„Do they know it´s Christmas?“ - Wie dieses Weihnachtslied die Welt immer noch besser macht

Midge Ure auf NRW-Tour

Vor 35 Jahren, am 3. Dezember 1984, erschien die Single „Do they know it’s Christmas?“ Midge Ure schrieb das Lied zusammen mit Bob Geldof. Ein Interview über alte Hits, Erfolg und Magie.

von Mathias Begalke |

, 03.12.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 5 min
„Do they know it´s Christmas?“ - Wie dieses Weihnachtslied die Welt immer noch besser macht

Midge Ure, Sänger der Bands Ultravox und Gitarrist bei Visage, tourt derzeit durch Deutschland. © picture alliance / dpa

Vor 35 Jahren, am 3. Dezember 1984, erschien die Benefizsingle „Do they know it’s Christmas?“ Midge Ure, der das Lied zusammen mit Bob Geldof geschrieben hat, ist zurzeit mit den Hits seiner alten Bands Visage und Ultravox auf Tour.

Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht er über seinen Erfolg und den Verlust seinen Vaters.

„Es ist magisch und bizarr“

Wenn Sie heute „Do they know it’s Christmas?“ hören, zufällig im Supermarkt zum Beispiel, was empfinden Sie dann?“ – „Ich fühle das Gleiche wie damals“, antwortet Midge Ure, der den Song vor 35 Jahren zusammen mit Bob Geldof für Band Aid geschrieben hat. „Es ist irgendwie magisch und bizarr. Die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf.“

Schon der erste Glockenschlag im Intro katapultiere ihn zurück ins Jahr 1984, erzählt der 66-Jährige beim Telefoninterview mit dem Redaktions-Netzwerk Deutschland (RND). „Dann bin ich wieder für einen Moment in diesem Aufnahmeraum und bringe Bono die Zeile bei, die er zu singen hat.“

100.000 Pfund für Äthiopien - daraus wurden 8 Millionen Pfund

Am 25. November 1984 nahmen Englands Popstars der damaligen Zeit, unter anderem Sting, Phil Collins und George Michael, Culture Club, Duran Duran und Bananarama, „Do they know it’s Christmas?“ in einem Studio im Londoner Stadtteil Notting Hill auf, um den Hungernden in Äthiopien zu helfen. Alle verzichteten auf ihre Gagen.

100.000 Pfund wollten sie mit der Benefizsingle einspielen. Sollte der Titel an Weihnachten auf Nummer eins stehen, so die Vision, könnten sie zwei- bis dreimal mehr Singles verkaufen als sonst im Jahr.

Weit mehr als ein Pop-Weihnachtslied

„Do they know it’s Christmas“ ist die zweiterfolgreichste Single aller Zeiten, nach Elton Johns Diana-Hommage „Candle in the Wind 1997“. Allein in den ersten zwölf Monaten sammelten Geldof und Ure mit dem Lied acht Millionen Pfund für ihre Afrikahilfe ein.

Wenn der Song im Radio läuft, fließen die Tantiemen bis heute in den Band Aid Trust. Doch „Do they know it’s Christmas?“ ist weit mehr als das Pop-Weihnachtslied des Jahres 1984, es ist eine universelle „Imagine“-artige Hymne der Hoffnung – ein Lied, das die Welt tatsächlich verbessert hat.

In seiner Autobiografie „If I was ...“ schildert Ure eine Begegnung der besonderen Art nach einem seiner Solo-Konzerte. Ein Mann überreichte ihm das Foto einer jungen schwarzen Frau. Sie lächelte. Ure erfuhr, dass die 19-Jährige gerade ihren Schulabschluss gemacht hatte. In diesem Augenblick, während er das Bild betrachtete, sei ihm klar geworden, dass er es ohne „Do they know it’s Christmas?“ nicht in der Hand halten würde.

