Digitalisierung: "Kein Fortschritt für den Unterricht"

Interview mit Lehrerverbands-Chef

Alle rund 40.000 Schulen in Deutschland sollen in den nächsten fünf Jahren mit einem Fünf-Milliarden-Euro-Programm für digitale Bildung fit gemacht werden. Für Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) „ein großer Sprung nach vorn“ - Kritik am "Digitalpakt" kommt dagegen von Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes.

BERLIN

von Rasmus Buchsteiner

, 13.10.2016, 05:53 Uhr / Lesedauer: 2 min
ARCHIV - Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus , aufgenommen am 16.10.2009 auf der 61. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen).    Foto: Jörg Carstensen/dpa   (zu dpa "Lehrerpräsident kritisiert länderübergreifendes Abitur" vom 09.05.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

ARCHIV - Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus , aufgenommen am 16.10.2009 auf der 61. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). Foto: Jörg Carstensen/dpa (zu dpa "Lehrerpräsident kritisiert länderübergreifendes Abitur" vom 09.05.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Die Pläne für einen „Digitalpakt“ wurden am Mittwoch in Berlin von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vorgestellt. Während der Bund das gesamte Geld geben will, müssten sich die für Schulpolitik zuständigen Länder verpflichten, pädagogische Konzepte, Aus- und Fortbildung von Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen. Die von SPD und Grünen geführten Länder-Kultusministerien reagierten verhalten positiv auf das Modernisierungsprogramm und mahnten Nachbesserungen an.

Im Interview mit Josef Kraus, dem Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes, sprachen wir über den „Digitalpakt“.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) will Deutschlands Schulen in den nächsten Jahren flächendeckend mit Breitband-Internet, Computer und WLAN ausstatten. Eine überfällige Digitaloffensive?

Der Bund ist für so etwas eigentlich nicht zuständig. Wenn es schon ein Milliardenprogramm für die Schulen sein soll, dann bitte für die Sanierung der Gebäude. Hier besteht ein Bedarf in dreistelliger Milliardenhöhe. Viele Schulen sind in marodem Zustand, eigentlich müssten sie sofort saniert werden. Oft sind Beträge in zweistelliger Millionenhöhe zu investieren. An manchen Schulen sind die sanitären Anlagen miserabel oder man hat sie saniert und verlangt dafür jetzt eine Toilettenbenutzungsgebühr.

Das Problem ist, dass die Schulträger das alleine nicht schultern können. Hier müsste etwas geschehen. Das wäre ein vernünftiges Investitionsprogramm und würde einen kräftigen Push für unseren Arbeitsmarkt bringen.

Was spricht aus Ihrer Sicht denn gegen die Digitalpläne?

Schulen mit Computer, Tablets, Laptops auszustatten, bringt für den Unterricht kaum etwas. Es nutzt am Ende nur der Industrie und den Herstellern. Viele Studien warnen davor, dass Deutschland digital abgehängt werden könnte. Aber man muss auch mal sehen, wer diese Untersuchungen in Auftrag gibt. Das sind die großen Telekommunikationsfirmen. Es gibt keine belastbaren Befunde darüber, dass digitalisierte Schulen zu besseren Schülerleistungen führen. 

Ist es nicht besser, auch bei Lernangeboten und Medien auf der Höhe der Zeit zu sein? 

Ich glaube nicht an die Segnungen der Digitalisierung von Unterricht, die man uns immer versucht einzureden. Unsere 40.000 Schulen mit schnellem Internet auszustatten, bringt keinerlei Fortschritt für den Unterricht. Wir brauchen keine Laptop-Klassen! Die Digitalisierung der Klassen würde die bei den Schülern ohnehin vorhandene Neigung zum Häppchenwissen noch verstärken. Es leidet die Konzentration. Es leidet das Lesevermögen und die Diskursfähigkeit. 

Sie wollen digitale Medien allen Ernstes so weit wie möglich aus den Schulen verbannen? 

Wir brauchen bundesweit Regelungen wie in Bayern. Dort ist die Nutzung digitaler Medien an Schulen außerhalb des Unterrichts und ohne Erlaubnis der Lehrkräfte verboten. Ich würde mir wünschen, dass unsere Schüler auch in den Pausen miteinander sprechen, miteinander spielen. Die Vis-à-vis-Kommunikation ist immer besser als auf dem Schulhof nebeneinander zu sitzen und sich gegenseitig WhatsApp-Nachrichten zu schicken. 

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