht gegeben, so dass Leistungen entsprechend bewertet werden könnten.

Nach wochenlangen Schulschließungen in NRW im Corona-Lockdown dürfen seit Montag Grund- und Förderschüler sowie Schüler aus Abschlussklassen und Berufskollegs in NRW unter verschärften Schutzvorkehrungen wieder am Präsenzunterricht teilnehmen. Für die Primarstufe gibt es Wechselmodelle aus Distanz- und Präsenzunterricht in halbierter Klassenstärke.

40 Prozent der Eltern erwarten Wissenslücken durch Distanzunterricht

Die Abschlussjahrgänge dürfen hingegen in voller Klassen- oder Kursstärke unterrichtet werden. Die Klassen 5 bis 9 oder 10 sind weiter im Distanzunterricht. Die Landeselternschaft der Gymnasien forderte täglichen Präsenzunterricht für alle Klassen in NRW. Mit einer Reduzierung der Unterrichtsstunden sowie Verteilung auf Vor- und Nachmittage wäre das möglich, sagte die Verbandsvorsitzende Jutta Löchner.

Trotz der coronabedingten Probleme spricht sich auch die Elternschaft dagegen aus, die Schüler - wie im Vorjahr - wieder automatisch zu versetzen. Eine aktuelle Umfrage habe dennoch alarmierenden Handlungsbedarf zutage gefördert: Demnach erwarten mehr als 40 Prozent der über 41 000 Eltern, die geantwortet haben, mittelgroße bis schwerwiegende Wissenslücken durch den eingeschränkten Unterricht in der Corona-Pandemie.

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Unter den 224 Gymnasialdirektoren, die im Januar ebenfalls an einer Befragung der Elternschaft teilgenommen hatten, sieht nur eine Minderheit keine coronabedingten Lernlücken. 22 Prozent der Direktoren sehen sich nicht in der Lage, Schüler und Eltern am Ende der 6. Klasse zuverlässig über einen angemessenen Schulwechsel zu beraten. Die Landeselternschaft fordert daher, die Erprobungsstufe bis auf weiteres auf Klasse 7 auszudehnen. Jeder zehnte Schulleiter sieht die Aussagekraft der Abiturzeugnisse 2021 kritisch.

Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Jochen Ott, kritisierte, mit dem jetzt vorgelegten Gesetzentwurf sei die Ministerin „mal wieder viel zu spät“. Die Regelungen seien zudem unzureichend. „Wir plädieren dafür, dass die Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr die Möglichkeit für einen Freischuss haben sollen, um ihnen die Sorgen und den Stress vor den anstehenden Prüfungen zu nehmen.“ Die aktuelle Situation sei schon belastend genug.

dpa

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