Hat Band Aid einen Unterschied gemacht?“, wird Ure bis heute immer wieder von Journalisten gefragt. „Diese junge Frau ist der Unterschied. Sie lebt. Allein wegen dieses einen Mädchens hat es sich gelohnt.“

„Man kann mit einem Lied nicht die Welt reparieren“

Noch immer hungern Menschen auf der Welt. Es toben weiterhin Kriege. Können Songs wie „Do they know it’s Christmas?“ oder „Imagine“ die Welt wirklich nachhaltig verändern? Lassen diese in Liedform gefassten Visionen die brutale Wirklichkeit nicht noch schrecklicher erscheinen?

Beide Songs könnten als Hymnen der Hoffnungslosigkeit empfunden werden, die das Furchtbare noch furchtbarer wirken lassen. „Sie beweisen aber genauso, dass auch das Gute in der Welt existiert“, sagt Ure. „Man kann mit einem Lied nicht die Welt reparieren, man kann aber auf ein Problem aufmerksam machen.“ Menschen änderten dadurch vielleicht ihre Ansichten, was möglicherweise so etwas wie einen Systemwechsel bewirke oder zu einer Bewegung führe – so wie jetzt, wo Millionen junger Klimaaktivisten weltweit auf die Straße gehen.

Für alle gleichgültigen „Bringt ja eh nichts“-Typen hat er sich eine plausible Gegenargumentation zurechtgelegt: „Kannst du dir vorstellen, wie schlimm es geworden wäre, hätten wir es nicht getan?“, fragt er und antwortet gleich selbst: „Es wäre viel, viel schlimmer gekommen.“

Tourdaten

Tournee durch Deutschland

Midge Ure gibt auf seiner „The 1980 Tour“ acht Konzerte in Deutschland. Am Freitag, 6. Dezember tritt er im RuhrCongress in Bochum auf, am 8.12. in Berlin, am 9.12. in Hamburg und am 13.12. in Kassel und am 14.12. im Stahlwerk in Düsseldorf. Karten gibt es u.a. bei Eventim.

Benefizkonzerte waren Vorbilder für ähnliche Projekte

Band Aid und „Live Aid“, die beiden Benefizspektakel in London und Philadelphia, haben einiges bewegt. Die Konzerte waren Vorbild für eine Reihe ähnlicher Projekte mit politischen oder sozialen Anliegen. So wurde ebenfalls in Wembley für die Freilassung von Nelson Mandela demonstriert (1988) und in Gedenken an Freddie Mercury vor Aids gewarnt (1992). 2005 kopierten sich Geldof und Ure mit „Live 8“ sogar selbst. Geldof war mehrmals für den Friedensnobelpreis im Gespräch. Manche nannten ihn sogar „Saint Bob“, den heiligen Bob.

Niemand nannte den stilleren Soundfreak Midge Ure „Saint Midge“. Ärgert ihn das? „Es ist okay“, sagt er. Womöglich ist sein Name heute nicht mehr vielen geläufig, an seine alten Bands Visage und Ultravox erinnert man sich aber gern.

Entscheidung gegen den sicheren Job

Den Tag, an dem er sich 1978, inspiriert von den deutschen Elektropionieren Kraftwerk, La Düsseldorf und Can seinen ersten Synthesizer kaufte, hat er nicht vergessen. Es war ein Yamaha CS-40. „Ich wusste nicht wie er funktioniert, ich wusste nur, ich muss ihn haben“, erzählt er. Ure begann mit dem damals neuartigen Instrument zu experimentieren. Er kombinierte „fantastische seltsame Geräusche“ mit Gitarren und schrieb eine Reihe von New-Wave-Hits; die bekanntesten sind „Fade to Grey“ und „Vienna“.

Seinen vermutlich größten Traum hatte Ure schon als Teenager im schottischen Glasgow verwirklicht. Er wurde Musiker. Sein Vater, ein Lieferwagenfahrer bei einer Bäckerei, hätte gern gesehen, dass sein Sohn einen „ordentlichen“ Beruf erlernt. Doch der damals 18-Jährige brach eine Ingenieursausbildung ab, um sich einer professionellen Band für eine Gage von 25 Pfund pro Woche anzuschließen. Er entschied sich gegen den sicheren Job. Ist er ein besonders mutiger Mensch? „Nein“, antwortet Ure, „im Gegenteil. Ich habe die Entscheidung meinen Eltern überlassen.“ Als das Angebot kam, fragte er sie, was er tun solle. „Folge deinem Herzen!“, antwortete die Mutter. „Sie war mutig, weil sie mich losließ“, sagt Ure.

Verlust des Vaters nahm ihm Stabilität

Während Saint Bob ab Ende der Achtziger als Afrikaaktivist und aufgrund seines seifenoperhaften Familienlebens weiter Schlagzeilen produzierte, verschwand Ure aus den Charts und aus dem Rampenlicht. Junge Rockfans hörten jetzt Brit Pop und Grunge und nicht „Dancing with Tears in my Eyes“.

Mitte der Neunziger, nach dem Tod seines Vaters, begann Ure exzessiv zu trinken. „Nein, ich fühlte mich nicht einfach nur einsam, es war extremer“, erzählt er. Er empfand eine unfassbare Trostlosigkeit. „Als würde meine Welt Stück für Stück kollabieren.“ Sein Vater, ein Mann der Vernunft, hatte ihm immer Stabilität verliehen. Nun schien nichts mehr stabil, seine Karriere schon gar nicht. Das Gefühl, plötzlich eine Art Oldie-Sänger zu sein, schien ihn fertigzumachen.

Tochter erwischte ihn beim Trinken

Der bedeutsamste Tag in seinem Leben war weder der Tag, an dem er seinen ersten Synthesizer, ein wahrlich schweres Gerät, in seine Wohnung schleppte, noch der Tag, an dem er mit Geldof „Do they know it’s Christmas?“ schrieb, sondern der 10. August 2005. Seine damals 11-jährige Tochter Kitty beobachte ihn beim Trinken.

Er saß im Auto und dachte, sie wäre längst zum Strand gegangen, zu dem er sie mit ihrer Schwester gefahren hatte. Er nahm die Flasche aus dem Handschuhfach und setzte an. Dann bemerkte er sie. „Es war furchtbar, den Horror in ihren Augen zu sehen.“ Ure hörte von heute aus morgen auf. Der Entzug, sagt er, war das Schwierigste, was er jemals durchlebt hat. In seinem Lied „Fragile“ beschreibt er diese Phase so: „Genauso gut hättest du mich bitten können nicht zu atmen.“

Ure hat sich selbst gerettet. Vermutlich profitierte er dabei vom Achtziger-Revival, das auch Elektro-Pop-Kollegen wie OMD und The Human League guttat. Ure trat mehrmals bei den Konzertreihen „Night of the Proms“ und „Classic meets Rock“ auf. Zurzeit ist er auf „The 1980 Tour“, spielt mit seiner Band das komplette „Vienna“-Album und alle Visage-Hits, als wolle er die Sehnsucht nach etwas Gutem von früher stillen.

Für seine Musik braucht er kein Studio

Nervt die Nostalgie denn nicht? „Das hängt von der Tagesform ab“, sagt er. Manchmal fühle er sich wie ein „Has-been“, jemand aus dem Gestern, der nicht mehr ins System passt. Wobei er mit den heutigen „Karaoke-Sängern“ sowieso nicht tauschen wollen würde. So nennt er die in TV-Shows von ganzen Teams aus Songschreibern, Produzenten, Arrangeuren und Visagisten designten neuen Talente. „Sie singen die Songs anderer. Sie sind nur noch die Stimme.“

An anderen Tagen wiederum kann er es genießen, nicht mehr Teil eines Systems zu sein. Dann fühle er sich frei, sagt er. Zumal er weder Plattenfirma noch Studio mehr brauche, sondern nur einen Laptop, entsprechende Software und ein gutes Mikrofon. „Dann kannst du in deinem Schlafzimmer aufnehmen.“

Ure scheint sich mit seiner Verwandlung zum Classic Rocker abgefunden zu haben. „Ich gehöre der ersten, vielleicht zweiten Generation von Pop- und Rockmusikern an, der es erlaubt ist, alt zu werden und weiterzumachen, weil das Publikum mitgealtert ist.“

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